Bezirksgericht
Pablo – untergetaucht: Wenn Täter der Gerichtsverhandlung fernbleiben

Ein junger Mann aus Portugal begeht eine ganze Serie von Delikten. Doch vor der Gerichtsverhandlung taucht er ab. Er ist nicht der Einzige, der Vorladungen schwänzt. Beispiel eines notorischen Drückebergers.

Pascal Meier
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Das Bezirksgericht Aarau

Das Bezirksgericht Aarau

Aargauer Zeitung

Plötzlich blitzt die zehn zentimeterlange Klinge auf. «Gib mir Füürzüüg und Zigaretten», zischt Pablo (alle Namen geändert) und stellt sich in der Metzgergasse Reto in den Weg.

Reto spürt die Klinge auf dem Bauch, ist vor Schreck wie gelähmt. Erschrocken sind auch seine Kollegen, mit denen er an diesem Samstagabend durch Aarau zieht. «Nein», sagt Reto dann ruhig. Paolo verschwindet in der Dunkelheit.

Reto ist nicht der Einzige, der mit Pablo unangenehme Bekanntschaft gemacht hat. Der heute 23-jährige Portugiese prügelte sich schon als Jugendlicher, verübte Einbrüche und dealte.

Trotz Jugendstrafen blieb er auch als Erwachsener auf der kriminellen Laufbahn. Mit zwei Komplizen brach er ins Aarauer Musikhaus Zulauf ein.

Zudem widersetzte sich Pablo mehrmals der Polizei: Als er in die Wohnung seiner Ex-Freundin einbrach und diese die Polizei alarmierte, verbarrikadierte sich Paolo im Schlafzimmer. Er gab auf und landete für eine Nacht im Gefängnis.

Gericht: Schwänzen schützt vor Strafe nicht

Im Bezirksgericht Aarau bleibt der Stuhl des Beschuldigten öfters leer. Eine Statistik gibt es nicht, doch laut Gerichtspräsident Reto Leiser kommt das regelmässig vor. Betroffen seien vor allem jene Verhandlungen, bei denen jemand Einspruch gegen einen Strafbefehl der Staatsanwaltschaft eingelegt hat und der Fall damit vor Gericht kommt. «Manchmal kommen diese Personen vor der Verhandlung zum Schluss, dass sie doch keine grossen Chancen vor Gericht haben, und erscheinen nicht», sagt Leiser. «Die Einsprache wird damit hinfällig, was bereits in der Vorladung vermerkt ist». Bei Verhandlungen, wo die Staatsanwaltschaft Anklage erhoben hat, gebe es dagegen selten Absenzen.
Erscheint ein Beschuldiger nicht vor Gericht, setzt dieses einen zweiten Termin an und schickt nochmals eine Vorladung. Kommt der Beschuldigte auch dann nicht, kann das Gericht ein Urteil in Abwesenheit fällen. Dies ist aber nur möglich, wenn er sich schon zu den Vorwürfen äussern konnte, zum Beispiel bei einer Einvernahme. Beim Bezirksgericht Aarau setzt man dennoch alles daran, dass die beschuldigte Person anwesend ist. «Wissen wir, dass diese zu Hause ist und nicht kommen will, bieten wir die Polizei auf», sagt Reto Leiser. «Die Verhandlung findet dann später statt. Die Ausrede, die Vorladung nicht erhalten zu haben, zählt nicht. Diese wird von der Post als Gerichtsurkunde rechtsverbindlich zugestellt. Die Empfangsbestätigung enthält neben Namen und Unterschrift der Person, die sie entgegennimmt, auch, in welcher Beziehung diese zum Vorgeladenen steht.
Ist ein Beschuldiger verschwunden und besteht trotzdem Hoffnung, dass er verhaftet wird, kann ein Verfahren auch sistiert werden. In ganz seltenen Fällen stellt ein Gericht das Verfahren ein – dies, wenn völlig unklar ist, wo sich der Beschuldigte aufhält und die Tat bald verjährt. (pi)

Drei Monate zuvor war Pablo aus ähnlichen Gründen über Nacht ins Gefängnis gesteckt worden: Er beging Hausfriedensbruch, beschimpfte die alarmierten Polizisten als «Hurensöhne» und «Missgeburten». Es kam zur wüsten Prügelei, wobei beide Polizisten verletzt wurden.

