Aarau

Ohne Suhr kein Zukunftsraum? 10 Antworten zur Grossfusion

Wird Suhr Teil der neuen Hauptstadt? Der Zukunftsraum wird dieses Jahr zu reden geben. (Archivbild)

Wird Suhr Teil der neuen Hauptstadt? Der Zukunftsraum wird dieses Jahr zu reden geben. (Archivbild)

Die Grossfusion im Raum Aarau geht in die entscheidende Phase. Nächste Woche wird die Bevölkerung in Suhr und Aarau informiert.

Suhrs Gemeindepräsident Marco Genoni hat es bereits in seiner Neujahrsrede angedeutet: «Dieses Jahr wird geprägt sein vom Zukunftsraum Aarau», sagte er im Zentrum Bärenmatte. Dort wird es am Dienstag eine Info-Veranstaltung geben mit dem Titel: «Bleibt Suhr selbstständig oder wird es Teil der neuen Hauptstadt?» Einen Tag später findet eine Info in Aarau statt. Wie geht es weiter mit dem Zukunftsraum? Zehn grundlegende Fragen und Antworten:

1. Worüber wird am Dienstag in der Bärenmatte und am Mittwoch im KuK informiert?

Die Ergebnisse der Fusionsanalyse werden vorgestellt und die weiteren Schritte dargelegt. In einer moderierten Diskussionsrunde wird die Bevölkerung Fragen stellen können.

2. Gibt es Neuigkeiten?

An einer Medienkonferenz im Dezember wurde die Einteilung der möglichen neuen Stadtverwaltung in fünf Departemente aufgezeigt, die auf verschiedene Standorte verteilt würden. Für die Fusionsgemeinde wurde ein Steuerfuss von 97 Prozent angekündigt. Es ist nicht davon auszugehen, dass nun weitere bedeutsame Neuerungen präsentiert werden. Vielmehr wird es darum gehen, die Fusionsskeptiker in Aarau – aber wohl vor allem in Suhr – zu beruhigen.

3. Was wird dieses Jahr alles beschlossen?

Für den 20.6.20 – «ein Datum, das man sich gut merken kann», wie Marco Genoni sagte, haben sich die Suhrer etwas einfallen lassen: Statt wie üblich in der Bärenmatte wird die ausserordentliche Gemeindeversammlung draussen auf der Wiese beim Schulhaus Dorf stattfinden. Es wird die erste Landsgemeinde in der Geschichte Suhrs – und womöglich auch die letzte. Die Stimmbürger entscheiden, ob sie konkrete Fusionsverhandlungen im Zukunftsraum wollen oder nicht. Über die eigentliche Fusion wird also noch nicht entschieden. Dies würde voraussichtlich 2022 mittels Volksabstimmung geschehen.

Wie Suhr entscheiden die vier anderen Gemeinden über die Ausarbeitung des Fusionsvertrags: Am 8. Juni stimmen Ober- und Unterentfelden an ihren Gemeindeversammlungen und der Aarauer Einwohnerrat ab, am 12. Juni Densbüren. Sagen die Gemeinden «Ja», werden separat die Fusionsverträge Densbüren–Aarau und Oberentfelden–Unterentfelden–Aarau ausgearbeitet. 2021 würde dort über die Fusionen abgestimmt. Der Fusionsvertrag Suhr–Aarau bräuchte mehr Zeit.

4. Welche Argumente für eine Fusion werden aufgeführt?

Als Hauptvorteil führt die Projektgruppe einen effizienteren Einsatz von Steuergeldern und personellen Ressourcen auf. Stadtentwicklung, Infrastruktur oder Mobilität könnten gemeinsam intelligenter geplant und Entscheidungen, die alle betreffen, demokratischer gefällt werden. Statt eines Filzes von Zusammenarbeitsverträgen gäbe es klare Strukturen. Aarau als Wirtschaftsstandort hätte national mehr Gewicht. In einem Interview vor drei Jahren sagte die Präsidentin des Vereins «Zukunft Suhr», Martha Brem, sie erhoffe sich von einer Fusion mehr Lebensqualität und bessere Leistungen. Dinge wie Schulraumplanung oder Kinderbetreuung etwa könnten besser aufgegleist werden.

