Untersiggenthal
Nach Tier-Razzia bei Pferde-Messie: 23 Hunde stranden im Tierheim

Der Pferde-Messi aus Gränichen lässt auch Hunde verwahrlosen. Nach der Razzia auf dem Hof sucht das Tierheim in Untersiggenthal nun neue Besitzer für 15 beschlagnahmte Hündchen.

Sabina Galbiati und Sabine Kuster
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An der Scheibe der Hundebox ist jedes Tier mit namen und beschreibung des Halsbandes vermerkt, damit jeder die Tiere identifizieren kann.
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Auch der letzte Ausreisser muss nun in die warme Stube, nachdem er gleich zwei Tierpflegerinnen zum Fangenspielen animiert hat.
Hunde im Tierheim Untersiggenthal
Schliesslich ist die Neugier so gross, dass es zum Nasenstupser zwischen Hund und Kamera kommt.
Schon die Jüngsten unter den 23 Hunden nähern sich mutig der Kamera.
«Die meisten der beschlagnahmten Hunde sind Mischlinge aus West Highland White Terrier und Bichons à Poil Frisé», sagt Tierheimleiterin Anita Gasser.

An der Scheibe der Hundebox ist jedes Tier mit namen und beschreibung des Halsbandes vermerkt, damit jeder die Tiere identifizieren kann.

Sabina Galbiati

Amadeus, Don Camillo, Diego, Mini Mouse, Hörnli, Queen, Alice, Wuschel und ihre 15 Geschwister haben ihre Befreiungsreise gut überstanden. Jetzt hopsen und tapsen die weissen Hündchen in den Hundegehegen des Tierheims Untersiggenthal umher. Einige springen an Heimleiterin Anita Gasser hoch; die ganz kleinen November-Babys sitzen fröstelnd daneben und beobachten. Gasser nimmt die beiden Kleinsten auf den Arm, um sie zu wärmen.

Am Dienstagmittag hatte das Aargauer Veterinäramt zusammen mit Polizei und Tierschützern auf dem Gränicher Hof des 49-jährigen M. S. eine Razzia durchgeführt. Die Behörden fanden 12 Pferde und jene 23 Hunde, die jetzt bei Anita Gasser im Tierheim untergebracht sind. Auf dem Hof war kaum Futter vorhanden. Laut Kantonstierärztin Erika Wunderlin hatte der Mann den Tieren zu wenig Platz und Nahrung zur Verfügung gestellt. Deshalb habe man sie vorsorglich beschlagnahmt. Ihr ehemaliger Besitzer ist bereits als «Pferde-Messie» bekannt und war beim Veterinäramt aktenkundig. Nachdem Tele M1 Ende Januar berichtete, dass M. S. im jurassischen Boncourt 33 Pferde und Ponys ihrem Schicksal überlassen hatte, sind die Aargauer Behörden erneut auf ihn aufmerksam geworden.

Mit dem Schlimmsten rechnen

Anita Gasser bringt die Hunde in die Hundeboxen, wo es warm ist. Zwei Tierpfleger helfen ihr, weil es einfach zu viele für einen allein sind. Dann erzählt Gasser von den Ereignissen am Dienstag. Mit drei Autos fuhren die Tierpfleger vom Aargauer Tierschutzverein (ATS), der das Tierheim betreibt, nach Gränichen. Dort nahmen sie die Hunde entgegen. «Bei solchen Geschichten muss man mit dem Schlimmsten rechnen und doch versuchen, neutral den Besitzern gegenüber zu bleiben», sagt sie. Ihre Strategie für solche Rettungsaktionen: «Den Kopf abschalten und dann einfach funktionieren.» Das tat sie auch am vergangenen Dienstag. «Einige der Hunde zeigten Freude, als wir sie zu uns nahmen; andere waren eingeschüchtert, weil sie nicht wussten, was jetzt passiert.» In Untersiggenthal angekommen, bekam jeder Hund ein Bad. «Sie haben ziemlich stark gestunken. Das ist aber normal, wenn so viele Tiere auf engem Raum beieinander sind», erklärt Gasser. Danach gab es Futter und ein persönliches Halsband.

Wer noch keinen Namen hatte, wurde getauft. Jetzt warten Amadeus, Don Camillo, Diego, Mini Mouse, Rohan, Diky und Co. auf den Tierarzt. Er wird sie gründlich untersuchen. «Dann werden wir neue Besitzer für sie suchen.» Gasser will die Hunde aber erst mal kennenlernen, damit sie weiss, welcher zu einer Familie mit kleinen Kindern passt und welcher eher zu einer Seniorin. Der ATS wird für seine Hilfe beim Einsammeln und Transport der Hunde vom Kanton entschädigt. Tierarzt, Impfungen, Futter und Pflege bezahlt der ATS aus Spendengeldern. Die Tiere wolle man zwar nicht gratis abgeben. «Die knapp 500 Franken, die wir für einen Hund verlangen, reichen aber bei Weitem nicht, um unsere Auslagen zu decken», sagt Gasser.

Noch keiner hat Pferde gehortet

Anders ist es bei den 12 beschlagnahmten Pferden. Sie wurden bei einem Pferdehalter in der Region Aarau untergebracht, der genug Platz hatte. Der private Pferdehalter hat vom Kanton eine Kostengutsprache erhalten, am Ende muss aber der Gränicher Besitzer bezahlen. Um welchen Hof es sich handelt, will Kantonstierärztin Wunderlin nicht sagen, denn: «Wir wollen nicht, dass es hier entgleitet und viele verschiedene Leute sich plötzlich engagieren.» Just dies passierte bei den 33 Pferden im jurassischen Boncourt.

Dass Leute Tiere horten, ist nichts Neues für die Kantonstierärztin. Neu sei hingegen, dass es sich dabei um Pferde handelt, normalerweise würden Hunde oder Katzen «gesammelt». Sie sei keine Psychologin und könne sich ein solches Verhalten von Menschen nicht erklären, sagt Wunderlin. «Es sind die Abgründe des menschlichen Tuns. Es ist unglaublich, wie Leute in einer Traumwelt leben können.» In den meisten Fällen verlieren die Tier-Messies die Kontrolle über die Kosten. Ein Hund kostet immerhin rund 150 Franken im Monat.

Pferde-Messie M.S. hatte noch vor Ort eine Verzichtserklärung auf seine 23 Hunde abgegeben, Gasser erklärt: «Dank dieses Besitzverzichts gerieten die Tiere nicht in die Behördenmühle und wir können sie jederzeit in ein neues Zuhause geben». Vorerst haben Amadeus, Don Camillo, Dyki und Co. aber den Status: heimatlos.

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