Aarau
Opfer des «Sex-Lehrers» wird wegen falscher Anschuldigung angeklagt

Im Fall des ehemaligen Aarauer Bezirkslehrers, der im Herbst 2012 in einem Prozess wegen Sex mit einer minderjährigen Schülerin zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde, kommt es zu einem neuen Verfahren - gegen seine ehemalige Schülerin.

Thomas Röthlin
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Der Beschuldigte unterrichtete bis im November 2006 an der Bezirksschule Aarau

Der Beschuldigte unterrichtete bis im November 2006 an der Bezirksschule Aarau

Christoph Voellmy

Von ihren massiven Vergewaltigungsvorwürfen wurde der Mann, der 2002 bis 2005 ihr Liebhaber gewesen war, freigesprochen. Eine Mehrheit des Gerichts glaubte der Frau nicht. Deshalb stand zur Debatte, sie wegen falscher Anschuldigung zu belangen.

Staatsanwaltschaft wollte gar nicht

Die Staatsanwaltschaft Aargau bestätigt jetzt, gegen die heute 26-Jährige vor Bezirksgericht Aarau kürzlich Anklage erhoben zu haben. Die Untersuchungsbehörde fordert ein Jahr Gefängnis bedingt und 1000 Franken Busse.

Das überrascht: Noch zwei Monate nach der Gerichtsverhandlung gegen den Lehrer hatte dieselbe Behörde schriftlich mitgeteilt: «Die Staatsanwaltschaft wird gegen das Opfer (...) kein Strafverfahren wegen falscher Anschuldigung einleiten.»

Ihre damalige Haltung begründet die Staatsanwaltschaft heute so: Die Frau sei vor Gericht in so schlechter psychischer Verfassung gewesen, dass ihr kaum hätte nachgewiesen werden können, den Mann vorsätzlich falsch angeschuldigt zu haben.

Die Frau legt ein Geständnis ab

Für ein Umdenken sorgte der Verteidiger des Lehrers, Rechtsanwalt Urs Oswald. Er reichte gegen die Schülerin im Dezember 2012 Strafanzeige ein – obwohl falsche Anschuldigung ein Offizialdelikt ist, das auch ohne Anzeige untersucht werden müsste.

Die Anklage erfülle ihn mit einer «gewissen Genugtuung», sagt Oswald. Sein Mandant hatte die gescheiterte Liebesbeziehung eingestanden; wegen der neu auftauchenden Vorwürfe – darunter auch Prostitution und Entführung – wurde allerdings jahrelang gegen ihn weiterermittelt.

Dass auch die Ermittlungen gegen die Frau nochmals ein Jahr dauerten, obwohl die angeblichen Vorkommnisse mit Alibis längst hatten widerlegt werden können, begründet die Staatsanwaltschaft mit «sehr zeitintensiven» Vorladungen und Einvernahmen: Die Frau lebe und studiere inzwischen in Skandinavien. Im September 2013 habe sie «überraschend» ein Geständnis abgelegt, so die Untersuchungsbehörde weiter.

Urteil gegen Mann ist rechtskräftig

Im August war das Urteil gegen den Lehrer von der zweiten Instanz bestätigt worden. Der Verteidiger der Schülerin blitzte mit seiner Berufung vor Obergericht ab. Auch das höchste Aargauer Gericht kam zum Schluss, die Klägerin habe den Beschuldigten mehrfach falsch der Vergewaltigung bezichtigt, nachdem die fatale Liaison aufgeflogen war. Die Behörden hatten Liebesbriefe und Videos gefunden, welche Lehrer und Schülerin beim einvernehmlichen Sex zeigen – «unverkennbare Liebesbezeugungen eines verliebten Teenagers».

Das Obergerichtsurteil ist inzwischen rechtskräftig. Rechtsanwalt Patrick Stutz verzichtete namens seiner Mandantin auf einen Weiterzug ans Bundesgericht. Auch ihn überrasche die jetzige Anklage, sagt Stutz. Er erklärt sie mit dem «massiven Druck», den der Lehrer auf die Staatsanwaltschaft ausgeübt habe.

Das vormalige Opfer werde nun zur Täterin gemacht. «Meine Klientin hat in emotionaler und psychischer Notsituation Aussagen gegen den vormaligen Täter gemacht, welche ihr jetzt zum Verhängnis werden», so Stutz weiter. Sie werde sich «mit allen zur Verfügung stehenden rechtlichen Mitteln gegen diese ungerechtfertigte Anklage zur Wehr setzen, weil sie kein Unrecht begangen hat und sich unschuldig fühlt».

Lehrer erwägt Schadenersatzklage

Dabei wird die Frau nicht nur eine weitere Gerichtsverhandlung über sich ergehen lassen müssen. Je nach Urteil überlegt sich Anwalt Urs Oswald auch eine anschliessende Schadenersatzklage. Am Strafverfahren nimmt der Lehrer schon mal als Privatkläger teil, womit ihm Parteirechte wie etwa Beweisanträge zustehen.

Ihr gefordertes Strafmass wird die Staatsanwaltschaft vor Gericht begründen. Würde sie auf maximal die Hälfte, also sechs Monate Freiheitsstrafe plädieren, könnte das Verfahren mit einem Strafbefehl erledigt werden – ohne öffentlichen Prozess.