Wer einen krisensicheren Job will, wird Bestatter. Gestorben wird immer, heisst es. Doch über diese Binsenweisheit kann Frank Greutmann (59) nur den Kopf schütteln. Und er muss es wissen. Er arbeitet seit 40 Jahren als Bestatter, im ältesten Institut auf dem Platz Aarau: der Caminada AG, gegründet vor genau 50 Jahren.

Natürlich wird immer gestorben. Aber ansonsten hat sich im Bestatter-Business in den letzten Jahrzehnten eigentlich alles geändert.

Vor Theophil Caminada gab es in Aarau wohl Leichenträger, aber keinen offiziellen Bestatter. Die Leichenwagen gehörten dem Kantonsspital, es war für sämtliche Transporte verantwortlich. Caminada kaufte 1969 dem Kantonsspital die Wagen ab und eröffnete sein Institut am Girixweg.

Treuer Begleiter des Bestatters war damals noch der Schreiner, der bei der Einsargung half. «Da kam der Schreiner schon mal in Latzhose und im Sarg lagen noch die Hobelspäne ...», Frank Greutmann winkt ab und lacht. Zustände, die er bei seinen Einsätzen ab 1979 noch erlebt hat, heute aber undenkbar wären.

Mutter fand, er sei der Richtige

Greutmann selbst rutschte damals zufällig ins Bestatter-Wesen. Caminadas Frau und seine Mutter waren alte Schulfreundinnen, Frau Caminada erzählte, dass das Institut, inzwischen an der Florastrasse im Torfeld Süd daheim, dringend Pikett-Personal suche, und Greutmanns Mutter fand, ihr Sohnemann sei dafür genau der Richtige.

Und so kam der 19-jährige Autoelektriker zu seinem ungewöhnlichen Nebenjob. «Ein Sprung ins kalte Wasser», so bezeichnet Greutmann den Berufseinstieg. Seine erste Fahrt mit dem Leichenwagen sei speziell gewesen, mit nichts vergleichbar. «Aber ich habe nicht zu viel studiert. Und dann gewöhnt man sich daran.»

Woran sich Frank Greutmann lange nicht gewöhnte, war der Pikett-Dienst. Nachts, am Wochenende, immer auf Abruf zu sein. Und das zu Zeiten, als das Natel noch nicht erfunden war. Da gab es keine Ausflüge mehr an den See, keine Abende in der Beiz oder bei Freunden. «Das war die schwerste Prüfung für mich und mein Umfeld.»

Nach drei Jahren im Pikett-Dienst stieg Greutmann ganz in das Bestattungsgeschäft ein, lernte den Beruf von der Pike auf, «learning by doing», wie er sagt, eine Bestatter-Lehre gibt es bis heute nicht. Und als es die Familie Caminada 1984 wieder ins Bündnerland zog, übernahm die Familie Greutmann das Institut: Vater Ernst, Mutter Libera, Sohn Frank und Schwiegertochter Rita. «Das waren gute Zeiten», sagt Frank Greutmann. Das Bestattungsinstitut Caminada war das einzige weit und breit, um Kundschaft wurde nicht gerangelt, da war mit Verträgen alles geregelt. Heute sei der Konkurrenzkampf gnadenlos.

95 Prozent werden kremiert

Verändert hat sich auch der Beruf. «Die Anforderungen an den Bestatter sind deutlich gestiegen», sagt Frank Greutmanns Stellvertreter Werner Berger, gelernter Autolackierer und seit 1992 im Institut tätig. Früher seien die Toten in aller Regel im einfachen Sterbehemd bestattet worden.

Heute werde die Mehrheit der Verstorbenen in eigener Kleidung und schön hergerichtet kremiert. Und fuhren die Bestatter früher alle paar Wochen mit versiegeltem Sarg nach Italien, in die Türkei oder auf den Balkan, passiere das heute nur noch selten. Inzwischen werden rund 95 Prozent aller Verstorbenen kremiert. Angehörige nehmen die Asche vermehrt in einer schönen Urne heim, bewahren sie in der Stube auf, verstreuen sie am Lieblingsplatz des Verstorbenen, tragen sie in Schmuckstücken mit sich oder lassen sie zu Diamanten pressen.

Und wie steht es um die Einstellung zum Sterben? «Ich habe Zeiten erlebt, da sprach man nicht über den Tod, man wollte möglichst wenig mit dem Verstorbenen zu tun haben», sagt Greutmann. Heute seien beispielsweise Aufbahrungen wieder sehr beliebt, nicht nur auswärts, sondern auch daheim. Und auch Nachwuchsprobleme kennt man im Institut nicht; auf Inserate würden sich immer viele Interessierte melden. Aktuell hat die Caminada AG neun Angestellte, vier davon im Teilzeitpensum.

Vom Weinen und Lachen

Bei so vielen verschiedenen Wünschen rund um den würdevollen Abschied braucht es Beratung, Wissen, alle richtigen Adressen griffbereit. «Wir haben den Anspruch, alles unter einem Dach anzubieten, vom Abholen, dem Aufbewahren im Kühlraum bis hin zur Aufbahrung», sagt Werner Berger. Dazu wurde das Institut 2015 komplett umgebaut. Heute gibt es unter anderem einen Kühlraum für bis zu sieben Verstorbene. Dazu einen Aufbahrungsraum, den Angehörige mittels Code zu jeder Tages- und Nachtzeit betreten können. Selbst die Organisation der Drucksachen übernimmt das Institut.

Im Zentrum stehe aber immer der Mensch. Der Verstorbene, die Angehörigen. Und – bei aller Diskretion – auch der Bestatter. «Wir nehmen die Leute, wie sie sind. Wir hören zu, sind ganz uns selbst. Das macht wohl einen guten Bestatter aus», sagt Greutmann. Manchmal komme es vor, dass er mitweinen müsse. Auch nach 40 Jahren Berufserfahrung. «Und dann gibt es wieder Momente, in denen wir mit den Angehörigen herzhaft lachen können.» Momente, die so auch nötig sind, genauso, wie ein gutes Team und ein stabiles, familiäres Umfeld. «Dieser Job braucht viel Kraft», sagt Werner Berger. «Da braucht man Orte, die einem die Energie zurückgeben.»

Trotz all der Jahre voller trauriger Momente – Frank Greutmann bereut seine Berufswahl nicht. «Für mich passt es, ich würde es wieder tun.» Nicht nur, dass jeder Tag anders sei. «Wenn Angehörige erleichtert aus meinem Institut gehen, selbst mitten in ihrer grössten Trauer, dann gibt mir das ein gutes Gefühl. Dann habe ich geholfen.»