Wer zum Naturisten-Verein ob Auenstein gelangen will, muss einen steilen, holprigen Waldweg hinter sich bringen. Nach rund zwei Kilometern erscheint ein grosses Eisentor mit der Aufschrift «Chläb». «Das Gebiet hier heisst so», sagt Vorstandsmitglied Hans, angezogen, sogleich bei der Begrüssung und öffnet die Türe.

Dahinter versteckt sich ein gepflegter Campingplatz mit allem, was das Herz begehrt: Wohnwagen, Clubhaus, Pool, Grillplatz mit Holzbackofen, Spielplatz, Beachvolleyball-Feld, Scheiben für Bogenschiessen, Ping-Pong-Tischen und Trampolin.

Das 3,5 Hektaren grosse Gelände ist im Besitz der Aargauer Naturisten «Heliosport Aargau», jener Menschen, die gerne nackt leben.

Uns brennt eine Frage unter den Nägeln: Warum will man nackt leben? «Naturismus ist eine Lebensphilosophie, in der man sich als Teil der Natur versteht. Das Nacktsein ist eine Quelle des Wohlbefindens. Naturisten sind naturverbunden», sagt der 66-jährige Hans und meint lachend: «Und ohnehin: Nasse Badehosen sind einfach unbequem.»

Impressionen aus dem Naturisten-Campingplatz «Chläb» – Ein Besuch beim Naturistenverein Heliosport Aargau in Auenstein

Impressionen aus dem Naturisten-Campingplatz «Chläb» – Ein Besuch beim Naturistenverein Heliosport Aargau in Auenstein

Längere Aufnahmeverfahren

Hans führt uns sichtlich stolz durch den grossen Naturisten-Park. Fast 300 Mitglieder zählt der Verein. Mitglieder sind während des Besuchs keine auf dem Gelände.

«Ist das Wetter besser, ist es hier sehr lebhaft», sagt Hans, während ein bissiger Wind durch die Bäume zieht. «Bei uns verkehren Leute aus allen Altersklassen und Berufen.» Auch Familien gesellen sich regelmässig dazu.

Das Durchschnittsalter im Verein schätzt Hans auf 50-60 Jahre – «Frührentner». Denn auch die Naturistenvereine kennen Nachwuchsprobleme.

Erfahrungsgemäss besuchen die meisten jungen Mitglieder im Alter zwischen 16 und 25 Jahren das Gelände kaum. «Sie kommen dann oftmals zurück, wenn sie eigene Kinder haben.»

Zutritt hat nur jemand, der «Chläb»-Mitglied ist oder eine internationale Mitgliedschaft der Naturisten vorweisen kann. Wer Mitglied werden will, durchläuft ein längeres Aufnahmeverfahren. «Naturismus beruht auf Vertrauen und gegenseitigem Respekt. Wir wollen keine Spanner oder gar Pädophile.»

Die ersten drei Besuche wird man begleitet. «Wir wollen den Menschen kennenlernen und seine Beweggründe erfahren», sagt Hans. Naturist sei man nicht von heute auf morgen. Fällt jemand negativ auf, wird die Mitgliedschaft entzogen. Das gebe es hin und wieder, aber nicht alle Jahre.

Sexualisiert, aber prüde

Das Gelände ist eingezäunt – mit hohen Sichtschutzwänden aus Holz. Sie sollen nicht zwingend vor aufdringlichen Blicken schützen. Vielmehr kann Nacktheit noch immer zum öffentlichen Ärgernis werden.

In Auenstein hingegen sei der grösste Verein des Dorfs heutzutage akzeptiert. Früher seien von der Bevölkerung noch Gucklöcher in die Sichtschutzwände gestochen worden. Heute kennt man solche Probleme nicht mehr.

Und dennoch überrascht Hans immer wieder die widersprüchliche Haltung in der Bevölkerung: «Die Gesellschaft ist total sexualisiert und doch sehr prüde. Mitmenschen nackt zu sehen weckt Interesse. Geht es aber um die eigenen Hosen, machen viele einen Schritt zurück.»

Naturisten unterscheiden sich stark von Nudisten, da sie ihre Nacktheit anderen Menschen nicht aufzudrängen versuchen. Sex oder Austausch von Zärtlichkeiten sind auf dem Gelände unerwünscht. Es geht vielmehr darum, sich als Naturist von einem falschen Schamgefühl zu befreien und sich gegenseitig offen zu begegnen. Man akzeptiere, wie Vereinskollegen aussähen. «Da gehört auch ein Bierbauch oder schrumpelige Haut dazu.»