Nieder mit dem Privileg: Losen statt wählen

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An Workshops mache ich regelmässig ein Experiment: Die Teilnehmenden bekommen ein Kärtchen mit Angaben zu einer fiktiven Person. «Weiblich, 54 Jahre, Lehrerin, Sans-Papiers, geboren in Kolumbien»; «Männlich, 30 Jahre, Student ETH, Schweizer, im Rollstuhl». Sie überlegen sich, wie die Person aussieht, was sie gefrühstückt hat, wovon sie träumt, wie sie lebt. Dann geht es los. Alle stellen sich auf eine Startlinie. Ich lese Aussagen vor. Wer die Aussagen für die Person auf seinem Kärtchen mit einem Ja beantworten kann, macht einen Schritt vorwärts, die anderen bleiben stehen: «Ich bin zuversichtlich, was meine Zukunft betrifft»; «Ich habe das Wahl- und Stimmrecht»; «Meine Fähigkeiten werden anerkannt»; «Ich kann spontan ins Kino gehen». Die einen marschieren vorwärts, die anderen bleiben stehen. Die einen sind privilegiert, die anderen nicht.

Ich bin privilegiert. Die Privilegien habe ich aus purem Glück und Zufall. Ich habe nichts dafür getan. Meine Herkunft, Hautfarbe und Gesundheit machen mich privilegiert. Diesem Privileg verdanke ich, dass ich erneut in den Grossrat gewählt wurde. Dass ich mir dieses Mandat zeitlich und finanziell überhaupt leisten kann, ist ein zusätzliches Privileg.

Privilegierte sind in der Politik übervertreten. Was sagt das über unsere Demokratie aus? Bilden die 140 Ratsmitglieder die Bevölkerung des Kantons ab? Wir Ratsmitglieder politisieren und argumentieren engagiert und mit Herzblut. Alle. Aber welche Themen und Interessen packen wir aktiv an? Verteidigen wir vor allem unsere – elitären – Interessen?

Ezgi Akyol vom Gemeinderat Zürich tritt zurück. In einem Schreiben erklärt sie weshalb. Sie tritt zurück, weil die Themen und Diskussionen im Rat nicht die Gesellschaft abbilden, in der sie lebt. Sie erzählt von Beleidigungen und Anfeindungen durch Ratskollegen und in Kommentarspalten – die Empörung darüber blieb jedoch aus. Sie fragt, ob die Ratszusammensetzung der Grund ist, wieso so viel über Parkplätze und Velowege diskutiert wird und andere Themen keinen Raum oder keine Mehrheiten finden. «Ich wünsche mir weniger privilegierte Menschen, mehr Menschen of Color, schwarze Menschen, jüngere Menschen, Frauen*, von Armut betroffene Menschen und Menschen mit einer Beeinträchtigung in den Parlamenten, in den Regierungen, in den Verwaltungen, in den Institutionen und in den Redaktionen und ich wünsche mir, dass diese Menschen dann in diesen Gefässen besser geschützt werden.»

Gar eine Bankrotterklärung an die Demokratie war die Wahlbeteiligung an den Grossratswahlen von nur 33% aller Stimmberechtigten. Jene 25% ohne Schweizer Pass, Jugendliche und Kinder haben sowieso keine Stimme. Irgendwie armselig? Was uns die USA in den letzten Wochen als Demokratie verkauft, ist noch elender. Heute, morgen oder übermorgen werden wir erfahren, welcher Präsident aus diesem Schlamassel hervor geht.

Vielleicht ist es Zeit für ein Experiment, eine Utopie oder einfach für Neues: Losen statt wählen. Aktuell sind Reiche und Besitzende in der Politik statistisch übervertreten. Würde man losen, wären weniger Privilegierte an der Macht. Es ist auch davon auszugehen, dass die Hälfte der ausgelosten Frauen wären. Der Zufall entscheidet, nicht mehr Namen, Geldbeutel, Herkunft oder Hautfarbe. Das würde dem Hier und Heute gerecht. Die Website www.losen-statt-wählen.ch geht heute online.

Lelia Hunziker (47), ist Geschäftsführerin und SP-Grossrätin. Sie wohnt in Aarau.

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