Kürzlich stand ich vor der umgekippten Weihnachtstanne am Kirchplatz, die von «Burglind» zu Boden gebracht wurde. So, als wollte sie uns sagen, «Was guckst du? Jetzt ist fertig Weihnachten, ein neues Jahr ist da. An die Arbeit!», wartete sie geduldig auf den Abtransport und ich machte mich auf den Weg zurück ins Büro. Wo ich alleine sass und meine E-Mails mit Abwesenheitsmeldungen quittiert wurden. Von wegen «an die Arbeit». Die Stadt ist sehr ruhig nach der langen Festzeit, die an Neujahr unvermeidlich in einem Kater endet. Dann ruht man sich ein paar Tage aus, bleibt zu Hause, die Strassen sind leerer als sonst, am ersten Wochenende läuft nicht viel, wie alle Jahre.

Und doch, immerhin gab es einen Stabwechsel im Rathaus, der neue Stadtpräsident zieht ein – allerdings in ein weniger repräsentatives Büro und neu ohne eigenes Sekretariat – die alte Stadtpräsidentin geht, nicht ohne sich ausgiebig verabschieden zu lassen. Ein neues Parlament ist gewählt und wird sich bald an die Arbeit machen. Ein spannendes Jahr für Aarau. Wird das Jugendkulturhaus Flösserplatz wirklich umgenutzt und Privaten übergeben, so wie es derzeit im Rahmen der Leistungs- und Prozessüberprüfung angedacht wird? Werden tatsächlich mehr Kinderbetreuungsplätze zur Verfügung gestellt, wie vom kantonalen Gesetz vorgesehen, das am 1. Januar schon in Kraft getreten ist? Und wird der Stadtrat tatsächlich 1 Prozent Steuerfusserhöhung dafür beantragen, wenn dies nötig sein sollte, so wie während des Wahlkampfes im Herbst versprochen? Wir werden sehen.

Die Anliegen von Familien, Kindern und Jugendlichen hatten es die letzten Jahre schwer, sich durchzusetzen. Es scheint so, als wäre in der Exekutive niemand dafür zuständig. Es gibt ja auch Wichtigeres. Das Stadion zum Beispiel. Und während man da nicht vorwärtskommt und gespannt darauf wartet, ob nun im Mai mit dem Bau begonnen wird oder nicht – mit oder ohne Hochhäuser und vor allem, mit wessen Geld? –, haben Fussballteams auf der anderen Seite der Stadt ganz andere Sorgen. In der Sportanlage Schachen kämpft man weiterhin mit notorischem Platzmangel; der Kunstrasen, auf den man so stolz war, weist Löcher auf und langsam, aber sicher müsste er saniert werden. Was aus Kostengründen hinausgeschoben wird. Ein zweiter Kunstrasenplatz wäre die Lösung, sodass alle Anspruchsgruppen genug Platz finden. Würde da bitte jemand hinschauen? Kinder können nicht mehr Fussballspielen, weil die Juniorenmannschaften «ausgebucht» sind, eben wegen des bekannten Platzmangels. Dieses Problem kennen einige Aarauer Familien nur zu gut. Das erscheint mir für eine Stadt wie Aarau, die auf der anderen Seite bereit ist, Millionen für den gleichen Sport auszugeben, etwas unwirklich. Dies nur als Beispiel, denn wenn manche nun denken, «Nicht schon wieder Fussball!», haben sie recht. Es gäbe noch andere Sportbereiche, die dringend Infrastruktur benötigen. Da müsste sich die Stadt überlegen, Potenzial und Synergien zu nutzen. Ein Gesamtkonzept ist zu entwickeln, um in diesem Bereich gute, effiziente und finanzierbare Lösungen zu finden.

Doch zurück zum «Flössi»: Das Tragische an der Sache ist nicht nur, dass die Stadt bereit ist, den Standort aufzugeben und damit die Idee, den Jugendlichen einen Ort anzubieten, um Jugendkultur zu betreiben. Sondern dass die Direktbetroffenen kaum aufmucken. Wo ist der Aufschrei, der Protest? Oder ist dieser Ort schon lange nicht mehr der, an dem Jugendliche ihre Veranstaltungen organisieren, das erste Mal Platten auflegen, Konzerte organisieren und auch mal mit einer verrückten Idee scheitern können? Heute übernimmt das KiFF teilweise diese Aufgabe – ohne öffentlichen Auftrag. Viele der heute erfolgreichen Aarauer Veranstalter (zu wenige -innen) und Gastronomen haben ihre ersten Versuche im «Flössi» gemacht und sind da gross geworden. Dies soll auch in Zukunft so sein, denn es braucht in diesem Bereich eine kluge Nachwuchsförderung und eine aktive Jugendkulturarbeit, ob nun an der Flösserstrasse oder anderswo.

«Hopp, hopp, an die Arbeit, liebe Zuständigen», höre ich die umgekippte Tanne Richtung Rathaus rufen. Das neue Jahr hat erst begonnen.