Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erlebte Aarau eine wahre Bildungseuphorie. Als Aushängeschild diente die 1802 auf private Initiative hin ins Leben gerufene Kantonsschule. Diese entwickelte sich allerdings sehr bald zu einem klassisch-humanistischen Gymnasium. Unter dem Rektorat des Altphilologen Ernst August Evers wurden die Lektionen in den Naturwissenschaften gekürzt, Latein und Altgriechisch zu Kernfächern erhoben und der Handelsunterricht ganz gestrichen.

Das blieb der bildungsbeflissenen, aber praktisch denkenden Elite in der Aargauer Kantonshauptstadt nicht verborgen. So kam es 1819, genau vor zweihundert Jahren also, als Novum in der nationalen Schulgeschichte zur Gründung des «Bürgerlichen Lehrvereins». Spiritus rector war einmal mehr Heinrich Zschokke, der für seine Idee Unterstützung innerhalb der Kulturgesellschaft erhielt. Seine Absichten für einen «Kontrapunkt» zur Kantonsschule hatte er bereits als Mitglied des Grossen Rats während einer Bildungsdebatte am 21. Juni 1819 geäussert: «Wir bedürfen in unserem Freistaat einer mannigfaltigeren Ausbildung unserer Jünglinge, nicht zu Gelehrten allein, auch zu kenntnisvollen Geschäftsleuten, Fabrikanten, Kaufmännern, Landwirten, Handwerkern oder Künstlern».

«Unpraktische Gelehrsamkeit»

Der «Lehrverein» verstand sich von Anfang an als Vorbereitung für ein Universitätsstudium oder als eine Möglichkeit des zweiten Bildungsweges, eine Art Polytechnikum. Das Institut stand «tadellos beleumdeten Jünglingen» ab 18 Jahren offen und machte sich getreu seines Leiters vor allem zur Aufgabe, «die unselige Trennung von unpraktischer Gelehrsamkeit und geistloser Bürgerlichkeit zu überwinden». Der kostenlose Unterricht fand vorerst nur im Winter statt und wurde von wissenschaftlich gebildeten oder beruflich erfahrenen Aarauern (neben Zschokke etwa Heinrich Remigius Sauerländer oder Franz Xaver Bronner) gratis bestritten. Die Teilnehmer, die man als «Lehrgenossen» bezeichnete, erhielten einen erwachsenen Tutor, jenen, die von auswärts kamen, stand eine Privatunterkunft zur Verfügung. Auch die Frage nach dem Schullokal war rasch entschieden, die Lektionen wurden in den Räumen des ehemaligen Wohnhauses von Heinrich Zschokke am Rain 18 abgehalten.

Kräfte für den jungen Aargau

Was man mit dem «Lehrverein» unter «praktischer und bürgernahen Bildung» verstand, geht es den ersten Stundenplänen hervor: Staatskundliche, historische und juristische Vorträge standen ebenso im Programm wie Chemie, Mechanik, Bergbau oder Waldwirtschaft. Die Schule sei «umso dringender, weil es gegenwärtig schwer ist, im jungen Kanton Aargau geeignete Männer für Staatsstellen und Ämter zu finden», hielt Zschokke drei Jahre nach der Gründung des «Lehrvereins» fest. Ergänzt wurde der Unterricht deshalb aus solchen Überlegungen durch Übungen im Aufsetzen und Halten von mündlichen Vorträgen. So blieb nicht viel Freizeit, die die «Lehrgenossen» aber nach den offiziellen Richtlinien durchaus bei einem Abendschoppen in einem Wirtshaus verbringen durften, allerdings «frühestens ab 5 Uhr am Nachmittag und längstens bis um 9 Uhr am Abend».

1823 gab Heinrich Zschokke die Leitung des «Lehrvereins» in die Hände von Ignaz Paul Vital Troxler, einem radikalen Hitzkopf, der Luzern aus politischen Gründen verlassen musste. Mit ihm öffnete sich der Aarauer «Lehrverein» für Studierende aus der ganzen Schweiz. Dem Lehrkörper gehörten auch Flüchtlinge aus Deutschland an, unter anderem der Nationalökonom Friedrich List mit Wurzeln in der heutigen Aarauer Partnerstadt Reutlingen. Troxler prägte den damals neuen Begriff «Mittelschule» und verstand den «Lehrverein» im Gegensatz zum «Herrenbübli»-Gymnasium als eine «freie Anstalt mit einer ganzheitlichen Allgemeinbildung, ohne eine einseitige soziale Selektion der Studierenden», wie es der Historiker Pirmin Meier umschrieben hat.

Die Saat ist aufgegangen

Mit dem Entstehen einer kantonalen Gewerbeschule 1826 (mit Direktionspräsident Zschokke) und dem Wegzug Troxlers an die Universität Basel nahm der Zulauf zum «Lehrverein» derart ab, dass er im Frühling 1830 seinen Betrieb einstellen musste. Doch die Saat in der «Pflanzschule liberalen Geistes» ging trotzdem auf: Das einzigartige Institut am Rain in Aarau lieferte nicht zuletzt auch entscheidende Impulse für die Reorganisation des höheren Schulwesens in der ganzen Schweiz, es prägte aber primär eine ganze Generation von Beamten und Politikern im Aargau und in anderen Kantonen, die entscheidenden Einfluss auf die Gründung des Bundesstaates von 1848 nehmen sollten. Zu den «Lehrgenossen» zählte auch der junge Augustin Keller, der 1841 als Regierungsrat die Aufhebung der aargauischen Klöster durchsetzte und nach 1848 auch als National- und Ständerat wirkte.