Die Kelle klatscht in den Suppentopf. Der Nächste in der Reihe schiebt sich vor, her die Schüssel, her die Kachel, ihr hungrigen Mäuler. In langen Schlangen stehen sie an, die schlotternden Aarauer, im Hof des Rathauses, und harren der heissen Suppe. Ein garstiges Gebräu aus Wasser, Hafermehl und Kartoffeln, Salz, Butter und Brot. Aber es füllt die Mägen, gibt warm, ist besser als nichts. Mit ihrem Süppchen huschen sie davon, in Lumpen gewickelt, durch die Gassen, die Ratten stieben in die Löcher. Sie eilen heim zu den Kindern und Alten, heim an den Herd, in dem längst kein Feuer mehr brennt, der kalt und stinkend im Raum hockt wie ein geduckt lauerndes Tier.

Es ist 1816. Das Jahr, das die Wissenschafter später «das Jahr ohne Sommer» nennen werden. Ein historischer Kältesommer, im Juli und August schneit es bis in die Niederungen. Es fehlt an allen Ecken und Enden an Essbarem. Was auf den Feldern nicht der Bodenfrost zunichtemacht, verfault wegen des Regens oder wird vom Hochwasser weggespült. Die Deutschschweiz leidet Hunger, mit ihr halb Europa. In der Not fressen die Menschen die «eckelhaftesten Speisen», berichtet der Ostschweizer Chronist Ruprecht Zollikofer: gedörrte Kartoffelschalen, Brei aus Knochenmehl oder zerriebenem Heu, Brot aus Kohlrabi – und Hunde und Katzen.

Die Klimakatastrophe von 1816 Teil 1

Die Klimakatastrophe von 1816 Teil 1

Strafe Gottes – von wegen

Für die einfachen Menschen ist klar, die Wetterkatastrophe ist eine Strafe Gottes. Die Wissenschafter dieser Zeit vermuten, die Ursache liege in der verringerten Sonnenflecken-Aktivität. Der wahre Grund für das Jahr ohne Sommer ist aber ein ganz anderer: ein Vulkanausbruch am anderen Ende der Welt, auf einer indonesischen Insel im Frühjahr 1815.

Die Eruption des Vulkans Tambora ist gewaltig, die grösste bezeugte seit Aufzeichnungsbeginn. Mehr als eine Woche dauert sie, lässt den Berg förmlich explodieren. Allein in der Umgebung kommen 70 000 Menschen ums Leben. Kilometerweit werden Schwefelgas und Asche in die Stratosphäre geschleudert, wo sie sich zu Wolken verpappen und sich in den Monaten darauf um den ganzen Globus ziehen. Das absorbiert Sonnenlicht, die Natur gerät aus den Fugen. Während Nordamerika mitten im Sommer 1816 im Schnee versinkt, ziehen über Europa schier unauflösliche Regenwolken auf. Ein süddeutscher Chronist zählt in acht Monaten nur 29 regenfreie Tage.

Die Klimakatastrophe von 1816 Teil 2

Die Klimakatastrophe von 1816 Teil 2

In der Ostschweiz, dem am schlimmsten betroffenen Landesteil, fressen die Menschen Gras wie Schafe, kauen an Baumrinden. Die Aargauer hungern ebenfalls, wenn auch nicht so heftig wie die Ostschweizer. Während andere Kantone sich mit Handelsbeschränkungen gegenseitig die Lebensmittelversorgung kappen, sieht die Aargauer Regierung von Beschränkungen ab. Ausserdem ergreift der Aarauer Gemeinderat im Rahmen des städtischen Armenwesens Sozialhilfemassnahmen: Im Rathaus und später im Waschhaus lässt man auf Vorschlag der «Gesellschaft für vaterländische Kultur» eine Suppenanstalt errichten, wie in den Protokollen steht.

Auch mit Spass und Vergnügen ist bald offiziell fertig lustig: Im August feiern die Aarauer ihr «Jugendfest», wie im Protokoll steht (von «Maienzug» keine Rede). Danach verhängt der Stadtrat ein Tanzverbot aufgrund der «gegenwärtigen nahrungslosen Zeiten». Heinrich Zschokke schreibt über das Hungerjahr in seiner «Neujahrsbetrachtung» Ende 1816: «Das Jahr 1816 wird durch seine Fehlernte den Menschen mehr Heil bringen als durch Überfluss. Sie lernen wieder, sich zu Gott wenden, lernen wieder, von Herzen zu beten und nicht auf Menschenhand zu vertrauen, sondern auf den, von dem alle gute Gabe kommt.»

