Aarau

Oberturm-Uhrwächter Werner Ziswiler: «Mein Arbeitsweg hält mich fit»

Kaum je steht die Uhr am Obertorturm so im Mittelpunkt wie am Maienzug. Werner Ziswiler sorgt seit 40 Jahren dafür, dass sie pünktlich ist.

Punkt 3 Uhr: Die Räderuhr rattert, die Zahnräder drehen sich um eine Position und fallen in die Kerbe. In Aarau läuten die Glocken des Obertorturms insgesamt siebenmal; viermal für die Viertelstunde, dreimal um die vollen Stunden anzugeben. Die Uhr wird seit 500 Jahren von Hand aufgezogen, seit 40 Jahren ist Werner Ziswiler dafür verantwortlich.

Der 72-jährige Werner Ziswiler lebt seit 45 Jahren in Aarau. Seine Augen sprühen vor Energie und wenn er spricht, kann man sich gut vorstellen wie er als junger Mann ausgesehen hat. Heute hat er kurzes weisses Haar und eine schlanke Statur. Nicht zuletzt, weil er als städtischer Uhrenrichter jeden Tag die 130 Treppenstufen in den neunten Stock des Oberturms hinaufsteigt, um die Räderuhr aufziehen und das Pendel nach der Uhrzeit zu richten. «Mein Arbeitsweg hält mich fit», sagt Werner Ziswiler und lacht.

Uhrwächter mit Herz und Seele

Nachdem im Uhrwerk wieder Ruhe eingekehrt ist, erklärt Werner Ziswiler minutiös, wie sie funktioniert: «Komplett mechanisch. Alle 33 Stunden müssen die Seilwalzen aufgezogen werden. Damit ziehe ich die Gewichte, die daran hängen, nach oben.» Zudem erledigt er alle Wartungsarbeiten selber, ausser Schweissarbeiten. «Ich musste erst einmal eine der drei Walzen ersetzten», erklärt der Uhrenrichter. Bei den anderen beiden Walzen handle es sich noch um die Originale. Zweimal im Jahr stellt er die Sommer- beziehungsweise die Winterzeit ein. Und natürlich habe er auch schon ein Telefonat erhalten, weil einem Stadtbewohner aufgefallen war, dass die Uhr falsch geschlagen hat. «Dennoch, ich mache die Arbeit nun seit 40 Jahren und liebe sie noch immer», sagt Werner Ziswiler.

Fahrgast motivierte ihn

Am 1. Juni 1979 stieg er das erste mal die Treppen zum Uhrwerk hinauf. Aber wie kam es dazu? Seine Kindheit und Jugend waren schwierig. Er wuchs als Verdingkind in der Nähe von Sursee auf. Gerne hätte er eine Mechaniker-Lehre absolviert: «Ich war schon immer ein Allrounder und interessierte mich für Technik.» Statt lernen zu dürfen musste er vor allem Geld verdienen. Mit 18 Jahren machte er die LKW-Prüfung. Während elf Jahren fuhr er in ganz Europa umher – Deutschland, Dänemark, England. 1972 absolvierte er die Prüfung zum Bus- und Carfahrer, und zwei Jahre später begann er für den Busbetrieb Aarau (BBA) zu arbeiten. «Ich hatte auch ein Angebot aus Luzern, aber Aarau passte mir einfach», sagt Werner Ziswiler.

Die Buslinie 4 besiegelte sein Schicksal als Uhrenwächter von Aarau: «Jeden Tag um 12 Uhr stieg ein älterer Herr bei der Haltestelle Rathausgasse in den Bus ein, um nach Suhr zu seiner Schwester zu fahren. Er schaute immer auf die Uhr, und weil ich mich schon immer für Uhren interessierte, kamen wir ins Gespräch.» Der Fahrgast hiess Algot Furrer, hatte eine Uhrmacherwerkstatt und war damals der städtische Uhrenrichter. Ein Jahr lang klagte er über Knieschmerzen, bis er eines Tages auf der Fahrt zu seiner Schwester sagte: «Ich höre auf.» Er legte Werner Ziswiler ans Herz, sich um die Stelle zu bewerben. Werner Ziswiler tat dies dann auch, und obwohl er kein Mechaniker war, wählte ihn der Stadtrat.

«Ich fühle mich als Aarauer»

In den ersten 20 Jahren musste Ziswiler nicht nur die Uhr im Obertorturm richten, sondern auch die Uhren im Amtshaus, im Rathaus, in der Stadtkirche und in verschiedenen Aarauer Schulen. Zwischenzeitlich sind diese mit einem elektrischen Sender ausgestattet, die die Uhrzeit automatisch reguliert. Heute kümmert er sich nur noch um den Obertorturm. Als er noch als Buschauffeur arbeitete, richtete er die Räderuhr während seinen Dienstpausen oder abends. Seit seiner Pensionierung radelt er, wann immer er Lust hat, zum Obertorturm und macht seine Arbeit: «Jeden Tag – auch sonntags.» Wenn er mal in die Ferien geht, hat er vier Kollegen, die ihn abwechslungsweise vertreten.

Vor fünf Jahren hat Ziswiler eine Brasilianerin geheiratet, auswandern möchte er aber nicht: «Ich fühle mich als Aarauer. Ich habe hier mein Haus, und die Stadt ist mir ans Herz gewachsen. Und solange die Stadt mich als Uhrenwächter will, mache ich es auch.»

Autorin

Kim Barbara Wyttenbach

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