Aarau
Neue Einwohnerrats-Präsidentin: «Es hat wirklich gute Leute hier»

Lelia Hunziker ist am Montagabend zur neuen Präsidentin des Einwohnerrats Aarau gewählt worden. Im Gespräch sagt sie, wie sie den Ratbetrieb erlebt - und was sie für Erfahrungen macht mit Flüchtlingen als Leiterin der Anlaufstelle Integration Aargau.

Hubert Keller
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Ratspräsidentin Lelia Hunziker auf dem Balkon zu ihrem Büro in der Altstadt: «Ich möchte den Rat integrativ führen.»

Ratspräsidentin Lelia Hunziker auf dem Balkon zu ihrem Büro in der Altstadt: «Ich möchte den Rat integrativ führen.»

Chris Iseli

Frau Hunziker, lassen wir die Politik noch aus dem Spiel. Wie verbringen Sie Weihnachten?

Lelia Hunziker: Wir feiern am 24. Grosseltern, Onkel und Tanten, Kinder, alle sind da. Das gibt ein Riesengeköch. Aber nachher ist es vorbei.

Eine grosse Gesellschaft. Wie halten Sie es mit dem Schenken?

Etwa zwanzig. Oft kommen auch noch spontan Freunde dazu, die aus was für Gründen auch immer, plötzlich alleine da stehen am 24. Was die Geschenke betrifft, wichteln wir. Jeder und jede bekommt jemanden zugelost. Jede Person bekommt nur ein Geschenk, muss auch nur eines machen.

Die neue Ratspräsidentin

Gestern Montagabend ist Lelia Hunziker (42), Mutter von Carlos (15) und Greta (10), zur Einwohnerratspräsidentin gewählt worden. Lelia Hunziker ist Delegierte im Kongress der Kommunen und Regionen im Europarat. Sie ist zudem Präsidentin des VPOD Aargau. Acht Jahre vertrat sie die Gruppierung «Jetzt» im Einwohnerrat und in der FGPK. Lelia Hunziker setzte sich für die FuSTA, für Sportinfrastrukturen und Kultur ein. Seit zwei Jahren gehört sie der SP-Fraktion des Einwohnerrats an. (az)

Und, was wünschen Sie sich?

(Überlegt.) Ich verspüre keine Sinnkrise, aber eine Schenkkrise. Ich will damit nicht in die alles dominierende Flüchtlingsdebatte fallen. Doch es ist einfach so: Ich habe alles, wir haben alles. Wenn ich mir überlege, was ich mir schenken lassen könnte, dann wäre es am ehesten noch ein Küchengerät, ich koche gerne. Ich schenke mir persönlich zwei Wochen Ferien im Frühling, erhole mich vielleicht in Indien nach der Methode von Ayurveda. Und ich schenke mir ein Ticket für das Konzert der britischen Rockband Coldplay.

Ayurveda und Coldplay, geht das zusammen? Ich stelle mir vor, dass sie Coldplay mit 97 Dezibel hören, um sich abzureagieren.

Ja, das mache ich. Aber es hilft auch Yoga. Ich brauche das eine und das andere. Laute Musik und ruhige Entspannung. Regelmässig gönne ich mir eine Auszeit mit viel Yoga ohne Kind und Kegel.

Sie haben es angetönt, es ist Krieg, Flüchtlinge suchen bei uns in grosser Zahl Schutz.

Das beschäftigt mich schon stark. Neben den Schicksalen der Flüchtlinge fällt mir die Sattheit Europas auf. Wir haben alles. Sind satt und träge. Was wünschen sich die Kinder auf Weihnachten? Sie haben doch bereits alles. Die meisten Wünsche werden schnell erfüllt. Irgendwie erwartet man gar nichts mehr, man schiebt Anschaffungen oft nicht mehr bewusst hinaus, um sich den Wunsch auf Weihnachten erfüllen zu können. Ich schliesse mich nicht aus, auch ich bin Teil dieser konsumistischen Schweiz. Die vollen Regale in den Läden, den Drang zu kaufen und zu besitzen. Die vollen Mülleimer. Das alles bedrückt mich.

Und die vielen Menschen, die Asyl suchen?

