Aarau
Neue Stadträtin Marclay-Merz: «Für die FDP ganz und gar keine Niederlage»

Von null in den Stadtrat: Suzanne Marclay-Merz (44) gehört zu den Wahlsiegern. Sie erklärt, wie sie ihren Triumph erlebt hat, wie sie sich auf das Amt vorbereitet und warum der FDP-Kandidat Hanspeter Hilfiker (52) am 26. November Stadtpräsident wird.

Nadja Rohner und Urs Helbling
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Die neue Stadträtin Suzanne Marclay-Merz (FDP) ist in Aarau oft mit ihrem Flyer unterwegs – inklusive Kindersitz.

Die neue Stadträtin Suzanne Marclay-Merz (FDP) ist in Aarau oft mit ihrem Flyer unterwegs – inklusive Kindersitz.

Chris Iseli

Frau Marclay, wie fühlt man sich als neu gewählte Stadträtin?

Ich freue mich, dass mir die Aarauerinnen und Aarauer das Vertrauen ausgesprochen haben. Ich bin mir aber auch bewusst, dass das Amt eine grosse Verantwortung mit sich bringt – und habe entsprechenden Respekt.

Wie haben Ihre drei Kinder auf die Wahl reagiert?

Sie hatten wahnsinnige Freude. Sie bastelten mir als Geschenk einen schönen Herbstbaum.

Was war der schlimmste Moment des Wahlkampfs?

Den Wahlkampf habe ich als sehr angenehm empfunden. Erst ganz am Schluss wurde ich so richtig nervös. Wir waren am Sonntag zuerst am Geburtsfest meines Gottenmädchens. Ich war also super abgelenkt. Um halb vier Uhr waren wir zu Hause. Die Stunde, bis das Telefon kam, war dann extrem lang.

Die politische Blitz-Karriere der Susanne Marclay-Merz

Herbst 2016 Suzanne Marclay-Merz, ein politisch bisher unbeschriebenes Blatt, kandidiert für den Grossen Rat. Dank eines frischen Internet-Auftritts (Bild) und eines guten Strassenwahlkampfs schafft sie es auf den ersten Ersatzplatz.
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Januar 2017 Die FDP der Stadt Aarau wählt Suzanne Marclay zu ihrer Präsidentin. Als Nachfolgerin von Rainer Lüscher (r.). Sie erklärt in ihrer Antrittsrede: «Wir werden das Stadtpräsidium wieder zurückholen.»
Mai 2017 Im März nominierte die FDP Suzanne Marclay als Stadtratskandidatin. Im Mai schärfte sie ihr Profil, indem sie sich als – als einzige unter den neun Stadtratskandidaten – als Gegnerin der Kreisschule Aarau-Buchs outete.
August 2017 Wahlkampfauftakt der FDP Aarau mit der nationalen Parteipräsidentin Petra Gössi. Suzanne Marclay an der Seite von Hanspeter Hilfiker. Wie die meisten Kandidaten bleibt sie bei politischen Positionen recht schwammig.

Herbst 2016 Suzanne Marclay-Merz, ein politisch bisher unbeschriebenes Blatt, kandidiert für den Grossen Rat. Dank eines frischen Internet-Auftritts (Bild) und eines guten Strassenwahlkampfs schafft sie es auf den ersten Ersatzplatz.

az

Sie liegen nur 165 Stimmen vor Silvia Dell’Aquila. Was hat den Ausschlag zu Ihren Gunsten gegeben?

Das ist schwierig zu sagen. Es waren alles starke Kandidaten – da schliesse ich Simon Burger ein. Ob schlussendlich vielleicht doch die wilde Kandidatur, die teilweise fehlende Unterstützung in linken Kreisen, entscheidend war – ich weiss es nicht.

Als Gerichtspräsidentin waren Sie sich lange Verhandlungen gewohnt. Wie erlebten Sie am Montag im Einwohnerrat den Budget-Marathon?

