Aarau

Nicht nur die Stube der FCA-Fans: Vor 20 Jahren machte Ian Nicol aus dem «Café Bank» ein echtes englisches Pub

Ian Nicol stammt aus Manchester. Dann verschlug es ihn in die Kantonshauptstadt – mit einer Mission: Den Aarauern zu zeigen, wie ein echtes Pub sein muss. Zwanzig Jahre sind veragange, seit er im ehemaligen «Café Bank» das «Penny Farthing» eröffnete. Doch zuerst war Aarau nicht bereit für ein Pub.

Für die Engländer ist das Pub ein warmer Ort, wo man stets willkommen ist und wo es vor allem immer etwas zu trinken gibt. Ian Nicol hat in Aarau mit seinem «Penny Farthing» für viele Leute eine zweite Stube geschaffen. Er kommt aus Manchester und weiss, wie ein Pub zu sein hat.

Gemütlicher als eine gewöhnliche Bar, weniger steif wie das Café einer Confiserie, aber trotzdem so, dass sich alle auch schon vor dem ersten Pint wohlfühlen. Was es denn genau ist, was das Pub ausmacht, ist nicht einfach in Worte zu fassen.

Ian Nicol (62), der am liebsten einfach Ian genannt wird, bemüht sich um eine typisch britische Atmosphäre, das Interieur ist holzig mit warmem Licht, an den Wänden hängen Bilder, Plaketten und englische Sprüche. Und natürlich das Hochrad, das dem «Penny Farthing» seinen Namen gibt.

Ian lebt seit mehr als 20 Jahren in der Schweiz und hat in Zürich als Geschäftsführer des «Nelson Pub» und des «Carlton Pub» erfahren, dass auch die Schweizerinnen und Schweizer ein Pub sehr zu schätzen wissen. «Ich habe Rekordumsätze gemacht», sagt Ian.

Im Jahr 2000 wurde ihm ein Lokal vorgeschlagen, dass sich für ein Pub eignen würde. In einer Stadt namens Aarau, von der Ian damals noch nie gehört hatte. «40 Kilometer entfernt von Zürich, das kommt nicht in Frage», hatte er sich gedacht. Sein Konzept war auf grössere Städte mit viel Laufkundschaft ausgerichtet. Doch dann fuhr er trotzdem in dieses Aarau, mal schauen schadet ja nicht.

Das ehemalige Café Bank befand sich im Rohbau. «Ich stand hier», sagt Ian. Er gleitet vom Barhocker und schreitet durch das Pub, das am Morgen noch leer ist. «Die tiefe Januarsonne schien durch das Fenster», sagt er und zeigt zur Bahnhofstrasse. Er war begeistert. «So ein schöner Raum!» Im Oktober des gleichen Jahres eröffnete das «Penny Farthing».

Aarau war nicht bereit für ein Pub

In zwanzig Jahren hat sich vieles geändert. «Anfangs waren die Aarauer nicht bereit für ein Pub», sagt Ian, der mit seiner Frau in der Region wohnt. Das 1987 eröffnete «Mr. Pickwick Pub» am Graben hatte die hiesigen Trinkgewohnheiten noch nicht umgekrempelt. Die Schweizer hätten es nicht goutiert, dass sie ihr Bier an der Theke holen mussten. «Und dann verstanden die Englisch sprechenden Barkeeper die Kunden nicht.»

Ian spricht ein tadelloses Schweizerdeutsch; mit englischem Akzent. Als einer, der täglich im Betrieb ist, hinter der Bar steht und den Geschichten der Gäste zuhört, hat er gelernt, den Tonfall der Schweizer perfekt zu imitieren. «Ich goh secher ned ines Pub go ässe», macht er die Reaktionen bei der Eröffnung des Pubs nach. Trotzdem hatte das «Penny» von Anfang an englischsprachiges Personal und eine Speisekarte mit traditionellem Pub Food – Fish’n’Chips, Burger, Tandoori Chicken.

Im Laufe der Jahre kamen die Kunden auf den Geschmack der fettigen Speisen, die so gut zu den 18 Biersorten vom Fass passen. Die Easyjetisierung der Gesellschaft hat Ian geholfen. Die Kunden, realisierten, dass es ein solches Pub, wie sie es beim letzten Trip nach London entdeckt haben, auch vor der Haustür gibt.

Entgegen der Vorstellung vieler, dass das Pub ein Selbstläufer sei, hat Ian mit den gleichen Herausforderungen wie andere Wirte zu kämpfen.

Bier und Spiele locken die Gäste an

Im Gegensatz zu seinen Lokalen in Zürich sind in Aarau nur 30 Prozent seiner Gäste Passanten. Im Sommer bleibt die Kundschaft aus. «Der Aarauer Jahreskalender hat praktisch keine Events, die Leute anziehen», sagt er. Sein Konzept geht dank eigenen Events auf. Was in den Pubs auf seiner Heimatinsel funktioniert, ist heute auch bei den Schweizerinnen und Schweizern beliebt: Quiz-Night, Livemusik und Karaoke, Food­events wie Burger Night und Schottischer Abend. Und natürlich Fussball. Am 26. Dezember, dem «Boxing Day», läuft im Pub pausenlos Fussball, die Kunden tragen die Trikots ihrer Vereine und stehen Schulter an Schulter zwischen Bar und Bildschirm.

Ian ist selbstverständlich auch Fussballfan. So oft es geht, ist er bei den Spielen seines Teams Manchester United im Heimstadion dabei. So kommt kein Heimweh auf und er kommt auf neue Ideen: Die heisse Schokolade mit Marshmallows hat er vor dem Fussballstadion in Manchester entdeckt; funktioniere in Aarau auch bestens.

Das Bezahlen hat sich in den letzten zwanzig Jahren auch geändert. «Abends haben wir fast kein Bargeld mehr in der Hand. Manche strecken ihre Uhr hin, um damit zu zahlen», sagt Ian amüsiert. Er ist im Penny Kumpel und Chef zugleich, stets gewitzt, manchmal gestresst. Aber er mag es, wenn die Leute am Tresen sitzen und etwas erzählen wollen. Viele jüngere Gäste widmen sich dem Smartphone. «Das ist doch langweilig!»

Ab 17 Uhr beginnt sich das Pub zu füllen, der Feierabend spült Kantischüler, Banker, Freundinnen und Paare ins Pub. Die Stimmung ist entspannt, niemand starrt, wenn neue Leute zur roten Tür reinkommen. Brav holen die Gäste an der langen Bar ihr Bier, mittlerweile wird ihr Dialekt mühelos verstanden. Zum Rauchen stehen sie draussen, die Märzsonne steht tief, aber wärmt schon ein bisschen. Und Ian Nicol ist 20 Jahre später immer noch begeistert.

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