Ein Schlag ins Gesicht: Bereits 1080- mal klingelte bei der Anlaufstelle gegen häusliche Gewalt Aargau dieses Jahr schon das Notruf-Telefon. Trotzdem: Die Gewalt an Frauen werde bagatellisiert und nicht wahrgenommen, sagt Jael Bueno, Leiterin des Frauenhauses Aargau-Solothurn.

Anlässlich der Aktion «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» lud das Netzwerk frauenaargau.ch zu einem Abend, der auf die Gewalt im trauten Heim aufmerksam machen sollte. Der Anlass fand vergangenen Donnerstag in Form einer Podiumsdiskussion im katholischen Pfarreizentrum Aarau statt.

Moderiert wurde die Veranstaltung von Bea Stalder. Ihre Gesprächspartnerinnen waren die Nationalrätin Doris Stump, Marianne Koch von der Kantonspolizei Aargau und Jael Bueno, Leiterin des Frauenhauses Aargau-Solothurn. «Es ist gut, wenn darüber gesprochen wird», sagt Koch von der Kantonspolizei dann auch zu Beginn der Veranstaltung. Denn die Opfer schweigen oft.

Noch viel zu tun

688-mal musste die Kantonspolizei dieses Jahr bereits ausrücken wegen Frauen, denen Gewalt angetan wurde. Trotz dieser erschreckenden Zahl habe sich einiges getan in den vergangenen Jahren, meint sie. Als Koch vor dreissig Jahren ihre Tätigkeit bei der Kantonspolizei aufnahm, war es höchst selten, dass eine Frau aus diesem Grund die Nummer der Polizei wählte.

Damit Strafanzeige erstattet wird, muss allerdings mindestens zweimal ein Polizeieinsatz erfolgen. Diese Tatsache erregte die Gemüter des Publikums, das aus vielen Frauen und einem Mann bestand. Koch musste darum mehrere Male betonen, dass die Polizei eine Ermittlungs- und keine Sozialbehörde sei.

Seit dreissig Jahren kämpft Nationalrätin Stump für die Rechte der Frau. «Mir geht das viel zu langsam», sagt sie. Vieles habe sich zwar verändert, aber die Arbeit sei noch lange nicht getan. Denn trotz Hilfestellungen, wie zum Beispiel die Anlaufstelle gegen häusliche Gewalt Aargau, fehle vielen Frauen nach wie vor der Mut, Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Würde des Opfers

Eine Fluchtmöglichkeit für gewaltbetroffene Frauen ist das Frauenhaus Aargau-Solothurn. Es biete zwölf Plätze für Frauen mit ihren Kindern. Im Frauenhaus sollen die Gewaltopfer und ihre Kinder das Selbstbewusstsein wiedererlangen, das ihnen durch die Gewalterlebnisse genommen wurde.

Aufgenommen werden kann allerdings nur, wer die Opferqualitäten erfüllt: «Dazu gehört leider eine sichtbare Verletzung», erklärt Bueno. Sie fügt hinzu, dass das System sensibilisiert werden muss, damit die Würde des Opfers besser respektiert werden kann, weil: «Keine Frau kommt ohne Grund in ein Frauenhaus.»

Menschenrechte sind Frauenrechte

Die Moderatorin Bea Stalder fragte zum Schluss ihre drei Gäste nach einem Wunsch für die Zukunft. Nationalrätin Stump hätte gerne eine gesamtschweizerische Präventionskampagne. Das müsse bereits in den Schulen anfangen: «Mädchen müssen wissen, dass sie sich Gewalt in keiner Form gefallen lassen müssten», sagt sie.

Einen triftigen Grund für das geringe öffentliche Interesse sieht Stump darin, dass viele einflussreiche Leute sich nicht persönlich bedroht fühlen von Gewalt, die sich hinter verschlossenen Türen abspielt, und sich darum nicht dagegen einsetzen. Auch Bueno ist eine intensive Prävention gegen häusliche Gewalt ein grosses Anliegen. Sie kämpft darum auch für mehr Geld, um Gewaltopfern besser helfen zu können. Und Koch wünscht sich ganz einfach: «Weniger Notfälle.»

Als Symbol für die Opfer im Aargau brannte eine Kerze der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, weil Menschenrechte eben auch Frauenrechte seien.

Kontakt Anlaufstelle gegen häusliche Gewalt Tel. 062 550 20 20 oder E-Mail info@ahg-aarau.ch