125 Jahre lang galt Bally als Vorzeigebeispiel der Schweizer Industrie. 125 Jahre lang wurde die Firma von der Bally-Familie geführt und vorangetrieben. Die Firme war gleich Familiendynastie und umgekehrt.

Zum einen erhielten Firma und Familie durch ihre Pionierarbeit, Ausdauer wie auch ihr Geschick und Qualitätsbewusstsein Marktführerschaft, zum andern grosse Bekanntheit, Macht, Ruhm und Anerkennung. Im Jahre 1976 jedoch gelangten die Familienaktien in die Hände des dubiosen Investors Werner K. Rey – die Familiendynastie zerbrach.

Seit der Gründung im Jahr 1851 hatte das Unternehmen Höhen und Tiefen durchlebt. Bedingt durch den spektakulären Verlust der Eigenständigkeit in den Jahren 1976/77 gilt die Firmengeschichte als einer der interessantesten Wirtschaftsfälle der Schweiz.

Anfang der 1960er-Jahre zog sich die dritte Generation aus der Geschäftsleitung zurück. Markt und Kundenwünsche veränderten sich immer schneller, neue technische Möglichkeiten entstanden.

Wollte Bally mithalten, musste sie sich etwas einfallen lassen – doch nichts passierte, aus Schönenwerd konnte von keinen Innovationen berichtet werden. Die Resultate verschlechterten sich, Bally ging es nicht mehr wirklich gut.

Mitte 1976 erwarb Werner K. Rey die Aktienmehrheit und bereits im Herbst des Folgejahres nutzte er seine Position, um das Unternehmen an die Oerlikon-Bührle Holding AG zu verkaufen – Bally verlor die Eigenständigkeit.

Die Schwiegersöhne-These ...

Obwohl über Bally viel geschrieben worden ist, weist die bisherige «Bally-Forschung» in der Aufarbeitung des Niedergangs und der Ursachenanalyse eine grosse Lücke auf.

Die zeitgenössischen Urteile fielen unterschiedlich aus: Von «Bally hat die Orientierung verloren» bis zu «der Führungsstil zeugt von Unentschlossenheit und Selbstgefälligkeit – wenn nicht gar von Arroganz».

Die Zeitschrift «Finanz und Wirtschaft» berichtete unter dem Titel «Die Schuhe der Schwiegersöhne» von einer Führungskrise bei Bally: «Bis jedoch fünf Bally-Schwiegersöhne sich gemeinsam zu einem Kopfstand entschliessen, dürfte noch viel Wasser die Aare hinunter (...) fliessen.»

Am bekanntesten ist das von Fred J. Klaus Anfang der 1980er-Jahre veröffentlichte Buch «Das Bally-Lehrstück», das sich primär der Suche nach Handlungsfehlern der Schwiegersöhne widmet.

Klaus kam zum Schluss, dass die Schwiegersöhne, von denen zeitweise bis zu fünf gleichzeitig in der Unternehmensleitung sassen, keine «Schuehnigen» waren, dass sie vom Geschäft nichts verstanden und dass Bally sich somit nach der Zeit der dritten Generation in inkompetenten Händen befand.

Berichte, die nach der Veröffentlichung des «Bally-Lehrstücks» erschienen, übernahmen Klaus’ Urteil. So entstand mit der Zeit die Verallgemeinerung, dass die Schwiegersöhne den Untergang und den Verlust der Eigenständigkeit Ballys verursachten.

Hinzu kommt, dass die Umstände und Ursachen des Niedergangs, der gleichzeitig der Niedergang der Familiendynastie war, im Kreis der Familie lange als «Tabu-Thema» galten und nie aufgearbeitet wurden.

... ist nicht haltbar

Doch die Schwiegersöhne-These erweist sich als unhaltbar. Die Leistung der Schwiegersöhne kann nicht isoliert als Ursache des Niedergangs gelten, denn die Faktoren mit Einfluss auf die Krise Ballys waren mannigfaltig.

Die Schwiegersöhne verfügten nicht über schlechtere Qualifikationen als ihre Vorgänger. Vielmehr werden komplexe, vernetzte Einflussfaktoren organisatorischer und familiärer Art als Hauptproblemfelder sichtbar: Generationenwechsel, Einfluss der Familie auf die Unternehmenspolitik, Nepotismus und Verknüpfung von Familie und Unternehmen.

Die Schwiegersöhne hatten keine reelle Chance, die Situation der Firma zu verändern. Im Rückspiegel betrachtet, traten die Schwiegersöhne ein schwieriges Erbe an.

Als sie das Ruder Anfang der 1960er-Jahre übernahmen, war das Unternehmen bereits in der Krise, genauer in einer Absatzkrise, die wenige Jahre später in die Erfolgskrise mündete.

Komplexe Ursachen

Parallele Entwicklungslinien und das komplexe Zusammenspiel der in Wechselwirkung stehenden Elemente «Familie» und «Unternehmen» verunmöglichten Bally eine erfolgreiche Krisenbewältigung, was schliesslich mit dem Verlust der Eigenständigkeit endete.

Egal, wer zu diesem Zeitpunkt das Ruder bei Bally übernommen hätte, er/sie wäre an den Rahmenbedingungen – Tradition, Kultur, Organisation, Führungsgrundsätze, Einfluss der Familiendynastie – gescheitert.

Die Unfähigkeit der Schwiegersöhne kann einzig in der Tatsache gesehen werden, dass sie das Unternehmen nicht verliessen und nicht aus dem System ausstiegen, weil sie die Situation und das Fehlen der Aussicht auf Erfolg akzeptierten.

Die Untersuchungen stellen die Nachfolgeproblematik und deren Auswirkungen auf die männlichen Mitglieder der Bally-Familie in einem neuen Licht dar.

Der Druck war enorm, die hohe Anzahl der Suizide bestätigt die vorhandene psychische Belastung. Die Primogenitur der Bally-Familie bestätigte die patriarchale Ordnung, die die Männer begünstigte.

Vielfältige Informationen bietet die Sammlung Ballyana, Schönenwerd, geöffnet jeden 1. und 3. Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr oder auf Anfrage.