Aarau

Nur Arabisch spricht er nicht: Carlo Catania dirigiert auf seiner Baustelle Männer aus 17 Nationen

Auf der Baustelle bekommt Carlo Catania die politische Weltlage direkt zu spüren.

Auf der Baustelle bekommt Carlo Catania die politische Weltlage direkt zu spüren.

Er ist schweizerisch-italienischer Doppelbürger und arbeitet seit seinem 16. Lebensjahr auf dem Bau. Aktuell arbeitet der Polier auf der Grossbaustelle im Aeschbach-Quartier. Bis zu 60 Männer aus 17 Nationen arbeiten auf dort. Das hat manchmal seine Tücken.

Die Wochentage, die kennt er nicht mehr auf Italienisch, er hat sie vergessen. Wenn das die Vorfahren wüssten.

Carlo Catania lacht schallend. «Ich brauche auf der Baustelle praktisch nur Portugiesisch», sagt er und zuckt entschuldigend mit den Schultern. «Auf Portugiesisch ist das kein Problem mit den Wochentagen.»

Catania ist hier geboren, ist schweizerisch-italienischer Doppelbürger und 46 Jahre alt, davon hat er 30 auf dem Bau verbracht, allesamt bei der Bauunternehmung Wiederkehr AG in Dietikon.

Aktuell arbeitet der Polier auf der Grossbaustelle im Aeschbach-Quartier im Aarauer Torfeld Süd.

Mit seinen Männern hat er auf Baufeld 4 in nur zehn Monaten die Rohbauten für 92 Eigentumswohnungen hochgezogen.

Bis zu 60 Männer aus 17 Nationen auf einer Baustelle, davon nur ein Schweizer – da braucht es viel Sprachtalent und Geduld. Und ab und zu Hände und Füsse.

Nicht nur im Torfeld Süd ist das so, überall in der Region geht es auf grossen Baustellen ähnlich zu und her.

Überraschend viele Italiener

Die politische Weltlage bekommt Catania direkt zu spüren: «Vor 30 Jahren arbeiteten auf dem Bau nur Italiener, mit dem Jugoslawienkrieg in den Neunzigerjahren kamen die Männer aus dem Balkan, und mit der hohen Arbeitslosigkeit in Spanien und Portugal kamen die Leute von da.»

In den letzten Jahren kamen Männer aus dem Iran, dem Irak und Syrien dazu und überraschend viele Italiener, wegen der schlechten Wirtschaftslage.

Das mit dem Italienisch und Portugiesisch macht er mit links, Spanisch könne er inzwischen auch recht gut, und auch mit den Männern aus dem Balkan kann er ein paar Brocken wechseln. Nur Arabisch könne er nicht, sagt Catania.

«Aber die Sprache des Baus ist überall die gleiche. Jeder weiss, was er wie zu tun hat, ob man nun die exakten Worte dafür hat oder nicht.»

Im Moment arbeiten 38 Männer aus Portugal, Spanien, Italien, Kosovo, Serbien, Albanien, Iran, Irak und Syrien auf der Baustelle. Nur Männer, keine Frauen. Die gibt es nur auf vergilbtem Posterpapier in den Baubaracken.

Früher war das mit den Nationen anders, sagt Catania. «Vor 15 Jahren gab es noch viele Schweizer auf dem Bau.»

Damals, als ein flinker Maurer noch jeden Monat 10 000 Franken nach Hause tragen konnte. Als die Baufirmen mit den Projekten noch gutes Geld verdienten. Und damals, als die Arbeiter heimgeschickt wurden, wenn es Bindfäden regnete.

«Alles vorbei», sagt Catania. «Heute muss ein Bauunternehmer aufpassen, dass er nicht Minus macht.» Die Konkurrenz, der Preis- und der Termindruck seien enorm.

Dazu kommt die körperliche Anstrengung: «Es ist ein echter Knochenjob.»

Die Kälte sei das eine, dagegen könne man sich wappnen. Schlimmer sei die Nässe. «Irgendwann ist alles feucht, da kann man sich noch so gut anziehen. Das schlägt aufs Gemüt.»

Deshalb sind Regentage auch die Tage, an denen Catania die meiste Zeit draussen auf der Baustelle verbringt.

«Wenn ich in der warmen Baracke im Trockenen sitze, währenddessen meine Männer im Regen stehen, ist das nicht gut.»

Aber die Arbeit auf der Baustelle habe auch viele positive Seiten, sagt er. «Ich liebe meinen Beruf.»

Gipser singen gern

Catania kennt seine Männer gut, mit manchen arbeitet er schon ein halbes Arbeitsleben zusammen. Kann er Eigenheiten der Nationen oder der Berufe ausmachen?

Catania windet sich. Bei den einen Nationen würde die Arbeitsmoral etwas besser mit seiner übereinstimmen als bei den anderen, meint er dann zögerlich. «Aber auffällig ist, dass beispielsweise Italiener wahre Alleskönner sind.»

Kein Wunder, wenn man das alte Rom anschaue, sagt er und lacht. «Die haben das Bauen irgendwie im Blut.»

Und weiter? Gipser würden auffällig gern singen, sagt er. «Und die Portugiesen sind eine so eingeschworene Gemeinschaft, die arbeiten am liebsten nur mit ihren eigenen Landsleuten zusammen.»  Das lasse er aber nicht zu. «Gruppen werden auf meiner Baustelle nicht gemacht. Wir leben in der Schweiz, und mir ist egal, wer woher kommt. Entweder, man ist bereit, mit anderen zusammenzuarbeiten, oder man lässt es bleiben.»

Anders sieht das mit den Gruppen in der Mittagspause aus. Da haben die Portugiesen ihre eigene Baracke und die Albaner eine andere, auch die Eisenleger bleiben unter sich.

In den Baracken sieht es überall ähnlich aus: An den Wänden hängen die Strassenkleider an Nägeln, an Festbänken sitzen die Männer tief gebeugt über ihren Tellern und Tupperware-Geschirren, lesen Zeitung oder schauen ins Handy. Überall gleich.

In den Baracken riecht es nach gebratenem Fleisch, bei den Portugiesen nach Fisch. «Bacalau», sagt einer, der vor der Mikrowelle wartet.

Gibt es nie Krach zwischen den Nationen? Catania schüttelt den Kopf. «Mal ein blöder Spruch, mehr nicht.» Reibereien gibt es höchstens bei einem Thema: Fussball.

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