Sie wird auch «Klein-Istanbul» genannt: Die Aarauerstrasse in Buchs. Eine kurze Strasse, die mit ihren zahlreichen nahöstlichen Lebensmittelläden, Imbissen und Coiffeursalons für einen kurzen Moment vergessen lassen könnte, dass man im Aargau ist.

Die kulturelle Vielfalt spiegelt sich auf der Strasse und an den Schaufenstern wieder. Bei den Läden, die von Schweizern geführt werden – wie etwa diversen Bäckereien, Restaurants, Velo- oder Instrumentenfachgeschäften – zieren Poster eines Fotovortrags über Lappland oder Flyer über eine Metzgete die Glasfronten. An der Bushaltestelle oder an den Türen der türkischen und Syrischen Geschäften laden hingegen Plakate zu einem Konzert einer folkloristischen türkischen Band.

Die Einordnung dieses multikulturellen Angebots ist Ansichtssache. So äusserte Dieter Stüssi, SVP-Fraktionspräsident im Einwohnerrat Buchs, in der AZ kürzlich die Sorge, dass mit dem Zukunftsraum Aarau und einer möglichen Fusion zu einer Regionalstadt die soziale Durchmischung in Gefahr wäre: «Gewisse Bevölkerungsteile sind jetzt schon daran, Parallelstrukturen aufzubauen. Man sieht es in Buchs an der Aarauerstrasse. Wird der Raum noch grösser, dann schreitet diese Entwicklung voran».

«Ich fühle mich hier sehr willkommen» – Stimmen und Eindrücke aus der Aarauerstrasse in Buchs.

«Ich fühle mich hier sehr willkommen» – Stimmen und Eindrücke aus der Aarauerstrasse in Buchs.

Auf Nachfrage bestätigt Stüssi seine Bedenken: «Mir ist es wichtig, dass es in Buchs keine Quartiere gibt, die sich kulturell abkapseln. Es braucht eine gute Durchmischung, sonst haben diese Personen kein Interesse daran, die Sprache zu lernen.» Dem müsse man entgegenwirken, sagt Stüssi weiter: «Ich beobachte die Entwicklung an der Aarauerstrasse und bin besorgt, dass es in eine solche Richtung gehen könnte.»

Beim Wort Parallelgesellschaft stellen sich wohl einige Leute, die sich nicht an die Aarauerstrasse in Buchs vorwagen, vor, dass die ausländischen Betreiber dieser Läden an den Schweizern vorbeileben. Und umgekehrt. Parallelgesellschaft klingt nach «Ausländer unter sich».

Ein Augenschein vor Ort zeigt: Hier stossen Kulturen aufeinander, ohne zusammenzustossen. «Yeni Kasap» heisst der grösste Lebensmittelladen an der Aarauerstrasse. «Neuer Metzger» heisst der Laden übersetzt. Neu ist dieser aber nicht: «Diesen Laden gibt es bereits seit 25 Jahren», erklärt Mustafa Ülger in perfektem Schweizerdeutsch. Ein freundlicher Mann, 41 Jahre alt, der den Laden am ersten Januar dieses Jahres gemeinsam mit seiner Ehefrau Mürside übernommen hat. Dafür hat der Türke einen sicheren Job aufgegeben, den er seit 13 Jahren ausübte. Mustafa ist mit 14 Jahren in die Schweiz gekommen, genau wie seine Frau. Kurz vor dem Mittag verlässt diese die Kasse, um für die vier Kinder zu kochen: «Wir haben zwei Buben und zwei Mädchen, die hier geboren sind. Auf sie sind wir sehr stolz», sagt er. Beim Vorwurf der Parallelgesellschaft winkt Mustafa Ülger ab: «Jeder hat seine eigene Meinung, aber ich denke, das ist nicht so. Wir gehören zur Schweiz. Wir sind nicht unter uns. Wir tragen viel zu einem multikulturellen Leben bei.»

Reinkommen statt fernbleiben

Leute, die Bedenken haben, sollten unbedingt einmal vorbeikommen, sagt Mustafa: «Simit essen (ein türkisches Brot, Anm. der Redaktion), mit uns Kaffee trinken und uns kennenlernen.» Sehr viele arabische, afrikanische und asiatische Kunden kauften hier laut Mustafa ein, ebenso aber viele Schweizer. «Wir sind ein Spezialitätenladen. Was viele Grossverteiler nicht haben, führen wir.» So finden sich in den Regalen neben türkischen Spezialitäten auch Raritäten wie Aloe-Vera-Blätter.

Der Laden ist kurz vor dem Mittag gut besucht. «Ich bin froh, dass es solche Läden gibt», sagt Walti Göhner aus Othmarsingen, während er seinen Korb mit Kochbananen füllt. Er komme regelmässig hierher zum Einkaufen. Seine Frau stammt aus Kamerun. «Wir sind auf solche Nahrungsmittel angewiesen. Zudem ist es fast wie in den Ferien im Ausland, man bekommt Lust, etwas Neues zu probieren», sagt er lächelnd.

