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«Nicht die richtige Zeit für Selbstoptimierung»: Morena Diaz ist während Corona gefragte Ratgeberin

Morena Diaz hat das Homeoffice auf die Terrasse verlegt.

Morena Diaz hat das Homeoffice auf die Terrasse verlegt.

Die Coronakrise lässt den einen viel Freizeit und den anderen zu wenig. Morena Diaz gehört zur zweiten Gruppe. Die Body-Positivity-Bloggerin, Autorin («Love Your Body») und Primarlehrerin ist gefragt wie noch nie. Zwar wurden ihr ein Fernsehauftritt, eine Lesung, ein Workshop und ein Vortrag abgesagt.

«Wahnsinnig zugenommen» haben hingegen die Nachrichten, die Diaz von ihren Followern auf Social Media erhält. Dort erzählt sie seit Jahren davon, wie sie ihre Essstörung überwunden und gelernt hat, ihren Körper gern zu haben. Diaz ist zu einer Botschafterin für «Selbstliebe» geworden. Und als solche wird sie derzeit von zahllosen Fans um Rat gefragt.

«Auch ich habe im Lockdown zugenommen»

Betroffene einer Essstörung leiden unter den Pandemiemassnahmen. Sie verlieren die selbst auferlegte Kontrolle über ihre Nahrungsaufnahme – etwa, weil sie im Homeoffice unter stärkerer Beobachtung der Familie sind oder nicht so viel Sport machen können, wie sie wollen. «Gleichzeitig ist die Pandemiesituation ein enormer Stress: Sie sind eingesperrt mit grossen Sorgen und einem vollen Kühlschrank. Viele Menschen versuchen, Ängste mit Essen zu bewältigen.

Wenn das Menschen mit Essstörungen tun, schämen oder bestrafen sie sich hinterher dafür», erklärt Diaz. «Kommt hinzu, dass viele Menschen in den sozialen Medien zeigen, wie sie den Lockdown zur Selbstoptimierung nutzen. Das setzt jene, die mit ihrem Körperbild kämpfen, zusätzlich unter Druck. Einige meiner Follower haben extrem Mühe im Moment. Auch ich selber werde oft gefragt, ob mich die Situation triggert.»

Ein «Trigger» (deutsch: Auslöser) kann bei psychischen Erkrankungen einen Rückfall hervorrufen. «Vor ein paar Jahren wäre das auch für mich schlimm gewesen, heute nicht mehr der Fall», so Diaz. «Ich koche zwar im Moment viel zu Hause und esse dadurch ausgewogenere Hauptmahlzeiten, aber ich snacke auch dauernd zwischendurch. Dadurch habe ich zugenommen. Zuerst habe ich es gar nicht gemerkt, weil ich zu Hause sowieso immer Leggins trage. Es ist mir erst aufgefallen, als ich Jeans anzog. Aber ich kann heute damit umgehen.»

Menschen, die derzeit in der Isolation mit sich und ihrem Körper kämpfen, möchte sie mitgeben: «Wir sind in einer Ausnahme­situation. Das ist nicht die Zeit für Perfektion und Selbstoptimierung, man darf nicht zu streng mit sich sein. Im Gegenteil: Jeder sollte sich fragen, was er sich Gutes tun kann in dieser Zeit. Es ist auch eine Gelegenheit, die eigenen Bedürfnisse kennen zu lernen; jetzt, wo wir auf uns zurückgeworfen sind.» Diaz geht auf ihren Kanälen offen damit um, dass auch sie schwierige emotionale Phasen durchläuft. Sie singt und tanzt dagegen an. «Andere können sich vielleicht beim Yoga oder beim Spazieren besser entspannen. Das Schwierige ist, sich dazu zu überwinden.»

Diaz versucht, alle Nachrichten ihrer über 72000 Follower auf Instagram und den Lesern des Blogs zu antworten. Hilfe suchen bei ihr vermehrt auch Fans, die Tipps fürs Homeschooling brauchen. Als Primarlehrerin an der Schule in Erlinsbach ist Diaz gerade selber enorm gefordert, weil sie Fernunterricht organisieren muss. «Ich bin versiert im Umgang mit digitalen Medien, und selbst für mich ist das eine enorme Herausforderung», erzählt die Pädagogin. «Gerade auf Primarstufe, wo die Beziehung mit den Kindern extrem wichtig ist, merke ich, wie der tägliche Kontakt fehlt. Meine Schülerinnen und Schüler dürfen mich jederzeit anrufen, müssen aber nicht. Mit einigen habe ich schon her­zige Videotelefonate geführt, das hat mich enorm gefreut.»

Corona lenkt sie von der Vergewaltigung ab

Für Morena Diaz hatte der Corona-Lockdown noch eine unerwartete Nebenwirkung. Anfang Jahr hatte sie öffentlich gemacht, dass sie von einem Bekannten vergewaltigt worden war. Sie hat ihn angezeigt; die Einvernahme hätte am 13. März stattfinden sollen. Ein Termin, der der jungen Frau massiv Angst gemacht hatte. Am Vorabend wurde er abgesagt. «Danach hatte ich zwei Tage Mi­gräne. Es ging mir vor und nach dem geplanten Termin so schlecht – für nichts –, dass ich bewusst beschlossen habe, mich im Moment nicht mehr damit zu beschäftigen. Ich habe genug zu tun.»

Wann die Einvernahme nachgeholt wird, ist noch unklar. Diaz hofft, bald damit abschliessen zu können. Auch, weil sie per Sommer ihren Job gekündigt hat: Sie will, sobald Corona es zulässt, für einige Monate nach Südspanien und dort viel Flamenco tanzen. «Ich habe so viel gearbeitet in den letzten Jahren und freue mich auf die Auszeit. Danach möchte ich meinen Lebensschwerpunkt etwas anders legen.

Angedacht ist, dass ich in einem kleinen Pensum als Lehrerin arbeite und meine Tätigkeit im Bereich Body Positivity ausweite – mehr Workshops und Vorträge zum Beispiel. Ausserdem plane ich mindestens ein zweites Buch: vielleicht mit lyrischen Kurztexten, vielleicht wieder über Selbstliebe, vielleicht dereinst über meine Vergewaltigung und den Umgang damit.»

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