Coronakrise

Online-Angebot schlug ein wie eine Bombe – warum es für diesen Aargauer Biohof Fluch und Segen ist

Im Gewächshaus in Küttigen statt auf dem Markt in Wildegg: Sibylle Siegrist.

Im Gewächshaus in Küttigen statt auf dem Markt in Wildegg: Sibylle Siegrist.

In der Krise stellen kleine Betriebe notgedrungen auf einen Onlineshop um. So auch Sibylle Siegrist mit ihrem Shop für Setzlinge. Dabei stösst sie an logistische Grenzen.

Sibylle Siegrist steht auch am Sonntag keine Sekunde still: Hier Tomatensetzlinge giessen, dort verpacken und Bestellungen prüfen. Siegrist hat sich auf die Aufzucht von seltenen Tomatensorten spezialisiert. «Baselbieter Röteli» und «Amish Pasta», «Französisches Ochsenherz» und «Red Zebra» warten darauf, an Kunden geliefert zu werden; «Pomodorrini di Sardegna» sind, im Gegensatz zu «Moneymaker», der Kassenschlager.

Eigentlich wäre Siegrist am Sonntag auf Schloss Wildegg am Pro-Specie-Rara-Markt gewesen. Es wäre ein schöner, sonniger Tag geworden und die Kunden hätten ihre Setzlinge gleich vor Ort gekauft und mitgenommen. Aber der Markt wurde abgesagt, so wie die vielen anderen in der ganzen Schweiz, an denen Siegrist und ihr Team die Setzlinge verkaufen würden. Pflanzen, die sie liebevoll in ihren Gewächshäusern an der Küttiger Kirchbergstrasse gezogen hat. Knapp drei Viertel ihres Jahresumsatzes macht Siegrist normalerweise in den vier Wochen von Mitte April bis Mitte Mai, den Rest unter dem Jahr mit dem Hofladen und dem Gemüsemarkt in Aarau.

«Pflanzen einzustampfen ist etwas vom Schlimmsten»

Als sich die Coronakrise schon vor der Aussaat am 8.März ankündigte, hat Siegrist gezweifelt – wird das was dieses Jahr? «Mein Partner hat mich ermuntert, dennoch auszusähen», sagt die Gärtnerin. «Und die Pflanzen kamen super. Aber dann kam der Lockdown und es war absehbar, dass die Märkte nicht stattfinden können. Ich habe mich gefragt, ob ich die Setzlinge überhaupt noch Pikieren soll, wenn ich sie dann doch nicht loswerde. Aber es sind Lebewesen, ich konnte sie nicht einfach vernichten. Pflanzen einzustampfen ist für einen Gärtner etwas vom Schlimmsten und ich führe viele ganz besondere Sorten, die ich seit Jahren ziehe.»

Freunde organisierten ihr zum Geburtstag am 15. März schliesslich einen eigenen Onlineshop für ihre Website. Und über einen anderen Marktfahrer kam Siegrist mit «Gebana» in Kontakt. Das ist ein Onlineshop, der mit lokalen Kleinproduzenten arbeitet und ihre Produkte vermarktet. Unter anderem auch auf Facebook. «Ich kenne mich damit zwar nicht aus, aber ich habe zugesagt.»

Die Angebote schlugen ein wie eine Bombe – so sehr, dass Siegrist in die Bredouille kam. «Auf Grund einer solch überwältigenden Nachfrage nach unseren Tomaten- sowie Peperoni- und Auberginensetzlingen sind wir logistisch, personell und zeitlich überfordert», schrieb sie vor einigen Tagen auf ihrer Website. Und: «Da ich auch während der Nacht noch am Bestellungenmachen bin, sei es in Wirklichkeit oder auch im Schlaf, und ich den Überblick über die Bestände der 145 Sorten Tomaten, der 25 Sorten Peperoni, der 25 Sorten Chili, 15 Sorten Zucchetti, 30 Sorten Kürbisse, fünf Sorten Krautstiele und Gurken und unserer zwei Katzen und deren zwei Jungen fast verloren habe, fühle ich mich gezwungen, den Shop vorübergehend zu schliessen.»

Fast alle Pflanzen kommen in neue Hände

Stand jetzt kann Siegrist diese Saison keine weiteren Bestellungen entgegennehmen. Sie und ihr Team sind derzeit von frühmorgens bis spätabends daran, die Eingänge – an die 700 im Onlineshop und über 1500 via «Gebana» – abzuarbeiten. Zwar freut es sie enorm, dass nun die meisten ihrer Pflanzen wegkommen. Sie fragt sogar andere Produzenten an, ob diese zu viele Tomatensetzlinge haben und mithelfen wollen, den Bedarf aus Siegrists Bestellungen zu decken und gleichzeitig Pflanzenwaste» zu verhindern.

Und doch sagt die Gärtnerin: «Ein Onlineshop verursacht einen gewaltigen Logistikaufwand. Am Marktstand kaufen die Leute vielleicht zwanzig Setzlinge, aber nur vier bis sechs Sorten, weils schnell gehen muss. Vor dem Computer haben sie Zeit, sich zwanzig verschiedene Sorten auszusuchen – was das Rüsten für uns komplizierter macht.» Kommt hinzu, dass Siegrist und ihr Team die Bestellungen des eigenen Shops ausliefern, weshalb sie nun Routen austüftelt, um möglichst wenige Kilometer zurücklegen zu müssen. Immerhin: «Die Gebana-Bestellungen haben wir per Post verschickt – von bisher 700 Päckli sind nur drei beschädigt angekommen, das hat mich positiv überrascht.»

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