Schweizermacher-Opfer
Nichteingebürgerte Funda Yilmaz will Rekurs einlegen: «Mir ist die Einbürgerung wichtig»

Die junge Türkin aus Buchs kämpft weiter für ihren Schweizer Pass. Dafür sammelt sie nun Unterschriften.

Nadja Rohner
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Funda Yilmaz gibt nicht auf: Die Türkin sammelt Unterschriften und legt Rekurs gegen den ablehnenden Bescheid des Buchser Einwohnerrats ein.

Funda Yilmaz gibt nicht auf: Die Türkin sammelt Unterschriften und legt Rekurs gegen den ablehnenden Bescheid des Buchser Einwohnerrats ein.

Funda Yilmaz hat einen überraschend starken Händedruck für eine so kleine, zierliche Frau. Sie hat die Einladung der az zum Gespräch angenommen, ist bereit, zu erzählen, was passiert ist, seit der Buchser Einwohnerrat am Dienstagabend Nein gesagt hat zu ihr. Reaktionen hat sie einige erhalten – hauptsächlich mitfühlende. Keine bösen Briefe, keine Anfeindungen. Der Chef, die Mitarbeitenden, die drei Geschwister, der Freundeskreis – «Alle sagten, sie können es nicht nachvollziehen.» Die Grosseltern ihres Verlobten, Schweizer aus Rheinfelden, haben eine SMS geschrieben, als sie von der Ablehnung erfuhren. Wir stehen hinter dir, signalisierten sie.

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Betroffene Funda Yilmaz (25) Buchs «Ich kann es nicht verstehen.»
Nationalrat Cédric Wermuth (SP) «Behördliche Willkür im Quadrat. Empörend, was sich der ER Buchs leistet. Wir sind ein Rechtsstaat, kein Sandkasten!»
Nationalrat Andreas Glarner (SVP) «Das ist das demokratische Recht des Einwohnerrats. Wenn wir das beschneiden, können wir den Pass schon an der Grenze überreichen.»
Buchser Einwohnerrat Beat Spiess (FDP) «Es geht nicht an, dass man hier an einer unschuldigen Einbürgerungskandidatin seine Unzufriedenheit über unsere Migrationspolitik abreagieren will.»
Buchser Einwohnerrat Andreas Burgherr (EVP) «So sind die Regeln – die Autoprüfung muss man auch bestehen, wenn man fahren will.»
Buchser Einwohnerrätin Ineke Irniger (SP) «Ich habe eine aufgestellte, interessierte Frau kennen gelernt, die nicht dem Bild entspricht, das die Kommission von ihr zeichnet.»

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AZ

Alles positive Reaktionen also? Nicht ganz. «Wenn in Kommentarspalten Dinge über mich behauptet werden, die nicht stimmen, stört mich das», sagt sie. «Etwa, dass ich abgelehnt wurde, weil ich Erdogananhängerin sei. Das stimmt nicht, ich habe im April gegen seine Reform gestimmt.»

Generell sei sie aber kein besonders politischer Mensch, das gibt sie zu. Deshalb ist sie nicht auf dem Laufenden, was in der Schweizer Politik passiert. Sie betont aber: «Wenn ich Schweizerin werde und abstimmen darf, informiere ich mich natürlich vorher.» Auch in Geschichte oder im Berufsschul-Fach «Allgemeinbildung» war sie nie besonders gut, erzählt Funda Yilmaz. «Ich war selber überrascht, dass ich im schriftlichen Staatskundetest 100 Prozent erreicht habe.»

«Vor allem Schweizer Freunde»

Die Einbürgerungskommission hatte bemängelt, dass sie im Dorf zu wenig integriert sei. Funda Yilmaz streitet das nicht ab, gibt aber zu bedenken: «Ich ging in Rohr in die Oberstufe. Und ich wohne in einem kleinen Quartier weitab vom Buchser Zentrum, direkt an der Grenze zu Suhr beim Schwimmbad. Viele wissen nicht einmal, dass das noch zu Buchs gehört.» Sie habe zwar überwiegend Schweizer Freunde, diese seien aber nicht in Buchs wohnhaft – und die Kommission habe explizit Kontakte in Buchs verlangt.

Die junge Frau wirkt aufgestellt. Die Enttäuschung und Wut ist Entschlossenheit gewichen: Sie will den Schweizer Pass. «Ich kenne nur dieses Leben hier», sagt sie. Deshalb hat Funda Yilmaz angefangen, Unterschriften zu sammeln – von Leuten, die sie unterstützen. Sie geht persönlich bei ihnen vorbei. Das brauche viel Überwindung. «Das Klingeln geht ja noch. Wenn jemand die Türe aufmacht, verschlägt es mit jeweils fast die Sprache.» Am ersten Tag hat sie bereits über 20 Unterschriften zusammen bekommen. Auch am Wochenende geht sie auf die Strasse, spricht Leute an. Mit Erfolg. Die gesammelten Unterschriften will sie einem Rekurs beilegen.

Sie hat sich auch überlegt ein neues Einbürgerungsgesuch zu stellen. Das würde aber bedeuten, dass die gesamten Abklärungen noch einmal von vorne gemacht werden müssen. Erstens kostet das viel Geld. Zweitens müsste sie nochmals vor die Einbürgerungskommission. «Beim nächsten Mal würde ich sicher wieder kein Wort rausbringen», befürchtet sie. «Wie früher bei den Vorträgen in der Schule, das war auch ganz schlimm.»

Das sagt Integrations-Expertin

Lelia Hunziker, Geschäftsleiterin der Anlaufstelle Integration Aargau, hat das Protokoll des Einbürgerungsgesprächs gesehen. «So lange die Kommissionen die Aufgabe haben, ein Gespräch zur Prüfung der Integration zu führen, wird es solche Gespräche geben», sagt die Expertin. «Die übergeordnete Frage ist: Wie misst man Integration in einer mobilen, vielfältigen und pluralistischen Gesellschaft? Gibt es eine homogene Aufnahmegesellschaft mit gleichen Normen und Werten und einer ähnlichen Form zu leben? Nein, die gibt es nicht. Wir leben individuell und trotzdem sehr gut zusammen.»

Funda Yilmaz sei beim Gespräch unter Druck gestanden, in einer Stresssituation. «Das Gemisch von lockerem Geplauder, privaten und Sachfragen ist schwierig. Wann darf ich meine Meinung sagen, wie viel Privates soll und muss ich preisgeben? Welche Antworten werden erwartet? Es geht um viel: um den Schweizer Pass.»

Es gebe keine genauen Regeln, wie eine Kommission die Gespräche zu führen habe. Aber: «Der Kanton Aargau verfügt über ein Handbuch für Gemeinden. Darin werden viele gute Tipps gegeben.» Hunziker weist darauf hin, dass Funda Yilmaz ja durchaus politisch aktiv sei, obwohl ihr die Kommission politisches Desinteresse vorgeworfen hatte – indem sie engagiert für ihren Schweizer Pass kämpfe. Etwa, indem sie dem Einwohnerrat vor seiner Sitzung einen Brief geschrieben habe. «Sie weiss die Instrumente zu nutzen und kennt die Abläufe. Mir gefallen Menschen, die für ihre Rechte ein- und hinstehen.»