Vierfachmord Rupperswil

Pfarrer vor Trauerfeier: «Der Abschied ist nicht die Stunde des Bösen»

Pfarrer Christian Bühler in seinem improvisierten Büro in Rupperswil.

Pfarrer Christian Bühler in seinem improvisierten Büro in Rupperswil.

Pfarrer Christian Bühler leitet heute durch die Gedenkfeier für drei der vier Mordopfer. Die az sprach mit ihm über Gewalt, Trauer und Gott.

Verrückte Welt!», sagt Christian Bühler. Er wühlt in seinem Haar, schaut besorgt zum Fenster hinaus. Schneeflocken fallen vom Himmel herab auf den Friedhof. Es schneit, endlich, auch wenn eigentlich mehr Regen als Schnee fällt.

Christian Bühler, 54, reformierter Pfarrer in Rupperswil, sitzt an diesem Nachmittag im Obergeschoss des Kirchgemeindehauses. Auf einem aufgeklappten Saaltisch steht sein Laptop. Daneben: Lesebrille, Schlüsselbund, Kopfhörer.

Die Armbanduhr hat er ausgezogen, auf das improvisierte Pult gelegt. «Eigentlich habe ich da hinten schon ein Büro», sagt er und zeigt in den Flur hinaus, «aber hier habe ich besseres Licht und den Ausblick auf die Bahnlinie. Ich mag Züge.»

Vorbereitungen zur Trauerfeier von Rupperswil sind in vollem Gange

Vorbereitungen zur Trauerfeier von Rupperswil sind in vollem Gange

Wenn plötzlich ein Stück fehlt

Den Übergang vom alten ins neue Jahr hatte sich Bühler anders vorgestellt. Ruhiger. Froher. Doch dann, am 21. Dezember 2015, kam das Böse nach Rupperswil und damit in seinen Berufsalltag. «Ich habe schon viele Abdankungen gemacht. Kinder, Jugendliche, Suizid. Das gehört zu unserem Beruf. Aber das hier ist etwas völlig Neues.»

Das Leben bestehe aus Geschichten, die in der Regel zusammengesetzt stimmig seien, sinnvoll erschienen. «Wenn plötzlich ein Stück fehlt, für das wir keine Erklärung finden, ist das ganz schlimm.» Er verstehe gut, wenn sich Leute bei einem solchen Verbrechen fragten, wo der liebe Gott gewesen sei: «Das ist auch für mich eine Frage, die ich nicht beantworten kann.» Aber das Leben werde die meiste Zeit gefüllt mit Wunderbarem, mit Glück und Zufriedenheit. «Und das ist es, was uns jetzt Kraft gibt, all das, was wir in unseren Herzen und Seelen gespeichert haben.»

Bühler spricht langsam, überlegt, bevor er antwortet. Eigentlich wollte er dieses Gespräch gar nicht führen. Fernsehstationen, denen er bereits für Interviews zugesagt hatte, sagte er kurzfristig wieder ab. «Ich habe einfach gemerkt, dass mir das zu viel wird», sagt der Baselbieter, der eigentlich nur in einem 30-Prozent-Pensum in Rupperswil arbeitet, aber zum Zeitpunkt des Vierfachmords im Dienst war, weil Pfarrerin Christine Bürk mit Grippe im Bett lag.

Er sei froh, dass er von der Gemeinde unterstützt werde: «Die Landeskirche hilft mit, die Kirchenpflege kommt immer wieder vorbei und fragt, wie es geht, auch Dekan Lanz meldete sich bei mir.» Die Vorbereitung werde so zum Teamwork. Es gebe ganz viele Menschen, die etwas beitragen wollten. «Das ist für mich auch eine Antwort der Gesellschaft auf dieses Verbrechen. Sie sagt damit: So nicht! Wir sind nicht ganz hilflos!»

Die Tat bleibt draussen

Christian Bühler atmet tief durch, schaut wieder aus dem Fenster. Ein Zug fährt vorbei. Ja, es sei keine einfache Aufgabe, vor der er hier stehe. Ja, er habe sich viele Gedanken gemacht. «Aber für mich ist klar: Im Vordergrund steht ganz klar die Trauer der Betroffenen. Das Verbrechen darf nicht auch noch den Moment der Trauer beherrschen.»

Er halte die furchtbare Tat deshalb bewusst heraus: «Der Abschied ist nicht die Stunde des Bösen. Er soll denen gehören, die wir geliebt haben.» Dadurch werde aus dem Unbekannten auch wieder eine ihm vertraute Arbeit: «Im Grunde ist es ja einfach ein Abdankungsgottesdienst. Das kenne ich. Das kann ich.»

Der Gedenkgottesdienst für Carla, Dion und Davin Schauer beginnt heute Freitag um 14 Uhr. Die Organisatoren rechnen mit riesigem Interesse, die Feier wird deshalb auch ins Kirchgemeindehaus nebenan übertragen. Nebst Bühler wird auch Gemeindeammann Ruedi Hediger sprechen. Ein Organist und ein Hornist musizieren. «Und wir werden singen», so Bühler, «denn das trägt uns ein Stück weit.» Er werde Worte sprechen, die den Angehörigen helfen, «wieder ins Leben hinauszugehen». Bühler hält inne. Blick zum Fenster hinaus. Und sagt: «Falls man das hier überhaupt kann.»

Meistgesehen

Artboard 1