Ich sass auf der Tribüne. Lange Sitzungen hatte ich schon vor meiner Zeit als Gerichtspräsidentin. Die Budget- und Steuerfussdebatte war schwierig und ging aus bürgerlicher Sicht nicht erfreulich aus.

Sie sind eine totale Quereinsteigerin, hatten noch nie ein Parlamentsmandat. Wie bereiten Sie sich auf Ihre Aufgaben als Stadträtin vor?

Ich beschäftige mich intensiv mit der Tagespolitik. Zudem musste ich mich schon bei früheren Tätigkeiten schnell und intensiv in ein Thema einarbeiten.

Holen Sie sich Rat bei Altmeistern wie dem ehemaligen Stadtpräsidenten Marcel Guignard?

Es ist für mich selbstverständlich, mit verschiedenen Personen und Institutionen zu sprechen. Nicht nur mit alt Stadträten.

Ihnen droht das Ressort Sicherheit (Polizei, Feuerwehr, Entsorgung). Hätten Sie lieber etwas anderes?

Das Thema Sicherheit wäre sehr spannend, speziell für mich als ehemalige Gerichtspräsidentin. Da würde ich mich darauf freuen. Aber ich könnte mich in jedes andere Ressort schnell einarbeiten.

Fühlen Sie sich in Aarau sicher?

Ja.

Sie sind nicht nur Stadträtin, sondern auch Parteipräsidentin. Als solche erlitten Sie am Sonntag eine Niederlage. Im Stadtrat gibts neu eine Mitte-Links-Mehrheit. Hat das «Wir ziehen am gleichen Strick»-Bündnis nicht funktioniert?

Als Niederlage haben wir den Wahlausgang ganz und gar nicht erlebt. Wir erreichten unser Ziel, die zwei Sitze zu halten. Und Hanspeter Hilfiker erzielte als Kandidat für das Stadtpräsidium das beste Resultat. Aber natürlich bedauern wir, dass die bürgerliche Mehrheit nicht gehalten werden konnte. Der Linksrutsch kam allerdings nicht total überraschend.

Hat Sie das enttäuschende Abschneiden des SVP-Kandidaten Simon Burger überrascht?

Ja. Wir gingen davon aus, dass Silvia Dell’Aquila, Simon Burger und ich deutlich näher zusammenliegen würden. Simon Burger war ein guter Kandidat. Er hat einen ausgezeichneten Wahlkampf geführt – aber wahrscheinlich litt er unter dem SVP-Syndrom. Die SVP hat in den Majorzwahlen häufig einen schweren Stand.

In Ihrer ersten Rede als Parteipräsidentin erklärten Sie die Rückeroberung des Stadtpräsidiums zum Wahlziel. Jetzt hat Hanspeter Hilfiker im ersten Wahlgang eher enttäuschend abgeschlossen. Warum?

Hanspeter Hilfiker hat das beste Resultat erzielt. Er liegt fast 400 Stimmen vor dem nächsten Kandidaten. Das ist ein sehr gutes Resultat. Vor allem auch, weil links-grün am Wahlsonntag sehr stark mobilisiert hat. Hanspeter Hilfiker holte auch Stimmen im linken Lager. Das bestätigt, dass er von der Kompetenz und der Führungserfahrung her der stärkste Kandidat ist.

Alleine von den Stimmenanteilen her müsste das «Strick»-Bündnis (FDP, SVP, SVP) 45 Prozent machen. Die hat Hilfiker nicht erreicht?

Natürlich wäre es schön gewesen, wenn er es schon im ersten Wahlgang geschafft hätte. Aber das war bei drei Kandidaten fast nicht möglich, insbesondere weil Angelica Cavegn Leitner bis weit in die Mitte Unterstützung genoss.

War es ein Nachteil, dass am gleichen Wochenende die AHV-Abstimmung stattfand?

Nein, weil die Grundmobilisierung sehr gut war. Die Stimmbeteiligung war hoch. Das ist grundsätzlich erfreulich, weil die Resultate den Willen der Bürger so besser abbilden.

