Serie "Strassennamen"

Oscar-Preisträger aus Möriken, US-Präsident mit Oberkulmer Wurzeln: Strassenschilder für Helden

Nur wenige Strassen im Westaargau ehren eine Persönlichkeit. Die Geschichten dahinter sind meist filmreif – etwa jene des dichtenden Nacktbaders.

Eine Strasse nach einem berühmten Menschen zu benennen, ehrt die Genannten – und erinnert die Passanten an die grossen Köpfe der Region, an Helden, an Pionierinnen, an Vorkämpfer. Doch nicht überall ist der Fall so klar wie beim Albert-Einstein-Weg in Aarau. Die Geschichten vieler Namensgeber sind inzwischen verblasst, vergessen oder nur gerade innerhalb der Gemeindegrenzen bekannt. Wer beispielsweise kennt schon die Geschichte des US-Präsidenten mit Oberkulmer Wurzeln? Wer weiss, woran die in Suhr aufgewachsene erste Schweizer Chirurgin Anna Heer gestorben ist? Und wer kennt die Geschichte des Oberentfelders Heinrich Zahn, der in Lenzburg gehängt wurde?

Der überrumpelte US-Präsident

Die Hooverstrasse in Oberkulm. Mehrfamilienhäuser, Thujahecken, Parkplätze. Eine Strasse zu Ehren von Herbert Clark Hoover, 31. Präsident der Vereinigten Staaten. Ein «bedeutender Oberkulmer», wie die Gemeinde auf ihrer Website schreibt.

Geboren 1874, gehört Herbert Hoover zu den ersten Abgängern der Stanford-Universität, sucht als Geologe und Bergbauingenieur in Australien, arbeitet in China und wird als Experte über die Erzindustrie zu einem internationalen Berater. Während des Ersten Weltkrieges leistet Hoover Pionierarbeit in der der humanitären Hilfe. 1921 wird er Handelsminister und 1928 zum Präsidenten gewählt. Dann kommt der Börsencrash. Hoover wird davon völlig überrumpelt, unterschätzt Ausmass und Auswirkung des Crashs als Beginn der Weltwirtschaftskrise, die in Amerika zur Massenverelendung führt. Die Amerikaner empfinden sein Handeln als mitleidlos, seine Popularität sinkt ins Bodenlose. 1932 hat er bei der Wahl keine Chance gegen Franklin D. Roosevelt. Nach seiner Amtszeit engagiert sich Hoover wieder in der Lebensmittelhilfe. 1946 gründet er die Unicef mit, 1964 stirbt er.

Doch was hat dieser Mann mit Oberkulm zu tun? Die Erklärung verbirgt sich hinter einem Schreibfehler auf einer Passagierliste aus dem Jahr 1738: Hier machte die Besatzung aus Andreas Huber kurzerhand einen Hoover. Dieser Andreas Huber wiederum war ein Enkel der Hubers, die 1665 von Oberkulm aus in die Pfalz in Deutschland ausgewandert waren. Eine Verbindung zu Oberkulm über sieben Ecken also. Aber eine, die bis heute hält.

Der mongolische Oscar-Gewinner

Kein Schreibfehler ist der «Yul-Brynner-Platz» in Möriken-Wildegg. Der schillerndste Sohn der Gemeinde schrieb sich im Gegensatz zu seinen Mörkner Mitbürgern mit zwei «n», damit die Aussprache seines Nachnamens auf Englisch nicht zu «Breiner» wurde. Durch Filme wie «Der König und ich» und «Die glorreichen Sieben» wurde der Schauspieler mit mongolischen Wurzeln berühmt. Durch seinen Vater führten die Wurzeln auch nach Möriken, wohin Brynner 1967 zum Dorffest eingeladen wurde, an dem Geld für ein Ferienhaus gesammelt wurde. Noch heute erinnern sich die Mörkner, wie der Weltstar dem Dorf seine Aufwartung machte. Yul Brynner trug mit einem grosszügigen Beitrag dazu bei, dass Generationen von Schulkindern auf der Bettmeralp ihre Ferien verbringen konnten. Bis der Oscar-Preisträger zu seinem eigenen Platz kam, dauerte es noch 47 Jahre: 2014 erhielt der neu gestaltete Dorfplatz den Namen Yul-Brynner-Platz.

