Gefällter Christbaum
Nach Staatsbesuch: Der Weihnachtsbaumersatz steht auf Platz

Der erste originale Aarauer Weihnachtsbaum auf dem Aargauerplatz musste letzte Woche dem Staatsbesuch aus Österreich weichen. Am Montagmorgen wurde sein Ersatz gefällt – in Oberentfelden.

Katja Schlegel
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Um kurz vor halb acht steht die Fichte noch in Oberentfelden.
7 Bilder
Mit einer Schlinge wird die Fichte an der Greifzange montiert
Die Fichte baumelt am Kran.
Vor lauter Baum sieht man den Lastwagen kaum noch
Der Aarauer Christbaum steht wieder auf dem Aargauerplatz
Ein bisschen Rinde muss abgesägt werden, dann passt der Baum ins Loch
Geschafft: Der Weihnachtsbaum-Ersatz steht

Um kurz vor halb acht steht die Fichte noch in Oberentfelden.

Katja Schlegel

Stadtförster Roger Wirz kneift ein Auge zu, hält den Klappmeter mit ausgestrecktem Arm hochkant zum Baum hin und lässt ihn dann sich entgegenkippen. Der Meter liegt auf dem Oberarm. «Das reicht», sagt er.

Die Fichte würde – sollten alle Stricke reissen und der Baum tatsächlich in den Garten fallen – den Gartenzaun nicht kaputtmachen. Und das stimmt auch sicher, gemessen so Handgelenk mal Pi? «Das ist Pythagoras, das stimmt», sagt Wirz und lacht. Trotzdem tragen seine Mannen Gartentisch und Stühle in Sicherheit, man weiss ja nie.

Es ist Montagmorgen, kurz vor halb acht, Zeit für den zweiten Anlauf für den Weihnachtsbaum auf dem Aargauerplatz.

Den ersten Baum hatten die Männer des Forstbetriebs Region Aarau vor zehn Tagen aufgestellt. Doch dieser endete letzte Woche als Futter für Geissen, Truthähne und Schneehasen im Roggenhausen und als Klettergerüst im Hof des Kindergartens Asylstrasse.

Die Tanne wäre dem Staatsempfang des österreichischen Bundeskanzlers Werner Faymann im Weg gestanden und musste entfernt werden (wir berichteten).

«Werden den Baum besuchen»

War die erste Tanne noch eine waschechte Aarauerin, ist diese Fichte nun eine Oberentfelderin. Wie lange sie schon steht, weiss Besitzerin Regula Rau nicht.

Die Familie wohnt seit 2002 hier, jetzt ist ihr der Baum zu gross geworden. «Weil er so nah an der Strasse steht, ist mir das nicht ganz geheuer gewesen», sagt Regula Rau. Immer wieder hätten die Äste gestutzt werden müssen, damit sie den Lastwagen nicht in die Quere kamen, und viel genadelt habe er auch.

Christbaum-Schlagzeilen in Österreich

Der Besuch von Bundeskanzler Werner Faymann in Aarau erregte nicht nur in der Schweiz die Gemüter. Nach der Christbaum-Berichterstattung der Aargauer Zeitung schrieb auch die «Kronen Zeitung», die auflagenstärkste Tageszeitung Österreichs, über die abgeräumte Fichte.

Die Reaktionen blieben denn auch in Österreich nicht aus: Über 80 Kommentare sind zur Geschichte eingegangen. Viele Leser vermuteten, dass der Baum auf Anweisung der österreichischen Regierung weg musste. Einige wollten es nicht unversucht lassen, über den Fall zu witzeln, während andere verbal auf Faymann eindroschen: «Faymann kommt und ein Baum fällt um – typischer Fall von: Der Klügere gibt nach.»

Ein anderer Leser mutmasst: «Vielleicht hatte man Angst, der Werner verirrt sich im Wald?» Ein weiterer Leser meint zurückhaltender: «Bravo! Die Schweizer haben noch Respekt vor Faymann.» Ob er es ernst gemeint hat? Klar ist: Faymann hätte sich am bereits aufgestellten Weihnachtsbaum nicht gestört, wie er gegenüber Tele M1 schmunzelnd sagte. (az)

Die Förster hätten ihr vorgeschlagen, den Baum als Weihnachtsbaum für die Aarauer Altstadt herzugeben. Eigentlich sei die Rede vom Kirchplatz gewesen. «Dass unser Baum jetzt auf dem Aargauerplatz stehen wird, ist eine schöne Sache», sagt Rau, macht die letzten Fotos vom Garten mit Fichte und ruft die Kinder aus dem Haus. «Wir werden den Baum sicher einmal in Aarau besuchen.»

Unterdessen haben die Förster die Fichte an die Schlinge gelegt. So knallt der 18-Meter-Baum nicht der Länge nach in den Garten, sondern baumelt nach dem Fällen direkt am Greifarm des Transportlastwagens. Das ist weniger arbeitsintensiv und zugleich werden die Äste geschont. Der Baum soll ja schliesslich rundherum eine Gattung machen und nicht einseitig eingedrückt sein. Und dann, keine Viertelstunde, nachdem die Förster zugefahren sind, heult die Motorsäge auf und Sekunden später hängt die Fichte in der Luft.

Auf den Lastwagen gelegt, sieht man von diesem vor lauter Ästen nur noch die Räder, so mächtig ist der Baum. Sorgfältig wie einen frisch operierten Patienten betten ihn die Förster auf die Ladefläche, damit die Äste bloss keinen Schaden nehmen. Dann geht es los, durch den Wald Richtung Aarau.

Baum steht keine Stunde später

Auf dem Aargauerplatz das gleiche Spiel, bloss umgekehrt: Der Baum wird an die Schlinge gelegt, hochgehoben und in das Loch gestellt, das in den Boden eingelassen ist. Ein bisschen Rinde muss abgesägt werden, damit der Stamm in das Loch passt, dann wird er mit Keilen fest eingeklemmt.

Keine Stunde nach dem Aufheulen der Motorsäge in Oberentfelden steht der Weihnachtsbaum gross und schön auf dem Aargauerplatz in Aarau. Rasch noch wischen Wirz und seine Männer das Sägemehl und einzelne Ästchen zusammen, dann ist alles wie vorher. Aarau hat den Weihnachtsbaum zurück. Der Advent kann kommen.

Christbaum in Aarau wegen österreichischem Kanzler wieder abgeholt
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Der untere Stamm ist jetzt ein Kletterbaum im Kindergarten Asylstrasse ...
... der Rest mit der Spitze dient den Ziegen im Roggenhausen als Frischfutter.
Der Weihnachtsbaum auf dem Aargauerplatz im Jahr 2012. Hier stand schon der Baum für das nächste Fest.

Christbaum in Aarau wegen österreichischem Kanzler wieder abgeholt

Emanuel Freudiger

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