Die Klimakatastrophe von 1816 Teil 3

Die Klimakatastrophe von 1816 Teil 3

Der Totengräber schlottert

Es mangelt aber nicht nur an Essbarem, sondern auch an Holz. «Das war ebenfalls verheerend, ohne Holz ging nichts», sagt Stadtarchivar Raoul Richner, der die Stadtratsprotokolle aus den Jahren 1816 und 1817 untersucht hat. «Ohne Holz konnte nicht gekocht werden, die Häuser blieben kalt.» Waldeigentümerin ist die Stadt, jeder Bürger hat einen Holzanteil zugute. Doch der reicht in diesem kalten Sommer nicht aus.

Das Thema Holz betrifft denn auch die meisten Eintragungen in den Protokollen aus dem Jahr 1816: Auffällig viele Holzdiebe gehen den Landjägern ins Netz. Gleichzeitig jammern diese, sie würden in ihrer Amtsstube am Holzmarkt schlottern. Doch der Stadtrat lehnt das Gesuch um mehr Holz ab, mehr als zwei Klafter liegen nicht drin. Auch der Totengräber Hagnauer hätte gern mehr Holz, bekommt aber keines. Der Holzverkauf werde ausgesetzt, entscheidet der Stadtrat, und das Holz an die Bedürftigen verteilt. Einzig der Hochwächter im Oberturm bekommt mehr Geld, weil das Öl für die Fackeln so teuer geworden ist.

Die Klimakatastrophe von 1816 Teil 4

Die Klimakatastrophe von 1816 Teil 4

Die Armut zeigt sich in weiteren Einträgen: Die Gesuche um Aufschiebung von Zinszahlungen häufen sich. Das Geld fehlt an allen Ecken und Enden, das spüren auch die Wirtshäuser: Im August geht Bierbrauer Georg Gränicher Konkurs, im November Wirt Johan Jakob Wanger mit dem Gasthaus Ochsen am Schlossplatz. Gleichzeitig nimmt das normale Leben seinen Gang. Der Stadtrat verbietet Misthaufen in der Stadt und einmal mehr liegt man mit den Suhrern wegen des Stadtbachs in den Haaren: Wegen des anhaltenden Regens musste der Bachfischet um drei Tage verschoben werden und jetzt ist unklar, wem wie viele Fische gehören. Im Dezember kauft sich Aarau vom Zehnt von Beromünster los – und schüttelt so ein Überbleibsel aus dem Mittelalter ab.

«Die Thoren werden darben»

Das Jahr 1816 geht an den Aarauern nicht spurlos vorbei, viele stimmt es nachdenklich. So hält Zschokke im Schweizer-Boten an die Bauern gerichtet fest: «Zu ihrem Fleisse wird nun das Nachdenken kommen, und der Mangel wird ihnen die Augen öffnen. Nun werden durch ihre Hand auch die entlegenen Felder angebaut und die rauesten Güter fruchtbar werden. Sie werden die toten Allmenden wieder teilen, ihre Gehölze mit Klugheit nutzen, ihre Wege und Strassen herstellen, auf die Nachbarn achten. Also wird aus der heutigen Not grösserer Wohlstand aufsteigen, denn vorher gewesen». Weiter geht es mit der Behauptung: «Die Verständigen werden es geniessen, die Thoren werden darben».

Tambora-Ausbruch führte zu Hungersnot in der Schweiz – SRF Einstein vom 9. April 2015

Tambora-Ausbruch führte zu Hungersnot in der Schweiz – SRF Einstein vom 9. April 2015

Der Ausbruch des Tamboras hinterliess nicht nur Zerstörung in Indonesien, er hatte auch weitreichende, globale Folgen. Die ausgestossene Vulkanasche kühlte das Klima rund um den Globus ab. Das Ereignis ging als „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte ein. Besonders hart traf es die Schweiz. Es herrschte eine grosse Hungersnot. Schweizer Klimaforscher und Historiker haben die Folgen der Tambora-Explosion untersucht.

Aus diesem Ratschlag entstand in der Folge aus der Feder Zschokkes der Sozialroman «Das Goldmacherdorf». Er sollte zeigen, wie sich ein Dorf selber organisieren und sich langfristig gegen Unglück und materielle Schäden wappnen kann. Alles mit der Absicht, den Menschen die Angst oder Ohnmacht vor der Zukunft zu nehmen und ihnen den Weg zur Gestaltung des Daseins und zum persönlichen Glück zu eröffnen. Im Vordergrund steht also quasi das heute noch in Mode stehende Schlagwort von der «Hilfe zur Selbsthilfe». Das Buch erschien dann 1817 in erster Auflage im Verlag des Heinrich Remigius Sauerländer in Aarau.