Aarau hat der AHV-Vorlage mit 55 Prozent zugestimmt. Das zeigt deutlich, dass es nicht mehr eine bürgerliche, sondern eine grün-linke Stadt ist.

Dem ist so. Der Linksrutsch im Stadtrat bestätigt diese Tendenz.

Am 26. November muss Hanspeter Hilfiker gegen das nun geeinte Mitte-Links-Lager bestehen. Wie soll er es gegen Daniel Siegenthaler (SP) trotzdem noch schaffen?

Hanspeter Hilfiker ist der kompetentere, erfahrenere Kandidat. Er ist für mich der Richtige. Er hat ein enorm grosses Wissen in der Finanzpolitik, was in der heutigen Situation der Stadt sehr wichtig ist. Hanspeter Hilfiker ist auch weit ins linke Lager hinein wählbar. Darum bin ich optimistisch, dass er es am 26. November schaffen wird.

Haben Sie sich für den zweiten Teil des Wahlkampfes etwas Spezielles vorgenommen?

Wir werden Vollgas geben – auch wegen der Einwohnerratswahlen. Wir hoffen, im Parlament den weiteren Linksrutsch verhindern zu können.

Hat die FDP eigentlich noch Geld?

Wir sind mit den Mitteln sehr haushälterisch umgegangen. Bei den Stadtratswahlen ist das kleine Budget ausgeschöpft. Für die Einwohnerratswahlen gibt es ein separates Budget.

Konkret?

Wir hatten bei den Stadtratswahlen für beide Kandidaten ein Parteibudget von zusammen 24 000 Franken. Deutlich weniger als andere Parteien. Daneben waren die Kandidaten selber gefordert, Gelder aufzubringen – ganz im Sinne der Eigenverantwortung.

Empfinden Sie es als Vorteil, dass am Novembertermin auch noch über die Steuererhöhung abgestimmt wird?

Ich bin grundsätzlich froh, dass wir noch ein anderes Thema haben. Bedauerlich ist nur, dass es keine eidgenössische Abstimmung gibt.

Wir gehen davon aus, dass die FDP die Steuerfusserhöhung bekämpfen und so ihr Profil schärfen wird.

An der Einwohnerratssitzung vom Montag hat sich die FDP-Fraktion gegen die Steuererhöhung gewehrt. Am 16. Oktober werden die FDP-Mitglieder die Parole fassen. Es ist davon auszugehen, dass es eine Nein-Parole sein wird.

Vor zwei Jahren ist FDP-Stadtrat Lukas Pfisterer ausgeschert und hat kundgetan, dass er im Gegensatz zum Gesamtstadtrat gegen eine Steuerfusserhöhung ist. Wird das einer der beide FDP-Stadträte jetzt dann wieder tun?

Das zeichnet sich nicht ab.

Die FDP stellt heute 10 Einwohnerratsmitglieder und ist damit hinter der SP (12 Sitze) und der SVP (11) die drittstärkste Fraktion. Sie tritt jetzt mit 37 Kandidaten an. Was haben Sie sich zum Ziel gesetzt?

Die zehn Sitze halten – und einen dazuzugewinnen.

Wird der Einwohnerrats-Wahlkampf Ihren Stadtpräsidenten-Wahlkampf unterstützen?

Da gibt es sicher Synergien.

Wann treten Sie als Parteipräsidentin zurück?

An der nächsten GV im Januar 2018. Wir sind daran, die Nachfolge vorzubereiten. Wir haben ausgezeichnete Kandidatinnen und Kandidaten.

Spätestens nach den Nationalratswahlen 2019 werden Sie wohl die Chance haben, in den Grossen Rat nachzurutschen – Sie sind auf dem ersten Ersatzplatz. Werden Sie das Doppelmandat annehmen

Wenn ich die Chance bekäme, würde ich in den Grossen Rat eintreten. Das Doppelmandat würde zu optimalen Synergien führen.

Und jetzt gehen Sie in die Ferien ...

Wir gehen ein paar Tage in die Berge, aber erst, nachdem wir an diesem Wochenende die Einwohnerrat-Plakate aufgehängt haben.