Liebegg

Null Hemmungen am Mikrofon: Diese Fragen stellten die Gränicher zur Asylunterkunft

Der Gränicher Gemeindeammann Rolf Arber zur Asylunterkunft Liebegg.

Der Gränicher Gemeindeammann Rolf Arber zur Asylunterkunft Liebegg.

"Das Sicherheitskonzept beruhigt mich." Gemeindeammann Rolf Arber äussert sich zur Asylunterkunft Liebegg.

Am nächsten Mittwoch kommen die ersten 15 der insgesamt 60 Flüchtlinge in Gränichen an. Am Infoaanlass vom Dienstagabend gabs kritische Fragen und grenzwertige Voten.

60 Menschen ziehen ab nächstem Mittwoch etappenweise in die Asylunterkunft Liebegg ein. Das bewegt das Dorf. Rund 300 Personen nahmen am Dienstagabend an der Infoveranstaltung zur Inbetriebnahme der Asylunterkunft teil – «mehr als an jeder Gmeind», meinte eine Besucherin.

Den nüchternen Fakten stehen emotionale Argumente und grosse Ängste gegenüber, wie die Wortmeldungen der versammelten Gränicher zeigte. Klar ist: Die Flüchtlinge, die nach Gränichen ziehen, sind alles alleine reisende Männer. Auf der Liebegg hausen sie unterirdisch. Sie schlafen auf Kajütenbetten, müssen selber kochen, haben WLAN vor Ort und einen ausserhalb der Unterkunft liegenden Aufenthaltscontainer. Sie werden rund um die Uhr von zwei Mitarbeitern der ORS Service AG betreut. Ihre Nachbarn, die Schüler des angrenzenden Landwirtschaftszentrums, sehen die Flüchtlinge nur durch Zäune hindurch. Der Weg zur Unterkunft und der Eingangsbereich sind mit Zäunen abgeriegelt. Eine «saubere Trennung», versprach Roland Juen, Leiter der Sektion Asyl beim Kanton am Schluss des Infoteils.

Baseballschläger und Unterricht

Die Diskussion im Anschluss war äusserst emotional. «Müssen wir in Zukunft mit dem Baseballschläger durchs Dorf laufen, um uns vor den Asylanten zu schützen?», fragte ein erregter Bürger und erhielt Applaus. Ein anderer wollte wissen, ob er auch gratis WLAN und vergünstigte Bahntickets von der Gemeinde erhalte. Und eine junge Frau in der vordersten Sitzreihe meinte zu ihren Sitznachbarn, die Landwirtschaftsschüler auf der Liebegg sollten mit ihren Traktoren die «Terroristen» doch gleich überfahren. Den Zuruf einer Frau, die Flüchtlinge seien oft anständigere Menschen als die Schweizer, ignorierte sie.

Der Vorwurf eines Einwohners, die Regionalpolizei könne man «nicht brauchen», liess der anwesende Hans-Peter Müller, Dienstchef Polizeposten der Kapo West, nicht auf sich sitzen. «Dieser Eindruck ist falsch. Die Kapo und die Repol machen ihr Möglichstes. In der Region ist es im Zusammenhang mit den Asylsuchenden aber so oder so sehr ruhig.»

Zu Wort meldeten sich auch Gränicher, die für mehr Engagement in der Gemeinde warben. Jugendkommissionsmitglied Matthias Hügli erzählte von seinen positiven Erfahrungen mit Asylbewerbern im Dorf und informierte über eine privat lancierte Gruppe, die den Asylbewerbern zweimal wöchentlich unentgeltlich Deutschunterricht anbietet. «Wir dürfen nie vergessen: Das sind Menschen, die da zu uns kommen», mahnte Hügli. Unterstützung erhielt er von einer Anwohnerin, die in der Begleitgruppe mitwirkte, in welcher Vertreter der Behörden, der Dorfbewohner und der ORS Service AG im Vorfeld ein Sicherheits- und Betreuungskonzept ausgearbeitet hatte. «Ich war anfänglich kritisch, bin inzwischen aber vorsichtig zuversichtlich. Solange nichts passiert, sollten wir dem Ganzen eine Chance geben!» Auch sie erhielt Applaus. Durch Gränichen – das zeigte sich – verläuft ein tiefer Graben.


