Suhr
Neuer Wohnraum für 2000 Einwohner: «Wir stellen alles auf den Kopf»

In Suhr wird gebaut wie noch nie, aktuell entsteht Wohnraum für 2000 neue Einwohner. Gemeindepräsident Beat Rüetschi versteht, dass die enorme Bautätigkeit die Bevölkerung auch schreckt

Katja Schlegel
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90 Wohnungen, Migros, Denner, die Post, eine Apotheke, ein Hotel, Arztpraxen, Büros – auch für ein Fitnesscenter ist Platz reserviert: Mit dem Suhre Park entsteht ein neues Zentrum.Ueli Wild

90 Wohnungen, Migros, Denner, die Post, eine Apotheke, ein Hotel, Arztpraxen, Büros – auch für ein Fitnesscenter ist Platz reserviert: Mit dem Suhre Park entsteht ein neues Zentrum.Ueli Wild

Ueli Wild

Beat Rüetschi, links und rechts der Kantonsstrassen tun sich Baugruben auf, Suhr bekommt ein neues Gesicht. Mit welchem Gefühl gehen Sie durchs Dorf?

Beat Rüetschi: Ich kann mir vorstellen, wie die Gebäude und Quartiere dereinst aussehen werden. Für mich ist es deshalb eine Freude, zu sehen, was hier wächst. Was mich weniger freut, ist, dass es nicht ganz so herauskommt, wie ich das gerne gehabt hätte.

Gemeindepräsident Beat Rüetschi: «Früher hatten wir ein viergeteiltes, verplantes Dorf. Jetzt fängt es an, zusammenzuwachsen und zu funktionieren.»

Gemeindepräsident Beat Rüetschi: «Früher hatten wir ein viergeteiltes, verplantes Dorf. Jetzt fängt es an, zusammenzuwachsen und zu funktionieren.»

Chris Iseli

Was läuft schief?

Wir haben uns erhofft, dass mehr Unternehmen, die Arbeitsplätze bieten, hierher kommen und wir so die Mobilität einschränken könnten, weil die Leute nicht wegpendeln zur Arbeit. Dass die Leute da arbeiten können, wo sie wohnen und die Lebensqualität stimmt. Aber die Grundeigentümer können im Rahmen der Gestaltungspläne bauen. Der Gemeinderat schafft die Rahmenbedingungen. Wir können keine Arbeitsplätze diktieren. Was jetzt passiert ist die Realität, ist marktgerecht und entspricht der gesellschaftlichen Entwicklung – und nicht unbedingt den Wünschen des Gemeinderates.

Was passiert denn?

Der Grossverteiler Migros zieht in den Suhre Park, ebenso die Post. Und auch Denner will im Suhre Park eine Filiale eröffnen. Das bringt mehr Verkehr, was wir tunlichst verhindern wollten. Wir hatten im Gestaltungsplan die Verkaufsflächen so reduziert, dass es für Grossverteiler nur für eine lokale Filialgrösse reicht, und es auch Platz für andere Dienstleistungsbetriebe hat. Doch das funktioniert noch nicht ganz, das sehen wir auch beim Bahnhof. Da sind zwar mit der Kantonalbank und der Pizzeria gute Mieter eingezogen, aber eine restliche Fläche steht noch leer.

Und die Wohnungen?

Die Ein- und Zwei-Zimmer-Wohnungen gehen problemlos weg. Aber wenn nur so kleiner Wohnraum gebaut wird, kommen keine Familien.

Aber kleine Wohnungen ziehen doch gut verdienende Singles oder Paare an, also auch gute Steuerzahler. Warum wollen Sie dann die Familien?

Für die langfristige Entwicklung des Dorfes braucht es Familien. Immerhin können wir als Gemeinde Einfluss nehmen, dass die kleinen Wohnungen so konzipiert werden, dass man sie ohne allzu grosse bauliche Veränderung in grössere Einheiten umbauen kann.

Mit dem Umzug der Grossverteiler und der Post verschiebt sich das Dorfzentrum zum Bahnhof. Was passiert mit dem heutigen Kern?

Ich weiss nicht, was die Liegenschaftseigentümer im heutigen Zentrum vorhaben. Aber es wird schwierig. Ich vermute, dass sich auch Denner zwei Filialen auf engstem Raum nicht lange leisten wird. Und wenn die Frequenzträger verschwinden, stirbt ein Zentrum. Das Gleichgewicht ist sehr labil. Dann haben die übrigen Geschäfte es schwierig, die nötigen Kundenfrequenzen hinzubringen.

Wie beurteilen Sie diese Verschiebung?

Das Zentrum des täglichen Einkaufs wird vergrössert bis zum Bahnhof. Das Dorf wird besser zusammengeführt. Man darf die Wohnquartiere südlich der Bahnlinie nicht vergessen, das sind rund 3000 Einwohner, die bisher eher abgeschnitten waren und in Zukunft wesentlich besseren Zugang erhalten.

Welche Unternehmen hätte die Gemeinde denn beim Bahnhof gerne gehabt?

