Bezirksgericht Aarau

Partnerin mit HIV angesteckt: Familienvater erhält Gefängnisstrafe

Beim Sex verwendete er jeweils ein Kondom, aber nicht beim Oralverkehr. Das wurde ihr zum Verhängnis. (Symbolbild)

Beim Sex verwendete er jeweils ein Kondom, aber nicht beim Oralverkehr. Das wurde ihr zum Verhängnis. (Symbolbild)

Das Bezirksgericht Aarau hat einen 48-jährigen Familienvater zu einer bedingten einjährigen Freiheitsstrafe verurteilt, weil er seine ehemalige Partnerin mit dem HIV-Virus angesteckt hat. Zur Frage, ob sie von seiner Krankheit wusste, gingen die Aussagen völlig auseinander.

Es fing an wie eine typische Romanze: Anna (alle Namen geändert) war gerade auf dem Weg nach Hause, als sie an der Bushaltestelle zufällig John trifft, in den sie sich unsterblich verliebt. Nach ihrem Gespräch beschliesst die alleinerziehende Mutter, den Liberianer wenige Tage später auf der Arbeit zu überraschen.

Von da an treffen sich Anna und John regelmässig. Sie werden intim, kommen kurz darauf zusammen. Dann wird Anna plötzlich krank. Sie hat Gliederschmerzen und Fieber, ist vier Tage ans Bett gefesselt. Die Diagnose: HIV-positiv.

John hat Anna angesteckt. Von seiner Krankheit wusste Anna nichts, John habe ihr nie etwas erzählt. Gestern musste sich der heute 48-jährige Familienvater deshalb wegen schwerer Körperverletzung und Verbreitung einer menschlichen Krankheit vor dem Bezirksgericht Aarau verantworten.

Als Anna als Auskunftsperson vor Gericht erschien, war sie einfach gekleidet, trug Jeans, einen Pulli, braune Stiefel. Die Beine der End-50erin waren übereinandergeschlagen. Sie schien aufgewühlt, peinlich berührt, als die Richterin fragte, wie genau der sexuelle Kontakt mit John ausgesehen habe. «Wir haben mit Kondom verhütet, wie man es macht, wenn man nicht in einer festen Beziehung ist.»

Das habe John so gewollt und für sie sei es normal gewesen. Einzig beim Vorspiel und wenn sie ihn oral befriedigte, hätten sie nicht verhütet. Weil John damals keine Medikamente nahm und hochansteckend war, reichte das bereits aus.

Wahrscheinlich durch Johns Lusttropfen infizierte sich Anna mit der gefährlichen Krankheit. «Ich habe mir während des Oralverkehrs nichts gedacht. HIV war nie ein Thema. Für mich stand ein gesunder Mensch vor mir», sagte Anna und rieb dabei nervös mit dem linken Daumen über den rechten Handrücken.

Aufklärung im Internet

Mit der Zeit sei sie dann aber doch misstrauisch geworden. Obwohl die beiden in einer festen Beziehung waren, habe John nicht auf das Präservativ verzichten wollen. «Ich habe ihm gesagt, dass wir einen Test machen können, damit er sicher sein kann, dass ich gesund bin.» Doch John sei ihr ausgewichen.

Dann habe Anna im Internet gelesen, dass HIV in Afrika sehr verbreitet ist. «Ich habe ihn gefragt, ob auch er das Virus habe.» John habe verneint. «Ich habe ihm geglaubt. Ich war verliebt», sagte Anna. Dann drehte sie sich zu John, der ebenfalls im Saal sass, blickte ihm in die Augen und sagte eindringlich: «Ja, ich habe dir geglaubt!»

John liess das kalt. Er beteuerte, Anna schon beim zweiten Treffen über seine Krankheit aufgeklärt zu haben. Sie habe darauf nicht besonders emotional reagiert. «Vielleicht wollte sie einfach Sex haben», sagte John. Er habe stets darauf geachtet, dass Anna nicht mit Sperma in Kontakt komme und immer mit Kondom verhütet, ausser beim Oralverkehr. Dieser sei nicht von ihm aus gekommen. Es sei Anna gewesen, die ihn auf diese Weise habe befriedigen wollen.

Auf die Frage der Gerichtspräsidentin, ob er Anna aufgeklärt habe, dass sie sich dadurch anstecken könne, wich John mehrmals aus. Auch über eine andere Frau, die er vor Anna angeblich angesteckt hat, wollte er nicht reden. «Ich habe die Situation erklärt. Anna hat das Risiko einer Ansteckung akzeptiert», sagte John immer wieder.

Seine jetzige Ehefrau (mit der John inzwischen drei gesunde Kinder hat) erzählte, ihr habe John schon von Anfang an von seiner Krankheit erzählt und sie seien noch vor dem ersten Geschlechtsverkehr zum Arzt gegangen. «Ich habe das Gefühl, dass Anna der Beziehung nachtrauert.»

Nach der Ansteckung hatte Anna John die Ansteckung verziehen, zumindest am Anfang. Über vier Jahre blieb sie mit ihm zusammen. «Ich war froh, dass ich jemanden hatte, mit dem ich reden konnte.» Plötzlich mit dem Problem alleine dazustehen, habe ihr Angst gemacht. «Meinen Kindern konnte ich nichts sagen. Aus Angst, sie anzustecken, konnte ich sie noch nicht einmal mehr streicheln.»

Auch heute leide sie noch immer stark unter der Krankheit, obwohl sie ein mehr oder weniger normales Leben führen könne. «Ich habe mich in meine vier Wände eingeschlossen. Ein Privatleben draussen gibt es nicht mehr.» Eine neue Beziehung sei für sie ausgeschlossen. Zu gross sei die Angst vor der Reaktion, wenn sie von ihrer Krankheit erzählen würde.

Die Richterin sprach John der Verbreitung einer menschlichen Krankheit frei. Der Tatbestand der «gemeinen Gesinnung» – der bösen Absicht – sei nicht gegeben. Der schweren Körperverletzung sprach das Gericht John aber schuldig. Die Aussagen von Anna seien glaubwürdig. John hingegen sei Fragen öfters ausgewichen. Das Gericht verurteilte ihn zu einem Jahr Haft. Die Strafe wird zur Bewährung ausgesetzt. Ausserdem muss er Anna 30'000 Franken Genugtuung und einen Schadensersatz zahlen.

John und seine Frau nahmen das Urteil regungslos entgegen, während Anna leise weinte.

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