Aarau
Nadine Mürset ist die erste Rollstuhlfahrerin im Rathaus

Seit Anfang August kurvt die 18-jährige Nadine Mürset durch die Gänge des Rathauses: Sie hat in der Stadtverwaltung die KV-Lehre begonnen. Ermöglicht hat ihr die Lehrstelle Vizestadtschreiber Stefan Berner.

Sabine Kuster
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Fast das einzige Hindernis für Nadine Mürset: Hoch gelegene Fächli.

Fast das einzige Hindernis für Nadine Mürset: Hoch gelegene Fächli.

Aargauer Zeitung

Berner kennt Nadines Eltern durch die Dorfmusik und erfuhr vor mehr als einem Jahr, dass die Tochter Mühe habe, eine Lehrstelle zu finden. «Wir wollen mit gutem Beispiel vorangehen», sagt er, «und ausserdem ist das Rathaus für Rollstuhlfahrer eingerichtet.»

Rollstuhlfahrerinnen und -fahrer brauchen oft besonders viel Geduld, bis sie eine Ausbildung beginnen können. Nadine Mürset sagt, auch ihre körperlich behinderten Freunde hätten mehr Schwierigkeiten gehabt als ihre Schulkollegen ohne Rollstuhl. Dies, obwohl die IV in den Unternehmen für Anpassungen aufkommt.

Es klappte denn auch nicht mit Nadines ursprünglichem Wunsch, Verkäuferin für Sportartikel zu werden. «Aber auch die KV-Ausbildung gefällt mir», sagt die junge Frau.

Nur wenige Hindernisse

Seit das Rathaus 2007 saniert wurde, gibt es für Rollstuhlfahrer nur noch wenige Hindernisse: Einige Drucker sind für Nadine Mürset zu hoch oben platziert und sie kann zur Verteilung der Post die höher gelegenen Fächer nicht erreichen. Der Schreibtisch lässt sich dagegen bequem elektronisch verstellen, zu jedem Stockwerk ausser dem Archiv im Keller führt der Lift und auch die Toilette ist rollstuhlgängig.

Sowieso: Viel mehr als das Öffnen der schweren Türen ist die Orientierung in den vielen Gängen und Etagen eine Herausforderung für die sportliche Bibersteinerin.

Für ihren Arbeitgeber wiederum ist nicht ihre Behinderung, sondern ihre Sportlichkeit eine Herausforderung: Die junge Frau macht nämlich die KV-Sportlehre, welche ein Jahr länger dauert als die normale.

Dadurch hat sie mehr Zeit führ ihre Leidenschaft, den Rollstuhlsport. «Dies erfordert mehr Flexibilität», sagt Stefan Berner. Dass eine Auszubildende eine Sportlehre macht, ist in der Stadtverwaltung ebenfalls ein Novum.

Schweizer Meisterin im Handbike

Nadine Mürset ist amtierende Schweizer Meisterin im Handbike- Zeitfahren und -Strassenrennen. Dreimal pro Woche fährt sie nach der Berufsschule mit dem Auto eigenhändig ins Paraplegikerzentrum nach Nottwil zum Training, zweimal hält sie sich zu Hause mit dem Rollstuhl auf einem Laufband fit.

Über Mittag gibts ein Sportler-Zmittag: Pasta. Der Weg ins Restaurant fällt ihr nicht nur einfacher, seit sie grössere und weichere Räder am Rollstuhl hat, auch die Altstadtsanierung hat geholfen: Auf den Platten am Rande des Kopfsteinpflasters holpert es weniger.

Nadine Mürset kam mit Spina Bifida («offener Rücken») zur Welt, weswegen sie seit Kindheit querschnittgelähmt ist. Sie hat die Primarschule in Biberstein besucht und wechselte danach in die Tagesschule «Drive» in Aarau, weil die Realschule noch nicht rollstuhlgängig gewesen sei.

Zur Arbeit fährt sie mit dem Bus. Da auf der Strecke nach Biberstein meist alte Busse verkehren, muss ihr der Chauffeur beim Einsteigen helfen. Sie hofft auf einen eigenen Parkplatz beim Rathaus, denn seit zwei Monaten ist sie im Besitz des Fahrausweises – ihr Auto kann sie über einen Hebel mit der rechten Hand beschleunigen und bremsen.

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