In der Wochenzeitung «Die Zeit» wurde kürzlich im Bund «Schweiz» danach gefragt, welche Rolle das Geld bei Wahlen und Abstimmungen spielt. Und in diesem Rahmen wurde mit Bürgerinnen und Bürgern ein Gespräch zur Frage geführt, wie die politische Meinungsbildung funktioniert; ob sie bei Abstimmungen ans Gemeinwohl oder ans eigene Portemonnaie denken. Dabei fiel mir eine Aussage einer Gesprächsbeteiligten auf. Die Rede war von Abstimmungen beispielsweise über Schulhäuser, ein neues Eishockeystadion oder Steuererhöhungen.

Die kinderlose, nicht an Sport interessierte Frau gab an, dass sie sich in solchen Fällen überlege, dass man wohl über die eigenen Interessen hinausdenken muss. Ist ein Bedarf da, sollte das Gemeinwohl über die eigenen Bedürfnisse und Interessen stehen – und das eigene Portemonnaie. Also stimme sie möglicherweise eher einem Schulhaus oder Eishockeystadion zu, statt dagegen zu sein, nur, weil sie selbst nicht davon profitiert. Und wenn nötig, müsse man auch Steuererhöhungen zustimmen.

Stadion trotz schlechter Leistung?

Beim Lesen des Beitrags gingen mir unweigerlich Diskussionen über einige Abstimmungen von Grossprojekten in Aarau durch den Kopf. Ganz aktuell: das Fussballstadion. Das Baugesuch ist nun bei der Stadt eingegeben worden. Doch leider steht der FC Aarau spielerisch schlecht da. Nach sechs Spielen und null Punkten ist er immer noch Tabellenletzter und es fragen sich nicht wenige, ob das Stadionprojekt mit dieser spielerischen Leistung noch zu rechtfertigen ist. Womöglich baut die Stadt für einen Klub, der in den nächsten Jahren in der Promotion League spielen wird, was eher weniger Publikum anziehen wird.

Als das Wankdorf Stadion zum Stade de Suisse (wieder)erbaut wurde, spielten die Berner Young Boys mehr schlecht als recht in der Nationalliga B. Während der Bauphase stiegen die Berner auf und dieses Jahr wurden sie bekanntlich Schweizer Fussballmeister. Die Situation in Aarau ist nicht die gleiche, zugegeben. Denn hier werden wohl keine internationalen Spiele ausgetragen werden wie in Bern und auf ein Konzert von Coldplay können wir wohl trotz grossem Stadion nicht hoffen.

Doch an diesem Beispiel zeigt sich: Es spielt keine Rolle, wie der FC Aarau spielt. Ein solches Projekt ist auf die Zukunft ausgerichtet und es fragt sich, ob er der Gemeinschaft etwas bringt oder nicht. Denn weder gute noch schlechte Resultate des FC Aarau rechtfertigen grundsätzlich den Bau oder eben Nicht-Bau eines Stadions in Aarau, auch wenn sich zurzeit medial alles um diesen Umstand dreht, als wäre der Stadionbau von Resultaten abhängig – auch so kann man das Projekt zu Fall bringen.

Die Einzelkritik-Zwischenbilanz der Aarauer Spieler nach 7 Spielen:

Nicht nur für den FC Aarau

Aus meiner Sicht stellt sich eher die Frage, ob die Stadtbevölkerung den Stadionbau weiterhin realisiert haben will, ob es im grösseren Ganzen Sinn macht für Aarau. Das hatten wir auch schon bei der Abstimmung über die Alte Reithalle. Die Stimmbevölkerung kam zur Einsicht, dass ein solches Kulturhaus für Aarau gut ist. Dass es das Kulturleben positiv beeinflusst und Aarau dadurch über die Kantonsgrenzen hinaus ausstrahlen würde. Ähnliche Aspekte, die man auch bei der Stadionrealisierung mitbedenken muss. Was bringt das Stadion dem sportlichen Aarau?

«meinstadion.ch» hat in seinen «Allgemeinen Geschäftsbedingungen» unter anderem eine interessante Bestimmung drin: der FC Aarau Frauen soll das neue Stadion zu «tragbaren» Konditionen nutzen können. Bleibt zu hoffen, dass die später definierten «Selbstkosten» nicht zu hoch sein werden für den finanziell schwachen Verein und sich hier die Verantwortlichen finden werden. Aber dies ist schon ein guter Anfang. Das Stadion soll nicht nur vom FC Aarau genutzt werden, womöglich kann die Nutzung über die FC Aarau Frauen hinaus erweitert werden. Und unter den Aspekten Zuschaueraufkommen, Nachwuchsförderung und Ausstrahlung der Stadt ist das Projekt «Stadion in Aarau» durchaus zu rechtfertigen.

Schon mehrmals stimmte die Stimmbevölkerung dem Stadionbau zu. Seither ist Vieles geschehen und Einiges verändert worden. Heute sprechen wir über ein ganzes Wohnquartier mit Hochhäusern für 1200 neue Bewohner/innen. Noch ein letztes Mal wird die Stimmbevölkerung im nächsten Jahr über die neuen Pläne befinden und sich fragen, was das Projekt der Stadt Aarau bringt, ob dieses «Was» die hohen Kosten rechtfertigt und ob die Rahmenbedingungen stimmen. Und dies muss sie auf weite Sicht entscheiden und nicht aufgrund eines Tiefs der Mannschaft, das in paar Monaten wieder Geschichte sein könnte.

Die unendliche Geschichte des Aarauer Stadions: