Aarau

Nach schwerwiegender Diagnose: «Ich musste durch die Hölle — aber ich bin zurückgekommen»

Esther Schmid stand mitten im Leben. Dann wurde sie krank und litt am sehr seltenen Guillain-Barré-Syndrom. Bild: Sandra Ardizzone

Esther Schmid stand mitten im Leben. Dann wurde sie krank und litt am sehr seltenen Guillain-Barré-Syndrom. Bild: Sandra Ardizzone

Von einem Tag auf den anderen verschwand die Leiterin von aarau info, Esther Schmid, 2018 von der Bildfläche. Heute, ein Jahr nachdem bei ihr eine seltene Autoimmunkrankheit diagnostiziert wurde, will sie ihr altes Leben zurück — und kämpft dafür.

Und dann kam die Angst. Mit dem Blaulicht, mit der Sirene. Ob man das nicht ausschalten könne, hatte sie noch gefragt, und ein kurzes Kopfschütteln geerntet. Es sei ernst, sehr ernst. Esther Schmid verstand nicht. Ihr waren doch nur die Hände eingeschlafen. Das war am 22. Mai 2018.

Heute sitzt Esther Schmid in einer Aarauer Gartenwirtschaft. Sie ist zu Fuss gekommen, hat einen kräftigen Händedruck. Spricht, lacht. Dinge, die nach diesem Tag im Mai nicht mehr möglich schienen. Nie mehr.

Doch, da war doch was gewesen: diese Kröte im Hals

Im Kantonsspital Aarau hört Esther Schmid zum ersten Mal von ihrer späteren Diagnose: Guillain-Barré-Syndrom. Eine seltene Autoimmunerkrankung, bei der sich die peripheren Nerven entzünden.

Eine unberechenbare Krankheit mit Empfindungsstörungen und Lähmungserscheinungen, die weltweit ein bis zwei Personen pro 100'000 betrifft. Manche erholen sich vollständig, andere werden zum Pflegefall, rund fünf Prozent sterben.

Ob sie keine Anzeichen gespürt habe? Nein, sagt Esther Schmid. Wobei, doch. Diese Kröte im Hals, dieses wochenlange Erkältetsein. Das wird es gewesen sein. Und nun nimmt es seinen Lauf. Im Stundentakt. Auf die eingeschlafenen Hände folgen die Füsse, dann die Beine. Am Abend kann sie nicht mehr laufen. In der Nacht fällt ihr das Atmen schwer, tags darauf setzt die Atmung aus. Der Totalausfall. Aus heiterem Himmel.

Esther Schmid ist bis zu diesem Moment Leiterin des Tourismusbüros aarau info, 63 Jahre alt, eben zum ersten Mal Grossmutter geworden. Ein paar Monate noch, dann soll sie pensioniert werden.

Der Blick auf den Sempachersee gab ihr Kraft

Knapp drei Monate lang liegt Esther Schmid auf der Intensivstation. Erst drei Wochen im KSA. Intubiert, die Augenlider zugeklebt, dämmert sie bei über 40 Grad Fieber und einem Blutdruck von 200 vor sich hin. Unfähig, auch nur zu blinzeln. Sie, die Umtriebige, die Kommunikative, ist gefangen im eigenen Körper.

Es folgen zwei Monate auf der Intensivstation im Paraplegikerzentrum Nottwil. Da erleidet sie eine Lungenembolie, ihr Herz bleibt stehen. Sie merkt nichts davon, da ist kein Tunnel, kein helles Licht. Was sie spürt, ist der Schmerz in der Brust, in den Rippen, der Schmerz der Herzmassage, mit der sie ein Pfleger zurückholt.

Dann muss Esther Schmid lernen. Atmen lernen, eigenständig. Wenigstens eine halbe Stunde am Tag. Dann das Schluckenlernen, das Sprechen, um sich endlich wieder mitteilen zu können. Nicht sprechen, keine Bedürfnisse ausdrücken zu können, das sei das Allerschlimmste überhaupt gewesen.