5. Welche Argumente sprechen dagegen?

Die Projektgruppe räumt ein: Jede Gemeinde kann heute in ihrem Zuständigkeitsbereich selber entscheiden. Als Stadtteil würde diese Kompetenz wegfallen. Mitglieder der fusionskritischen IG Pro Suhr sagten ebenfalls vor drei Jahren, bei einem Zusammenschluss würde Suhr «ein bürgerliches Recht an den Einwohnerrat delegieren». «Dort bestimmen Parteifraktionen und nicht der einzelne Bürger», sagte IG-Mitglied Martin Saxer. Gemäss den geplanten Wahlkreisen würde Suhr 14 der 50 Einwohnerräte der neuen Stadt stellen. «Ab einer gewissen Grösse ist man einfach unflexi­bler», sagte IG-Mitglied Andreas Ort. Nebst verlorener Unabhängigkeit und der Angst vor Beschlüssen «aus Aarau» wird von Fusionsgegnern oft ein Verlust der eigenen Identität erwähnt. In der Repol, der Kesd oder beim Schwimmbad arbeitet Suhr heute mit Gränichen und Buchs. Diese Verbindungen aufzulösen, wäre eine Hürde.

6. Warum ist Buchs letztes Jahr vom Projekt abgesprungen?

Im Februar 2019 stimmte die Bevölkerung von Buchs gegen einen Wiederbeitritt zum Zukunftsraum. Finanziell wäre eine Fusion für Buchs eigentlich interessant, eben erst musste die Gemeinde die Steuern erhöhen. Ausserdem führt sie zusammen mit Aarau die Kreisschule, welche bei einer Grossfusion im Zukunftsraum wohl wieder aufgelöst würde. Dennoch wollten sich die Buchser ihre Selbstständigkeit erhalten. Kommt die Grossfusion zu Stande, würde Buchs als geografische Lücke inmitten der neuen Stadt klaffen.

7. Wie stand die Suhrer Bevölkerung bisher zum Projekt?

In Suhr stand das Projekt schon auf der Kippe: An der Gmeind im November 2016 wurde ein Verbleib im Zukunftsraum mit 199 Nein gegen 182 Ja knapp abgelehnt. Drei Monate später folgte eine Referendumsabstimmung, die wieder knapp ausfiel, diesmal aber zugunsten des Projekts: 1328 Ja gegen 1227 Nein. Ein Ja oder Nein im Juni könnte ein reiner Zufallsentscheid sein und würde einem fakultativen Referendum unterstehen.

8. Was sagen die lokalen Politiker und Parteien?

Drei Suhrer Gemeinderäte, darunter der heutige Gemeindepräsident Marco Genoni, sind Mitglieder des Vereins «Zukunft Suhr», der dem Zukunftsraum positiv gegenübersteht. Das muss aber nichts heissen. «Beim Thema Zukunftsraum bin ich gespalten», sagte Marco Genoni in einem Interview vor zwei Jahren. Seiner Neujahrsrede nach zu urteilen ist er weiterhin hin- und hergerissen: «Je nachdem, wie man es sieht, überwiegen die Vor- oder Nachteile», sagte er. Und Gemeinde-Geschäftsführer Philippe Woodtli sagte im Zusammenhang mit der Landsgemeinde: «Die Gemeindeversammlung ist eine Eigenheit von Suhr. Wir haben das Gefühl, dass das Modell Zukunft hat.» Ob das als Zeichen einer Haltung für ein eigenständiges Suhr zu werten ist? Bei den Ortsparteien ist die SVP tendenziell dagegen. Im Blog der SP Suhr «Echo vom Suhrerchopf» liest man derweil nur Positives zum Zukunftsraum.

9. Wie steht es um die Finanzen von Suhr ohne Fusion?

2020 erhält die Gemeinde 2,49 Mio. Franken Finanzausgleich, etwas weniger als Oberentfelden mit 2,542 Mio. Franken. Aarau steuert 7,067 Mio. Franken bei. Bei einer Grossfusion bliebe ein Teil des Aarauer Geldes in der Region. In Suhr stehen Investitionen im zweistelligen Millionenbereich an wie etwa die Umfahrung (Projekt Veras).

10. Kann es ohne Suhr einen Zukunftsraum geben?

Sagt die gewichtige Gemeinde Suhr Nein zum Zukunftsraum, verliert dieser an Tragweite. Mit über 10000 Einwohnern hat Suhr Stadtgrösse und wichtige Unternehmen. Ohne Suhr könnte die Fusion unter den übrigen Gemeinden bereits 2024 über die Bühne gehen. Ziel des Projekts ist aber, «eine neue Hauptstadt gemeinsam zu entwickeln und nicht Aarau einfach räumlich zu vergrössern», sagen die Projektverantwortlichen. Mit Suhr würde ein Zukunftsraum, der diesen Namen eher verdient, 2026 Tatsache.

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