Pablos Sündenregister umfasst zudem Fahren ohne Führerschein und Drogenkonsum. Fünfmal wurde er ohne Billett in Bussen und Zügen in der Region Aarau erwischt.

Der Ärger des Verteidigers

Für diese und weitere kleinere Delikte ist Pablo diese Woche vom Bezirksgericht Aarau zu 18 Monaten Gefängnis unbedingt verurteilt worden. Zudem muss er eine Geldstrafe von 900 Franken und eine Busse von 200 Franken bezahlen. Dazu kommen Schadenersatz-Zahlungen und Verfahrenskosten.

Wann Pablo seine Strafe absitzt und ob er die Forderungen je bezahlt, ist ungewiss. Pablo hat sich abgesetzt, vermutlich in sein Heimatland Portugal.

Sein Pflichtverteidiger kann ihn seit einem Jahr nicht erreichen. Die erste Gerichtsverhandlung platzte deshalb und auch bei der zweiten Verhandlung diese Woche zeigte sich Pablo nicht. Im Schwänzen hat er Erfahrung: Zuvor hatte Pablo sechs Vorladungen des Betreibungsamtes Buchs ignoriert.

Der Pflichtverteidiger musste deshalb diese Woche vor Gericht einen Mann verteidigen, den er ein Jahr lang nicht gesehen hatte. «Mich ärgert es, dass er nicht hier sitzt», eröffnete der Verteidiger sein Plädoyer. «Das hätte die Verteidigung erleichtert.» Denn allein aufgrund der Akten gewinne das Gericht kein gutes Bild seines Mandanten. «Das hätte er hier korrigieren können.»

Der Verteidiger gab trotzdem sein Bestes und beschrieb Pablo als «jungen Mann in gefährlicher Umlaufbahn», der mehrere Jahre im Heim gelebt hatte, die Lehre abbrach und jetzt nach vielen Jobs auf einem Schuldenberg von mehreren zehntausend Franken sitzt. Als er arbeitslos wurde, sei er auf die Gasse und in die Drogen geraten.

«Mit einer Tagesstruktur wäre es nicht so weit gekommen», sagte der Verteidiger. Er wolle die Taten nicht bagatellisieren, aber: «Die Taten liegen sicher nicht im Bereich grosser Kriminalität und die Deliktsbeträge sind zudem klein.»

Das Bezirksgericht folgte mit seinem Urteil dennoch weitgehend den Anträgen der Staatsanwaltschaft. Auf die Strafe hatte das Fernbleiben Pablos keinen Einfluss. Von Gesetzes wegen spielt dies beim Strafmass keine Rolle.

Pablo, der Unbelehrbare

Wo immer sich Pablo versteckt: Das Urteil wird ihn verfolgen. Sobald dieses rechtskräftig wird, liegt der Ball beim kantonalen Amt für Justizvollzug. Wie dieses im Fall von Pablo vorgeht, wird sich zeigen. In ähnlichen Fällen schreiben die Behörden einen abgetauchten Beschuldigten zur Fahndung aus; je nach vermutetem Aufenthaltsort in der Schweiz, der EU oder anderen Ländern. Kommt Pablo in Portugal in eine Verkehrskontrolle, könnten also die Handschellen klicken. Die Strafe würde er vermutlich in seinem Heimatland absitzen, da Portugal wie viele Länder eigene Staatsbürger nicht ausliefert.

Staatsanwaltschaft und Gericht stellten Pablo eine sehr schlechte Prognose aus. Das bewies Pablo in den vergangenen vier Jahren gleich mehrfach: Auch von drei Verhaftungen und einem laufenden Strafverfahren gegen ihn liess sich Pablo nicht davon abhalten, weitere Einbrüche zu verüben und sich mit Polizisten zu prügeln.