Es sind Schicksale. Jeder Mensch ein Schicksal. Täglich wird mir bewusst, wie gut es uns geht. Wie viel Glück wir haben. Es kommen Menschen, die ein volles Leben hatten. Haus, Arbeit, Möbel, Fotoalben, Verwandte, Freunde, Stammbeiz, Freizeit. Und nun stehen sie da mit einem Plastiksack, mit ihren letzten Habseligkeiten. Wir leben alle gemeinsam in einer Welt, nur gehören geflüchtete Menschen, kurz nach ihrer Ankunft, nirgends richtig dazu. Mir kommt es manchmal vor, als wären sie in einer Zwischenwelt. Auf der Flucht eben.

Wie sehr beschäftigt Sie das in Ihrer Arbeit als Leiterin der Anlaufstelle Integration Aargau?

Sehr. Nur, die Flüchtlinge kommen nicht gleich nach ihrer Ankunft zu uns. Wir haben mit ihnen erst zu tun, wenn ihr Status geregelt ist. Das Klima, das die Diskussion gegenwärtig prägt, beeinflusst unsere Arbeit. Es gibt viele Menschen, die helfen wollen. Wir haben viel zu tun.

Sie haben in den vergangenen zwei Jahren als Vizepräsidentin neben Danièle Zatti den Ratsbetrieb begleiten und beobachten können. Was bedeutet für Sie die Wahl zur Ratspräsidentin?

Die Zusammenarbeit mit Danièle war super. Ich freue mich riesig auf das Amt. Es wird eine neue Herausforderung. Ich bin nun zehn Jahre Mitglied des Einwohnerrats, das elfte und zwölfte Jahr werde ich als Präsidentin absolvieren. Ich werde eine neutrale Rolle spielen, noch neutraler wie als Vizepräsidentin. Obwohl das, das gebe ich gern zu, nicht meine Kernkompetenz ist. Ich bin halt eine «Jetztlerin».

Jetztlerin?

Bis vor zwei Jahren, als ich zur SP wechselte, war ich Mitglied von «Aarau Jetzt!», eine «Jetztlerin». Von Haus aus bin ich aber ein SP-Kind. Auch meine Mutter, Käthi Hunziker, war eine SP-Frau und gehörte dem Einwohnerrat an. Sie wurde sogar vom Rat zur Vizepräsidentin gewählt, allerdings als Sprengkandidatin, weil die offizielle Kandidatin der SP den Bürgerlichen wohl zu links war. Weil sich die SP-Fraktion nicht gängeln lassen wollte, durfte sie die Wahl nicht annehmen. Meine Mutter hätte das Amt aber gerne gemacht. Das war ein Frust.

Das kennen wir doch auch von Bundesratswahlen?

Genau, meine Mutter war quasi der Heinz Brand der SP. In der Familie wiederholen sich manchmal die Dinge. Nun freut sich meine Mutter sehr über meine Wahl.

Wie erleben Sie den Ratsbetrieb?

Ich erlebe ihn extrem gefrontet. Es sind zwei Lager, die einander, durch den Gang getrennt, gegenüber stehen. Dabei geht vergessen, dass die fünfzig Ratsmitglieder mehr gemeinsam haben, als dass sie trennt. Wir engagieren uns alle persönlich, bringen viel Herzblut und Zeit für die Stadt auf. Das sollte man sich etwas mehr vor Augen halten, bei allen Differenzen, die wir auch haben. Wir alle wollen das Beste für diese Stadt.

Ist das so, ziehen denn auch alle am gleichen Strick?

Ja, das tun wir. Nicht immer in die gleiche Richtung, aber mit dem gleichen Ziel.

Was macht für Sie die Qualität dieser Stadt aus?

Ich bin eine Ur-Aarauerin, bin hier geboren und zur Schule gegangen, war aber dann auch einige Jahre weg im Ausland. Es ist die Lage dieser Stadt, die mir sehr viel ermöglicht. Ich kann von Aarau aus innert Kürze alles erreichen. Und ich schätze an Aarau die Kultur, die einen hohen Stellenwert geniesst, Landschaft und Markt. Hier habe ich meinen Arbeitsplatz. Und es hat wirklich gute Leute hier in Aarau. Eine Grossstadt bietet mir nicht wirklich viel mehr. Es ist hier einfach alles viel kleiner, dafür kennt man sich.

