Lebensmittel
Naturama-Direktor über Zukunfts-Nahrung: «Maden sind sehr nahrhaft»

Bereits 25'000 Menschen haben die Ausstellung «Wir essen die Welt» gesehen. Naturama-Direktor Peter Jann gibt Auskunft über sein persönliches Essverhalten und was wir künftig vielleicht essen werden.

Aline Wüst
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Peter Jann, Direktor Naturama, in der aktuellen Ausstellung des Aargauer Naturmuseums.

Peter Jann, Direktor Naturama, in der aktuellen Ausstellung des Aargauer Naturmuseums.

Alex Spichale

Im Naturama dreht sich derzeit alles um den Umgang mit Nahrungsmitteln – weltweit und im eigenen Kühlschrank. Die Ausstellung «Wir essen die Welt» ist ein Erfolg.

25 000 Menschen haben sie bereits besucht. Sie läuft noch bis Februar. Zeit nachzufragen, wie der Direktor des Naturamas, Peter Jann (47), über Fertigprodukte denkt. Zeit zu fragen, was wir in der Zukunft essen werden und herauszufinden, wie strikt der Direktor sich ans Ablaufdatum der Joghurts in seinem Kühlschrank hält.

Ein Moralapostel ist Peter Jann nicht – obwohl er kein Handy hat.

Herr Jann, woher kommt der Apfel, in den Sie gerade gebissen haben?

Peter Jann: Aus meinem Garten. Dort fallen die Äpfel zurzeit vom Baum. Das ist wunderbar, ich kann jetzt jeden Morgen vor dem Arbeiten ein paar davon einsammeln.

Das tönt romantisch. Ich war vorher im Coop und habe eine Birne aus Südafrika gekauft. Sie hat gleich viel gekostet wie die Birne aus der Schweiz und gut geschmeckt. Ist das schlimm?

Schwierig zu sagen. Es gibt Früchte aus dem Ausland, die eine bessere Ökobilanz haben als Früchte aus der Schweiz, wenn diese ausserhalb der Saison in einem klimatisierten Lagerhaus gelagert werden.

Also halb so schlimm?

Während der Saison sollte man unbedingt Schweizer Obst kaufen. Die Transportkosten fallen bei der südafrikanischen Birne zudem negativ ins Gewicht. Hätten Sie eine Birne aus der Schweiz gekauft, würden Sie ausserdem die Schweizer Landwirtschaft unterstützen und je nachdem auch die Artenvielfalt.

Hätten Sie meine Birne gegessen?

Ich würde eine Schweizer Birne bevorzugen. Ich gehe aber auch nicht mit dem Labelheftli durch die Läden. Es gibt zwei Extreme bei den Konsumenten. Die einen machen sich überhaupt keine Gedanken, andere richten ihr ganzes Denken darauf aus. Ich finde, man muss auch Freude am Essen haben. Und auch etwas geniessen. Dazu kann auch mal eine Birne aus Südafrika gehören.

Im Durchschnitt wirft der Schweizer 290 Kilo Lebensmittel pro Jahr weg. Was landet bei Ihnen zu Hause im Abfall?

Ich musste kürzlich ein paar gekochte Spaghetti entsorgen, weil die schimmlig geworden sind. Dies ist
aber eine Ausnahme, ich werfe sehr wenig Lebensmitteln weg.

Wie machen Sie das?

Ich habe eine grosse Hemmschwelle, Nahrungsmittel wegzuwerfen, und ich schaue nie aufs Ablaufdatum.

Sie machen die Riechprobe?

Genau, dafür ist der Mensch ausgestattet. Wenn etwas schlecht riecht, kann man es wegwerfen. Die meisten Joghurt esse ich über das Ablauf-
datum hinaus. Bis jetzt ist mir nie schlecht geworden.

Ist das schon das ganze Geheimnis?

Nein, es liegt vor allem daran, dass ich gern koche. Ich verwende dafür das, was im Kühlschrank ist, und gebrauche auch Reste.

