Oberentfelden
Kandidat Reto Keller: «Meine Patienten schildern mir immer wieder, was in der Gemeinde nicht gut ist»

Der 53-jährige Hausarzt kandidiert für einen Sitz im Oberentfelder Gemeinderat: «Ich will etwas bewirken und nicht wie der Gemeinderat ‹die Faust im Sack› machen.» Er ist Mitglied der SVP-Bezirkspartei, in der Gemeinde wird er aber von der IG Pro Oberentfelden aufgestellt.

Daniel Vizentini
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Allgemeinmediziner Reto Keller (53, IG Pro Oberentfelden) kandidiert für den Gemeinderat.

Allgemeinmediziner Reto Keller (53, IG Pro Oberentfelden) kandidiert für den Gemeinderat.

Sandra Ardizzone

In der Dorfpolitik ist er ein Neuling, unter der normalen Bevölkerung aber dürfte er aber gar der bekannteste der acht Gemeinderatskandidaten sein: Durch seine Tätigkeit als Hausarzt hat Reto Keller (53) intensiven Kontakt zu den Menschen und erfährt dadurch aus direkter Quelle, wo in der Gemeinde gerade der Schuh drückt.

In Oberentfelden aufgewachsen, kennt er die Verhältnisse im Dorf, seit er ein Kind war. Sein Grossvater Max Känzig-Hottiger war in den 1960er-Jahren Finanzverwalter in der Gemeinde und zuvor über 30 Jahre lang Steuer- und Betreibungsamtsvorsteher. Grossvater Siegfried Keller führte eine Lack- und Farbenfabrik in Wallisellen ZH, die Urgrosseltern das Restaurant Bären in Muhen. Reto Keller begann seine Laufbahn an der Handelsdiplomschule in Aarau. Beim einem Praktikum bei der SBG merkte er aber schnell, dass ihm die Bankenwelt «überhaupt nicht» gefiel. Er wechselte deshalb an die Kanti, studierte in Zürich Medizin und arbeitete zu Beginn im Bereich Neurochirurgie, später in der Inneren Medizin. «Als Hausarzt hast du mit fast jedem Fachgebiet zu tun, diese Breite gefiel mir. Zudem kann ich direkt etwas bewirken bei den Patienten», sagt der 53-Jährige.

Reto Keller führte ab 2009 zuerst im Zentrum von Unterentfelden eine Praxis, seit fünf Jahren ist er in der modernen Praxis Aarau West in Oberentfelden tätig. Kaum eine Arztpraxis ist derart persönlich dekoriert wie seine: An der Wand prangt eine amerikanische Kit-Cat-Uhr, auf einem Bücherregal stehen Figuren von Hunde-Astronauten, dazu eine kleine Statue von Albert Einstein und eine Kunststofffigur von ihm selbst im Arztkittel. «Ein Geschenkt meines Bruders», sagt er. Alles ist perfekt und fein säuberlich aufgestellt, Reto Keller legt grossen Wert auf Ordnung, wie er schildert.

Reto Kellers Arztpraxis ist dekoriert wie kaum eine andere.

Reto Kellers Arztpraxis ist dekoriert wie kaum eine andere.

Sandra Ardizzone

Mit Gallati eng befreundet und SVP-Mitglied – aber nicht der Lokalpartei

Reto Keller ging mit Regierungsrat Jean-Pierre Gallati in die Alte Kanti und sie sind seither eng befreundet. Letztes Jahr wurde er von ihm angespornt, als Grossrat zu kandidieren. Er war kurz bei der FDP, ist heute Mitglied der SVP auf Bezirksebene und – nach einem Zwist mit der Oberentfelder Lokalpartei – der SVP Hirschthal. Für die Gemeinderatswahlen tritt er deshalb als Kandidat der frisch gegründeten IG Pro Oberentfelden an. Er sagt:

«Als Arzt bin ich pragmatische Lösungen gewöhnt. An Polemik beteilige ich mich nicht, es braucht Sachpolitik.»

Seine Patienten schildern ihm immer wieder, was im Dorf nicht gut ist. Das triste Zentrum etwa, wo es kaum noch attraktive Geschäfte gibt. Mittendrin wird der Gasthof Engel (gehört der Gemeinde) mit dem defekten Scheunendach knapp noch vor dem Einsturz bewahrt. Reto Keller nennt auch die fehlenden Schulzimmer oder die finanziellen Probleme der Gemeinde. «Das brennt den meisten unter den Nägeln», sagt er. «Und das Gefühl, dass man an der Gemeindeversammlung nicht ernst genommen wird.»

Er sieht ein «Führungsmanko» in der Gemeinde

Bei der Schule sollen die nötigen Gebäude erstellt werden. «Es kann nicht sein, dass eine Schulklasse im Foyer der Turnhalle unterrichtet wird. Da geht es nicht um Luxus. Ein Ausbau kostet Geld, aber es lohnt sich.»

Für einen Umbau des Dorfzentrums schlägt er die Beteiligung privater Investoren vor. Zudem sieht er ein «Führungsmanko» in der Gemeinde, wie er sagt. Beim Bauamt etwa seien die personellen Verhältnisse mit vielen Wechseln seit längerem problematisch. Auch beim Sozialamt ortet er Verbesserungspotenzial.

«Ich will etwas bewirken und nicht nur die Faust im Sack machen.»

Seine Kandidatur wurde kurz vor Anmeldeschluss bekanntgegeben, zusammen mit denjenigen seiner IG-Partnern Roland Haldimann und Guido Kyburz. In Oberentfelden gibt es damit acht Kandidierende für fünf Sitze. «Bei den Wahlen sollte man auch eine Auswahl haben», sagt Reto Keller. Bei der Unterschriftensammlung zum Referendum gegen den Zukunftsraum Aarau war er nicht beteiligt, stimmte aber gegen das Fusionsprojekt. «Anfangs war ich offen dafür, habe dann aber gesehen, dass es eine Mogelpackung war», sagt er.

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