Die 10 wichtigsten Fragen

Die Verunsicherung der Gränicher Bevölkerung zeigte sich auch in den Fragen, die den Kantonsvertretern und dem anwesenden Chef der ORS Services AG gestellt wurden.

1) Wie lange bleiben die Flüchtlinge in Gränichen?
Die Nutzung der Liebegg als Asylunterkunft ist auf drei Jahre beschränkt. Die Männer bleiben im Schnitt zwischen drei und fünf Monate im Dorf.

2) Gibts Rayonverbote für die Flüchtlinge?
Ja. Die Schulzone und das Gebiet rund um die Liebegg sind «sensible Zonen», in denen sich die Flüchtlinge nicht aufhalten dürfen. Bei Verstössen können sie in eine andere Unterkunft verlegt werden. Ansonsten dürfen sie sich in der Schweiz frei bewegen.

3) Dürfen die Flüchtlinge kommen und gehen, wie sie wollen?
Ja. Nachtruhe in der Unterkunft ist um 22 Uhr. Die Flüchtlinge dürfen sich aber rund um die Uhr frei bewegen und auch auswärts übernachten. Sie müssen der betreuenden Firma nicht mitteilen, wo sie sich aufhalten.

4) Wird die Unterführung beim Bahnhof Bleien überwacht?
Teilweise. Die Mitarbeiter der ORS Services AG werden sporadische Kontrollen durchführen.

5) Was machen die Flüchtlinge den ganzen Tag?
Wenn die Gemeinde ihr Einverständnis gibt, könnten die Flüchtlinge gemeinnützige Arbeiten (z.B. im Bereich Anti-Littering) ausführen. Anfänglich werden sie mit Malarbeiten in der Unterkunft beschäftigt sein. Sie müssen zudem für ihre eigene Ernährung sorgen. Die Unterkunft hat eine Küche. Darüber hinaus gibt es Deutschunterricht- und Sportangebote.

6) Wer bezahlt die baulichen Massnahmen und die Betreuung?
Die baulichen Massnahmen (Zäune, Beleuchtung der Wege, Aufenthaltscontainer, Ausstattung) belaufen sich voraussichtlich auf rund 180’000 Franken. Für die Betreuung stellt der Bund den Kantonen eine Pauschale pro Flüchtling zu. Einen Teil der Kosten tragen aber auch Kanton und Gemeinde. Pro Tag erhalten die Flüchtlinge 10 Franken für Essen und Freizeit, zudem einmal monatlich 20 Franken für Kleider. Die AAR bus+bahn stellt vergünstigte Tickets zur Verfügung, welche die Flüchtlinge für jeweils einen halben Tag haben können.

7) Eine Aufstockung der Flüchtlingszahl von 60 auf 80 wäre theoretisch möglich. Wann kommt die?
Das stimmt. Dazu bräuchte es allerdings eine neue Baubewilligung, zu der die Gemeindebehörden zuerst ihre Zustimmung geben müssten.

8) Bei einem Grossereignis (z.B. atomarer Unfall) müsste ein Teil der Bevölkerung in die Schutzräume in der Liebegg evakuiert werden. Wie würde das funktionieren?
Das müsste man zu gegebener Zeit abklären. Sicher ist: Binnen 48 Stunden müsste die Asylunterkunft geräumt und Platz zur Notunterbringung geschaffen werden.

9) Wie kann die Bevölkerung die Flüchtlinge nach ihrer Ankunft unterstützen?
Die Gruppe rund um Matthias Hügli sucht weitere Freiwillige, die beim Deutschunterricht mithelfen. Zudem steht es allen Vereinen im Dorf offen, die Flüchtlinge in ihre Vereinsaktivitäten zu integriern.

10) Was kann man tun, wenn Probleme auftauchen?
Für Fragen oder Problemmeldungen bezüglich der Asylunterkunft Liebegg ist eine 24-Stunden Hotline eingerichtet worden. Die Nummer: 062 842 05 96.

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