Brot bleibt oft übrig.

Aus Brot mache ich Brotrösti, das ist sehr fein – oder Paniermehl.

Es gibt Projekte wie «Tischlein deck dich», wo Grossverteiler abgelaufene Produkte gratis weitergeben. Kennen Sie andere solcher Projekte?

Faszinierend finde ich eine Website im Internet, die Obstbäume aufführt, deren Besitzer das Obst nicht selber brauchen. Andere Leute können dieses Obst einsammeln. Toll ist es auch, eine Kiste mit Nüssen an den Strassenrand zu stellen, wenn man nicht alle selber essen mag. Die Idee, das weiterzugeben, was man als Überschuss hat, fasziniert mich.

Coop hat kürzlich mit einer grossen Kampagne zweibeinige Rüebli und krumme Gurken zurück in ihre Läden geholt. Ist das nicht scheinheilig?

Ich fand das genormte Gemüse schon immer langweilig. Ausserdem: Hätte Coop das jetzt nicht gemacht, hätte das Unternehmen eine naheliegende Marktchance verpasst.

Warum?

Zurzeit gibt es einen grossen Hype um korrekte Ernährung. Die Leute sind heute bereit, solche unperfekten Produkte zu kaufen. Vor zehn Jahren wäre das undenkbar gewesen. Dieses Gemüse trägt nun zum guten Image von Coop bei und ermöglicht den Verkauf von Produkten, die man sonst hätte entsorgen müssen.

Wie kam dieser Wandel?

Viele Umweltorganisationen und kleine Bioläden haben Pionierarbeit und jahrelange Aufklärung und Sensibilisierung dieses Thema geleistet. Ein Wertewandel fand statt und irgendwann wurde daraus eine lukrative Marktlücke. Die Grossverteiler nutzten die Chance und erreichen mit ihrer Grösse nun auch die breiten Massen. Coop hat die Zeichen der Zeit erkannt, schnell gehandelt und marketingmässig perfekt agiert.

Zurück zur Natur also. Zugleich boomen Fertigprodukte. Warum?

Weil sie nicht schlecht schmecken, im Gegensatz zu früher. Die Frage ist bloss, weshalb sind sie gut? Die Antwort: Weil sehr viel Lebensmitteltechnologie und Chemie drinsteckt. Es passiert nicht von selber, dass der tiefgekühlte Käse auf der Fertigpizza schön schmilzt. Dieses Segment boomt aber auch, weil wir es uns leisten können und wenig Zeit haben.

Was würden Sie nie essen?

Vorgerüstetes Gemüse. Ich bin der Überzeugung, dass ich mein Gemüse gut selber rüsten kann. Und Früchte aus Übersee während der Schweizer Saison würde ich auch nicht essen.

Essen Sie Fleisch?

Ja, ungefähr drei- bis viermal pro Woche.

Es gibt einen Trend zum Vegetarismus.

Bis zu einem gewissen Grad schon. Wenn man aber bei den Grossverteilern schaut, dann gibt es dort riesige Fleischberge. Und die werden auch gekauft. Wenn Fleisch, dann sollen alle Bestandteile eines Tieres gegessen werden. Nicht nur das Filet, sondern auch die Innereien.

Was werden wir in Zukunft essen?

Unter anderem in unserem Kulturkreis bisher verschmähte Nahrungsmittel.

Ein bisschen konkreter?

Fleischproduktion ist energieaufwendig und braucht viel Land. Insekten sind da viel einfacher zu züchten. Maden und Raupen sind sehr nahrhaft und proteinreich.

Wir werden also Maden essen.

Nicht die Maden als Ganzes. Sondern Maden, die zu Fleischersatzprodukten verarbeitet sind.

Apropos Maden. Was essen Sie heute zum Znacht?

(überlegt) Wir haben noch Brot zu Hause und viele Äpfel im Garten. Nun, ich denke es wird heute Abend Apfelrösti geben.

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