Von aussen sieht die Zurlinden-Villa derzeit aus wie eine Braut. Weiss und leicht durchsichtig ist der Schleier, der über der Fassade des stattlichen Gebäudes an der Aarauer Bahnhofstrasse liegt. Doch drunter geht es alles andere als feierlich zu und her – hier wird umgebaut, saniert und restauriert.

Das Geld dafür kommt grösstenteils von der Stadt Aarau als Besitzerin, vom Bewohner der Villa – dem Schweizerischen Turnverband (STV) – und von der Denkmalpflege. Erst nach zähen Diskussionen hat sich der Einwohnerrat Ende 2015 dazu durchringen können, den Baukredit von 4,28 Mio. Franken zu sprechen (Nettoinvestition der Stadt: 2,9 Mio.). Immerhin sieht man jetzt schon, was aus dem Geld wird: Die az hat sich mit Projektleiterin Dominique Wyttenbach im Gebäude umgesehen.

Innenarchitektonische Sünden

Das Grüppchen hat die Villa kaum betreten, als Wyttenbach nach oben zeigt. «Hier haben wir das Eingangsportal freigelegt», sagt sie und weist auf die Türrahmen aus Marmor-Imitat hin. Vor der Sanierung waren sie mit Verputz bedeckt. Überhaupt nimmt das Freilegen von alten Strukturen, das Wiederentdecken und Aufhübschen bei den Bauarbeiten in der seit 1963 unter Denkmalschutz stehenden Villa einen grossen Stellenwert ein.

In den letzten Jahrzehnten hatten sich einige innenarchitektonische Sünden angesammelt. Das schöne Parkett war teils mit Kunststoff oder Teppich überklebt, Neonröhren hingen an den Decken, überall standen Regale und sperrige Büromöbel.

Die Villa wurde im spätklassizistischen Baustil zwischen 1850 und 1860 von einem Fuhrhalter gebaut. Bei den Umbauarbeiten kam eine Bodendiele zum Vorschein, die die Zahl 1866 trug. Wahrscheinlich wurde die Villa in diesem Jahr zum ersten Mal renoviert.

Diese Vermutung unterstützt eine Kaufurkunde aus dem Jahr 1865, gemäss der die Villa vom Fuhrhalter Hunziker an den Notar Lüscher überging. «Zu dieser Zeit hat man die Wände und Decken mit Blumen oder anderen lieblichen Mustern verziert», sagt Wyttenbach und zeigt auf ein Stück Wandmalerei, das unter dem weissen Putz hervorlugt.

1888 kaufte Zementfabrikant Friedrich Rudolf Zurlinden die Villa und baute sie nach seinem Geschmack um. «Herr Zurlinden hat die aufwändigen Holzschnitzereien reingebracht», sagt die Projektleiterin. «Vermutlich war ihm die bestehende Farbigkeit der Villa nicht mehr genügend à la mode.» Tatsächlich – das dunkle Holz, vor allem im Treppenhaus und im Entrée, wirkt gleichzeitig bedrückend und imposant.

1928 schenkte Zurlinden die Liegenschaft der Stadt Aarau – mit der Auflage, die Villa dem Schweizerischen Turnverband zur Nutzniessung zu überlassen. Der STV errichtete 1929 die beiden Seitenflügel und baute die Villa auch später für seine Bedürfnisse aus.

160 Jahre Baugeschichte

Für die aktuellen Arbeiten hat sich die Stadt mit der Denkmalpflege abgesprochen. Das Treppenhaus, die Zurlindenstube und der Empfangsraum bilden die Schwerpunkte der Restaurationsarbeiten.

Im Haus sind später Elemente aus über 160 Jahren Baugeschichte sichtbar: Bauzeitliche Elemente um 1850/60, Böden aus 1866, die dunklen Holzelemente aus der Zeit Zurlindens (um 1890), die Anbauten im Souterrain aus den 1980ern (ein Spätwerk des Architekten Jacques Schader), die in den 1990ern zu Büros ausgebauten Estrich und Mansardenzimmer der Zurlinden-Dienstmädchen, sowie die Massnahmen der laufenden Arbeiten (inklusive der notwendigen bautechnischen und haustechnischen Sanierung).