Der dichtende Nacktbader

Wer den Wedekindrain in Lenzburg hinaufsteigt, hat das Schloss vor Augen. Hier hat der Dichter Frank Wedekind in den 1870er-Jahren seine Jugendjahre verbracht. Für eine Strasse an repräsentativerer Lage hat der Name offenbar nicht gereicht, aber immerhin für die Verbindung zwischen der Hendschikerstrasse und dem Steinbrüchliweg. Um den Dichter in Erinnerung zu behalten, hätte sich auch eine Umbenennung des St.-Niklaus-Brunnens auf dem Metzgplatz angeboten. Hier hat der junge Bohemien Frank Wedekind im September 1903 nachweislich ein Bad im Brunnen genommen – ohne Badehose. Eine spätere Schlossherren-Familie ist in der gleichen Umgebung ebenfalls zu Ehren gekommen. Im Gegensatz zum Wedekindrain heissen gleich mehrere Wegabschnitte oberhalb des Steinbrüchliwegs Ellsworthweg. Für eine andere Berühmtheit reichte ein Besuch auf Schloss Lenzburg, um in einem Strassennamen verewigt zu werden: Kaiser Barbarossa. Dieser erschien um das Jahr 1173 höchstpersönlich auf der Burg, um das Erbe des Grafen Ulrich IV. anzutreten. Der Barbarossaweg befindet sich westlich des Aabachs und kann statt Schlossnähe Schlossblick vorweisen.

Die entschlossene Ärztin

Sie ist eine Seltenheit: die Anna-Heer-Strasse in Suhr. Nur zwei Mal gibt es diese Strasse schweizweit; eine zweite findet sich in Zürich. Ganz generell sind Strassen, die eine Frau ehren, höchst selten. Mit Anna Heer wird die Ehre einer der ersten Schweizer Ärztinnen zuteil, der ersten Chirurgin und unter anderem ersten Präsidentin des von ihr mitbegründeten Schweizerischen Krankenpflegebundes.

Anna Heer wird 1863 in Olten als Tochter eines Schuhfabrikanten geboren, verbringt ihre Jugend aber in Suhr. 1881 immatrikuliert sie sich an der medizinischen Fakultät der Uni Zürich, legt 1888 das Staatsexamen ab und promoviert 1892. Gemeinsam mit der ersten Schweizer Ärztin, Marie Heim-Vögtlin aus Bözen, gründet sie 1901 die Schweizerische Pflegerinnenschule mit angeschlossenen Frauenspital und ist da bis an ihre Lebensende als Chefärztin tätig, arbeitet zeitweise bis zu 20 Stunden täglich. Bei einer Operation zieht Anna Heer sich eine Blutvergiftung zu, an der sie schliesslich 1918 mit nur 51 Jahren stirbt.

Der fliegende Pionier

An der Kurt-Lüscher-Strasse in Holziken liegt ein Hauch Kerosin in der Luft, da sprüht die Abenteuerlust – und da liegt die bleierne Schwere eines herben Verlustes. Es ist das Jahr 1929, als der 21-jährige Kurt Lüscher und der 22-jährige Thurgauer Oskar Käser in Portugal mit ihrer einmotorigen Maschine mit dem Namen «Jung-Schweizerland» aufbrechen. Die beiden jungen Piloten wollen schaffen, was zwei Jahre zuvor Charles Lindbergh geschafft hatte: Den Atlantik überfliegen.

Am frühen Morgen des 19. August brechen sie auf, im Gepäck sechs Thermoskannen mit Milchkaffee, 15 Sandwiches, Schokolade und zwei Flaschen Portwein, dazu sieben Kanister mit je 20 Litern Treibstoff und zwei Dosen Öl als Reserve. Das Flugzeug ist betankt mit 2100 Litern Treibstoff und 80 Litern Öl. Das alles sollte für 42 Flugstunden reichen. Doch damit ist die 1010 Kilo schwere Maschine heillos überladen.

Lüscher und Käser kommen nie in Halifax an. Seit 88 Jahren sind die beiden verschollen. Wo genau das Flugzeug ins Meer gestürzt ist, ist nicht bekannt. Ein letztes Mal wird die Maschine nach über zehn Stunden Flug über der Azoreninsel Terceira gesichtet. Im Holziker Familienregister ist hinter dem Namen Kurt Lüscher vermerkt: «In der Nähe der Azoreninsel im Meer ertrunken.»

Der hinreissende Rebell

Weit zurück führt der Heinrich-Zahn-Weg in Oberentfelden, und zwar über 360 Jahre. Heinrich Zahn war eine wichtige Figur im Bauernkrieg 1653, als die Untertanen gegen die Berner Herrschaft aufmuckten. Zahn sei ein «rechter Rebell und Kämpfer», gewesen, «voll Feuer und Hingabe, eigenmächtig, aber hinreissend und alle Brücken hinter sich abreissend», wie Hermann Haberstich in seiner Dorfchronik schreibt. Zahn war während des Aufstandes in den Dörfern zwischen Entfelden und Reitnau unterwegs, um für die Sache der Bauern zu werben und die Leute zu ermahnen, gegen die Stadt Aarau zu ziehen, die sich ebenfalls gegen das absolutistische Gebaren der Berner wehrte. Doch die Berner fackeln nicht lange und verhaften Zahn, schleppen ihn auf Schloss Lenzburg. Nach der Anhörung von über 40 Zeugen wird Zahn zum Tode verurteilt und am 22. August 1654 auf der Richtstätte Fünflinden gehängt.

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