Ist das nicht auch ein Problem dieser Stadt, dass sie sich alles leistet, was eine Stadt leisten kann, vielleicht sich zu viel leistet?

Natürlich, wir sollten uns immer auch bewusst machen, dass wir nicht alles haben müssen. In die Oper gehe ich in Zürich. Aber das, was wir machen und was wir brauchen, müssen wir gut machen. Im Zentrum steht für mich die Bildung, Kultur und vor allem das Sozialwesen.

Wenn es im Einwohnerrat ums Geld geht, führt das doch unweigerlich zum Krach. Die linke Ratshälfte hat Angst, die Stadt könnte an urbaner Qualität und Attraktivität verlieren, auf der rechten Seite drängt man darauf, dass die Ansprüche und Leistungen beschränkt und der Sparhebel angesetzt werden. Muss das Stadtmuseum so gross sein? Muss man ein Stadion haben?

Das hängt davon ab, was einen interessiert. Jedes Projekt, jedes Bedürfnis hat seine Lobby. Doch es stimmt, wir müssen von solchen Einzelinteressen wieder etwas wegkommen und den Blick auf das Ganze gewinnen. Wir vertreten die ganze Bevölkerung von Aarau und müssen immer im Sinne aller entscheiden und handeln. Deshalb lässt sich eine Stadt auch nicht mit einem wirtschaftlichen Unternehmen vergleichen. Wir haben einen ganz anderen Auftrag. Wir müssen solidarisch sein.

Haben Sie nicht auch das Gefühl, die Aarauerinnen und Aarauer freuen sich zu wenig an dem, was sie an dieser Stadt haben?

So sind doch nicht nur wir Aarauer und Aarauerinnen, das trifft für alle zu, oder?

Ich bin Ostaargauer, ein halber Badener. Und um die Badener mit den Aarauern zu vergleichen, bringe ich jeweils folgendes Bild: Wenn die Badener einen bunten Luftballon steigen lassen, verkünden sie dem ganzen Land, seht her, was für ein fantastisches Fest wir haben. Wenn die Aarauer einen bunten Luftballon steigen lassen, kommt sicher einer und holt ihn mit einem gezielten Schuss herunter.

Wer holt ihn runter, ein Aarauer oder ein Badener?

Ein Aarauer selbstverständlich.

Mag sein, dass das so ist. Ich erlebe ja Aarau auch als ziemlich protestantisch. Wir sind streng mit uns, das hat schon fast asketische Züge. Übrigens auch ich, auch ich bin streng. Aber, liebe Badener, wir feiern doch auch ganz schön. Eure Badenfahrt, feiern wir jährlich mit dem Maienzugvorabend. Wir hatten das Schwingfest, das Jodlerfest und das Volksmusikfest. Aarau ist eine ziemliche Festhütte.

Ich liebe diese Stadt. Die Badener müssten vor Neid erblassen. Nur, ich bleibe dabei, die Aarauer wissen es nicht zu schätzen.

Wir sind eher bescheiden und zurückhaltend, die Badener festfreudiger, spontaner. Im Gegensatz zu uns sind sie halt Katholiken, die zu Zeiten der Spanischbrötlibahn eine gewisse Frivolität auslebten. Aber diese Aarau-Baden Geschichte ist doch wirklich schon lange überholt. Ein alter Zopf, der bewirtschaftet wird.

Wo gehen Sie in Aarau am liebsten hin?

(Überlegt.) Ich jogge extrem gern, der Planetenweg und Amerika, das ist meine Homebase, da jogge ich mindestens zweimal die Woche. Und ich liebe die Altstadt. Mit der Neugestaltung hat sie enorm an Charme gewonnen. Und entgegen allen Unkenrufen geht es den Geschäften gut, den Wirten sogar sehr gut.

Sie klagen trotzdem.

Nicht alle. Einige, es sind strebsame Aarauer, sind nicht zufrieden, mit dem, was sie haben, strengen sich immer noch mehr an, um besser zu sein (schmunzelt).

Wie stellen Sie sich Ihre Arbeit als Ratspräsidentin vor?

Ich möchte den Rat integrativ führen. Auch wenn ich der linken Ecke der SP zuzurechnen bin, ist das doch meine Art: Ich kann es mit vielen Leuten sehr gut. Ich möchte wirklich, dass im Rat wieder mehr Freude an der Sache aufkommt.

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