Im Standortmarketing wurden die Stossrichtungen für jedes einzelne Gebiet definiert. Rund um den Bahnhof als optimalen öV-Knotenpunkt hätte der Gemeinderat am liebsten Dienstleistungsbetriebe und Green Business. Unternehmen also, die sich an ökologischer Nachhaltigkeit orientieren. Wir haben auch Hightech Aargau eingeladen, die Innovationsförderung im Kanton, um den Standort schmackhaft zu machen. Aber wir können keinem Investor diktieren, wem er was vermieten soll. Und es ist letztendlich auch nicht unsere Aufgabe als Gemeinde, die richtigen Mieter zu suchen.

Suhr wird quasi umgegraben, in den nächsten Jahren kommen 2000 neue Einwohner dazu, ein Fünftel mehr als bisher. Das ist gewaltig.

Das stimmt, wir stellen alles auf den Kopf. Was wir über Jahre hinweg geplant haben, wird jetzt sichtbar. Und es geht auf. Aber ja, es geschieht vieles auf einmal.

Verstehen Sie auch, dass diese Veränderungen die Suhrer schrecken?

Absolut. Das höre ich auch ab und zu.

Was sagen sie denn?

Wir seien «Spinner», so viel zu bauen. Aber das sind nicht wir, die Gemeinde, sondern die Investoren. Wir schaffen mit den Gestaltungsplänen und dem Baubewilligungsverfahren nur die Rahmenbedingungen. Würden wir das nicht tun, würde einfach alles beim Alten bleiben, das Gebiet um den Bahnhof beispielsweise würde weiter verfallen.

Apropos Bahnhof: Was passiert jetzt auf der Süd-Seite?

Wir stehen kurz davor, den Gestaltungsplan zur definitiven Genehmigung an den Regierungsrat zu schicken. Hier werden wir vermutlich viele Familienwohnungen bekommen.

Ist Suhr nach dem Bau all des Geplanten fürs Erste «ausgewachsen»?

Laut Kanton müssten wir als städtisches Urbangebiet rund 14 000 Einwohner haben. All die Einfamilienhauszonen müssten noch mehr verdichtet werden. Aber das passiert laufend, genauso, wie die Entwicklung läuft. Den ersten Schub brachte die WSB-Verlegung, der nächste ist die Neugestaltung der Kantonsstrassen. Früher hatten wir ein viergeteiltes, verplantes Dorf. Jetzt fängt es an, zusammenzuwachsen und zu funktionieren. Die Aufgabe des Gemeinderates ist es, zu schauen, dass es langfristig funktioniert.

Ist die Gemeinde parat für die Zukunft?

Man erwischt uns nicht auf dem falschen Fuss. Wir haben den Schulraum entsprechend aufgestockt, der Verkehr ist auch geregelt, mehr Strassen brauchen wir – mit Ausnahme der Ostumfahrung – nicht. Und die Verwaltung wird in der nächsten Zeit ebenfalls den Anforderungen angepasst.

Was hat der Suhrer von dieser Bautätigkeit?

Eine Dorfgemeinschaft, für die genügend Geld zur Verfügung steht, und in der die Lebensqualität stimmt. Und das tut sie in Suhr. Jeder Einwohner soll sich in Suhr wohlfühlen und stolz darauf sein, dass er hier wohnt.

Sie haben Suhr optisch geprägt wie kaum ein Vorgänger. Ihr Denkmal?

(lacht) Die Geschichte wird zeigen, ob das gut war. Aber ich bin davon überzeugt, dass man es nicht hätte besser machen können. Ich bin schon ein wenig stolz.

Suhre Park: Migros, Denner, Post und Studler ziehen ein

Am Mittwoch wurde der Grundstein für die neue Überbauung Suhre Park an der Bären-Kreuzung gelegt. Bereits seit Herbst bekannt ist, dass hier Migros und Denner eine Filiale eröffnen werden. Das Hotel sowie die Bereiche Café, Restaurant und Holzofenbäckerei wird Peter Studler mit seiner Local Group AG betreiben.

Auch die Linden Apotheke wird von der Bachstrasse in den Suhre Park umziehen.
Neuer Mieter im Suhre Park wird zudem die Post: In einem Flyer, der kürzlich verteilt wurde, schreibt sie, die Lokalitäten an der Mittleren Dorfstrasse seien teilweise sanierungsbedürftig und die Raumaufteilung nicht mehr zeitgemäss. «Eine Modernisierung am heutigen Standort würde unverhältnismässig hohe Kosten verursachen, unter anderem für die Bereitstellung eines Provisoriums», so die Mitteilung der Post.

Am neuen Standort würden nicht mehr Gitterstäbe, Granit und Scheiben zwischen den Kunden und den Post-Mitarbeitenden das Bild prägen, sondern offene Schalter und ein modernes, freundliches Design, so die Mitteilung der Post. Die Eröffnung ist – je nach Baufortschritt – für Ende 2017 oder Frühjahr 2018 vorgesehen. Bis dahin bleibt die aktuelle Filiale unverändert in Betrieb.