16-Stunden-Tag im Imbiss

Verlässt man den Laden und macht ein paar Schritte nach links, trifft man neben dem Eingang des Istanbul Imbiss & Takeaway auf einen überdimensionierten aufgeblasenen Kunststoff-Dönerspiess. Drinnen rüstet sich Harun Ürüncü für das Mittagsgeschäft. Er hat die Geschäftsführung des Schnellrestaurants vor eineinhalb Jahren gemeinsam mit seiner Frau Claudia – einer Schweizerin – übernommen: «Ohne sie könnte ich das nicht schaffen.» Harun lebt seit 2001 in der Schweiz, seit 2003 ist er verheiratet. Nach vielen Jahren als angestellter Imbissmitarbeiter hat er sich selbstständig gemacht. «Es war nicht so einfach, ein Geschäft aufzumachen. Nun haben wir uns etwas aufgebaut, das war harte Arbeit.»

Jeden Tag arbeitet er 15 bis 16 Stunden. Ausser am Sonntag, dies sei für ihn der Ruhe- und Familientag. Harun Ürüncü hat einen 13-jährigen Sohn. Ihm seien die Kunden wichtig, nicht deren Herkunft: «Es kommen Kosovaren, Schweizer, Türken, Albaner.» Die Aarauerstrasse in Buchs sei keine türkische, sondern eine Schweizer Strasse, sagt er. Er und seine Frau fühlen sich hier wohl: «Wir leben hier, alle zusammen. Das ist multikulturell.» Trotzdem würde sich Ürüncu wünschen, dass noch mehr Ladenbetreiber hierher kommen. «Schön wären Kleiderläden und Buchläden, eine gute Mischung. Dann wird die Strasse lebendiger und es kommen mehr Leute.»

Flüchtling ist jetzt Coiffeur

Überquert man die Strasse, trifft man im Coiffeursalon gegenüber auf Adnan Alzahab, einen bärtigen jungen Mann mit Brille und Lächeln im Gesicht. Er ist im neu eröffneten Coiffeursalon «Srour» angestellt. «Mein Deutsch ist nicht sehr gut», sagt er gleich am Anfang des Gesprächs entschuldigend. Es ist besser, als er denkt. Adnan ist 2015 als syrischer Flüchtling in die Schweiz gekommen, er hat seither zwei Deutschkurse gemacht. «Ich bin seit 20 Jahren Coiffeur. In Damaskus hatte ich einen eigenen Coiffeursalon». Adnan erzählt, wie er im Krieg alles verloren hat. Auch seine Mutter und seine zwei Brüder. Nun lebt er mit seiner Frau und seinen zwei Töchtern hier.

Die Kunden seien gemischt, es kämen Albaner, Italiener, Mazedonier, aber auch Schweizer hierher. Er spricht mit seinen Kunden Deutsch. Wie auch mit dem blonden jungen Mann, dessen Augenbrauen er mit einem Faden im Mund auf orientalische Art und Weise zurechtzupft. An der Aarauerstrasse in Buchs fühlt Alzahab sich wohl, die Nachbarn seien sehr nett, der Parkplatz sei praktisch für die Kunden. Der Salon «Srour» ist nicht der einzige syrische Coiffeursalon an der Strasse.

Die Schweizer Nachbarn

Es gibt auch Schweizer Geschäfte an der Aarauerstrasse – jedoch immer weniger, wie einige Angestellte mit ein wenig Wehmut erzählen. An ihre Stelle würden dann jeweils ausländische Geschäfte nachrücken. Tatsächlich ist vor nicht allzulanger Zeit die Apotheke weggezogen. «Nach weiter unten», also auf die andere Seite des Bahnübergangs, näher ans Dorfzentrum von Buchs, sagt eine Verkäuferin. Dadurch würden sich die Einheimischen nur noch «weiter unten» bewegen, also nicht mehr an der Aarauerstrasse. Das sei schade, sagt sie. Man habe absolut keine Probleme mit den ausländischen Nachbarn, «aber diese Geschäfte ziehen eine andere Kundschaft an».

«Wir leben gut nebeneinander», sagt eine Schweizerin in einem anderen Geschäft an der Aarauerstrasse. «Trotzdem hat man Angst, dass es hier irgendwann einmal nur noch ausländische Läden gibt, und das macht nachdenklich», fügt sie an.

Ein Schweizer sagt, es sei übertrieben, wenn man von einer Parallelgesellschaft spreche: «Man hat es gut miteinander, man kennt die anderen Verkäufer und auch ich gehe regelmässig einen Kebab essen.» Er verurteile niemanden, nur weil dieser eine andere Nationalität habe.