Aarau

Nach Überfall: Caritas kritisiert «Hetzjagd» auf Asylbewerber

Die Mehrheit der Asylsuchenden im Aargau verhält sich laut Statistik korrekt.

Die Mehrheit der Asylsuchenden im Aargau verhält sich laut Statistik korrekt.

Der Angriff eines Asylbewerbers aus Eritrea auf eine junge Frau vor zwei Wochen wirft ein schlechtes Licht auf die ganze Bevölkerungsgruppe. Zahlen aus der Kriminalitätsstatistik zeigen jedoch: Eritreer kommen selten mit dem Gesetz in Konflikt.

Der Fall hat in den vergangenen zwei Wochen die Gemüter erregt. Ein Asylbewerber greift bei der Aarauer Kettenbrücke eine 30-jährige Frau an, schlägt sie mehrfach ins Gesicht und flüchtet erst, als sich ein Auto nähert. Die Kantonspolizei verhaftet den 24-jährigen Mann aus Eritrea kurz darauf. Er sitzt in Untersuchungshaft.

«Wann wird dem Asylanten-Wahnsinn endlich Einhalt geboten?», war darauf in Online-Foren zu lesen. «Jetzt ist Schluss mit den Asylanten», fordert jemand. Und ein anderer kommt zum Schluss: «Wir müssen auf die Strasse!» Schnell wurde auch die Politik aktiv: Die SVP wiederholte ihre Forderung, renitente Asylbewerber zu internieren.

«Hetzjagd gegen Asylsuchende»

In einer Stellungnahme verurteilt Caritas Aargau nun diese «ungerechtfertigte Hetzjagd». Der Angriff auf die junge Frau sei «äusserst bedauerlich» und «durch nichts zu rechtfertigen», schreibt das Hilfswerk, das unter dem Titel «Grüezi Eritrea» Integrationskurse anbietet.

Man erwarte, dass der Täter zur Verantwortung gezogen wird. «Dass der Täter eritreischer Asylbewerber ist, hat in den vergangenen Tagen jedoch zu einer regelrechten Hetzjagd gegen Asylsuchende und die hier lebenden Eritreer geführt», kritisiert Caritas Aargau.

Das katholische Hilfswerk wehrt sich dagegen, dass eine «ganze Volksgruppe kollektiv für die Straftat eines Einzelnen verantwortlich gemacht wird». Dies sei nicht gerechtfertigt, weil sich der allergrösste Teil der Asylsuchenden korrekt verhalte.

Wenige Täter sind Asylbewerber

Letztere Aussage bestätigt die Kantonspolizei. «Wir haben derzeit wenig Probleme mit Asylbewerbern», sagt Medienchef Roland Pfister. Und wenn, gehe es vor allem um Auseinandersetzungen untereinander.

Der Blick in die Kriminalitätsstatistik zeigt: Über die Hälfte der Straftaten in der Schweiz begehen Ausländer; Asylbewerber sind verhältnismässig wenige darunter. Im Aargau war im Jahr 2013 gesamthaft jeder 20. Täter im Asylverfahren. Meistens betraf dies kleinere Vermögensdelikte wie Ladendiebstahl.

Schlüsselt man die Aargauer Kriminalitätsstatistik weiter auf, muss man zudem Täter mit eritreischen Wurzeln lange suchen.

Eritreer kommen viel weniger mit dem Gesetz in Konflikt als Asylbewerber anderer Nationen. In den Top 16 der Statistik 2013 über die Herkunft von Tätern wird Eritrea unter «Übrige» geführt.

Das heisst: 2013 wurden weniger Täter aus Eritrea festgenommen als die 11 Personen aus Sri Lanka, das auf dem letzten aufgeführten 16. Platz steht.

Die geringe Zahl eritreischer Täter im Vergleich zu anderen Nationen mag umso mehr erstaunen, weil Eritrea Jahr für Jahr die Asylstatistik anführt. Von total 21’465 Asylgesuchen im Jahr 2013 waren 2563 von Eritreern. Oder anders ausgedrückt: 2013 stammte jedes zehnte Asylgesuch von einem Eritreer.

Mittlerweile leben über 18’000 Menschen aus Eritrea in der Schweiz. Nebst Zürich, Bern und Genf gibt es eine grosse Gemeinde im Aargau. Diese hält sich eher im Hintergrund. Ausser an jenen Sonntagen, wenn die eritreische Orthodoxe Trinitatisgemeinde Aargau in der Stadtkirche Aarau ihren Gottesdienst feiert. Dann sieht man viele fröhliche Gesichter auf dem Kirchplatz.

Medien in der Verantwortung

Sind Eritreer damit besonders vorbildliche Asylbewerber? Die Frage geht an den Sozialanthropologen Philipp
Eyer, der die eritreische Diaspora in der Schweiz in einer Studie des Bundesamtes für Migration erforscht hat. Eyer gibt sich zurückhaltend: «Auch wenn ich Menschen aus Eritrea als zurückhaltend erlebt habe, kann man nicht ganze Bevölkerungsgruppen als besser oder schlechter integrierbar einordnen.»

Die Vergangenheit eines Menschen wiege oft stärker als der ethnische Hintergrund. Die Bevölkerung habe deshalb nach Vorfällen wie jenem bei der Aarauer Kettenbrücke schnell ein falsches Bild einer ganzen Bevölkerungsgruppe. «Viele Schweizer kommen nicht mit Flüchtlingen in Berührung. Ihr Bild baut sich deshalb auf jenem auf, das Medien transportieren.»

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