Was ihr hilft, ist der Blick auf den Sempachersee, der Rosengarten auf dem Klinik-Gelände. Und die Motivation untereinander. Sie sind zu fünft, die Guillain-Barré-Patienten. Zwei gehen gesund heim. Zwei hat es noch schlimmer erwischt. Sie selbst, die älteste der fünf, sei irgendwo in der Mitte gewesen.

Für sie sind die ersten Schritte keine Überraschung

Im November 2018 tritt sie selber in einen Besprechungsraum voller Ärzte und Therapeuten. Wackelig, aber aufrecht. Während Familie und Freunde ob dieser Nachricht ganz aus dem Häuschen sind, bleibt Esther Schmid gelassen. So selbstverständlich ist für sie, dass sie das wieder kann, nie hat sie an sich gezweifelt.

Ab Weihnachten kann sie jedes Wochenende nach Hause. Seit April lebt Esther Schmid wieder allein in ihrer Wohnung, nach zehn Monaten Reha, braucht nur noch wenige Hilfsmittel. Das hat seinen Preis, jede Woche besucht sie Ergo- und Physiotherapie, Lymphdrainage und Krafttraining, seit Kurzem noch Akupunktur. «Das ist streng, aber es hilft.»

«Ich habe schnell akzeptiert, dass es so ist, wie es ist»

Und sie ist oft unterwegs, mal mit Stöcken, mal mit dem Rollator, mal mit dem Kinderwagen und den beiden Enkeln. Daheim bleiben will sie nicht, auch wenn die halbe Stadt sie kennt – oder gerade deshalb. «Ich schäme mich nicht für den Rollator. Was wäre denn die Alternative? Mich daheim verstecken?»

Esther Schmid schüttelt den Kopf. Das wäre nicht sie. Sie brauche keine Bewunderung, und mutig sei es schon gar nicht. Weitermachen sei doch die einzig valable Möglichkeit. «Und mir tut es gut zu spüren, welche Freude die Leute haben, wenn sie mich draussen sehen.»

Sie habe nie mit der Diagnose gehadert, sagt Esther Schmid. «Ich habe schnell akzeptiert, dass es so ist, wie es ist. Die Frage nach dem Warum ist überflüssig, es wird sie niemand beantworten können.»

Lange habe sie auch nicht weinen können. Erst später, als sie das Tagebuch liest, welches das Personal während der drei Wochen auf der Intensivstation im KSA für sie geführt hat. Oder als ihr der Architekt sagt, wie stark ihre geliebte Wohnung umgebaut werden müsste, um sie rollstuhlgängig zu machen. «Ein Grund mehr, laufen zu lernen», sagt sie und lacht. Der Rollstuhl steht daheim in einer Ecke.

«Diese Krankheit kann jeden erwischen, in jedem Moment»

Esther Schmid möchte mit ihrer Geschichte anderen Mut machen. Aber nicht nur. «Diese Krankheit kann jeden erwischen, in jedem Moment.» Das sei kein Grund, Angst zu haben, sagt sie. Aber Grund genug, die Leute auf die Krankheit zu sensibilisieren. Denn wenn sie ausbricht, beginnt es in der Sanduhr zu rinnen.

Eineinhalb Jahre sind seit diesem 22. Mai verstrichen. «Ich musste durch die Hölle, schlimmer kann es nicht sein», sagt Esther Schmid. Ganz nüchtern, ohne Bitterkeit. «Aber ich bin zurückgekommen.» Bis nächsten Mai gibt sie sich noch Zeit, dann hofft sie, wieder die Alte zu sein. Ohne Stützbandage am Knöchel, ohne Stöcke fürs Gleichgewicht. Zwei Jahre sind genug. Dann möchte sie ihr altes Leben zurück.

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