Während der Bauzeit sind einige kleine Überraschungen zum Vorschein gekommen. «An manchen Stellen haben wir fünf Schichten Tapete und Farbe runtergeholt», sagt Wyttenbach. «Sie haben sich teils schon fast von alleine gelöst.» In einem der Räume im Erdgeschoss fand sich eine schöne Arvenholzdecke unter den Farbschichten, ihre Fugen sind grün-rot gestrichen.

Deren Existenz kann sich Wyttenbach nicht erklären. «Arve war zu dieser Zeit nicht modisch. Herr Zurlinden hatte vielleicht irgendeinen Bezug zum Bündnerland.» Auffällig sind die zwei Öfen. Der im Argovia-Sitzungszimmer ist eine blosse Attrappe. Beide bleiben erhalten.

Im Empfangszimmer im Erdgeschoss kommt ein neuer Ofen rein. Doch was heisst neu – «den konnten wir aus dem Fundus eines Sammlers ergattern», sagt Wyttenbach. Ein Feuer wird darin nicht prasseln, aber er kann elektrisch temperiert werden.

Malereien werden wieder überdeckt

Im Büro des STV-Geschäftsführers, dem Rupperswiler Gemeindeammann Rudolf Hediger, ist ein kleines Stück der früheren Deckenmalerei zu sehen. Wahrscheinlich ein Blumenmuster. Der Rest ist weiss übermalt. Um die alten Malereien vollständig freizulegen, fehlt das Budget.

«Vielleicht lassen wir dieses kleine Stück hier frei, als eine Art Fenster in die Vergangenheit», sagt Wyttenbach. An zahlreichen Stellen sind Bruchstücke solcher Malereien hervorgekommen, müssen aber fachmännisch überdeckt werden. «Wenn spätere Generationen wollen und das Geld dazu haben, können sie es freilegen.»

Eine wichtige Änderung der Umbauarbeiten ist die Raumaufteilung. Bisher waren die Sitzungszimmer und Büros im ganzen Haus verteilt. Künftig sind alle Sitzungszimmer im Erdgeschoss. Das würde es theoretisch ermöglichen, einzelne dieser Räume auch öffentlich zugänglich zu machen, wie es der Einwohnerrat verlangte. Konkrete Pläne gibt es aber noch nicht.

Das grösste Sitzungszimmer liegt im Westflügel und war einst die Wohnung des ersten STV-Geschäftsführers. Kacheln und das Lavabo in der Ecke verraten, dass sich hier früher das Schlafzimmer befand. Das Lavabo bleibt – anstelle eines Wasserspenders. Eine Tür weiter war stets eine Küche, und hier kommt auch wieder eine rein. Die STV-Leute essen gern im Haus. Wyttenbach wischt mit dem Schuh Staub weg: «Hier drunter hat es Terrazzo-Plättli, aber sie wurden zugeklebt. Wir putzen sie jetzt frei.»

Im Keller, wo früher Berge von Akten und Gerümpel lagerten, wird ein Raum für Apéros oder kleine Events eingerichtet. Früher war das Gewölbe mit rot gestrichenem Zement überzogen. Der ist jetzt fort, der rohe Stein freigelegt. «Eine Idee des STV ist, die Sammlung an Wappenscheiben verschiedener Sektionen hier unten auszustellen», sagt Wyttenbach.

Die Fassade der Villa erhielt einen neuen Anstrich. Zwischen der Rückseite der Villa und der Turnhalle, wird es wieder Sitzgelegenheiten geben und gleichzeitig weniger Gebüsch, um das Sicherheitsgefühl zu erhöhen. Auch der Vorgarten auf der Bahnhofstrassenseite wird schön gestaltet.

Der nackte bronzene Jüngling, der so keck an den Fahnenstangen rumturnt, bleibt.
Die Arbeiten kommen gut voran. Im Sommer wird der Turnverband voraussichtlich wieder einziehen können. Davor wird es einen Tag der offenen Tür geben.