Bezirksgericht Aarau

Nach Mogelvorwurf: Gericht löst «Mathematikrätsel» zu Ungunsten der Klägerin

Die Rechnung geht für die Studentin nicht auf: Der Gang vor Gericht kostet sie über 10'826 Franken. (Archivbild)

Die Rechnung geht für die Studentin nicht auf: Der Gang vor Gericht kostet sie über 10'826 Franken. (Archivbild)

Eine Aargauer Studentin war wegen eines Mogelvorwurfs nach einer Mathematikprüfung von einer Höheren Fachschule geflogen. Sie klagt vor dem Bezirksgericht Aarau gegen den Schulausschluss. Dieses weist die Klage der Studentin allerdings ab.

Xenia (Name geändert) hat an einer Höheren Fachschule im Aargau eine Weiterbildung absolviert. Mathematik ist nicht ihre Stärke, darum musste sie in diesem Fach eine Vordiplomprüfung wiederholen. Das war im April 2018, nachdem die Schule vergessen hatte, sie im November 2017 aufzubieten. Die Prüfung hatte ihr Mathematiklehrer aber schon damals aufgesetzt. Die junge Frau aus dem Ostaargau schrieb die Prüfung alleine, eingeschlossen im Sitzungszimmer.

Der Schulleiter selbst hatte die Aufsicht übernommen und schaute zwei-, dreimal nach, hielt sich sonst aber in seinem Büro nebenan auf. Xenia nahm die ihr in einem unverschlossenen Couvert ausgehändigte, zusammengeheftete Prüfung auseinander und schrieb die Lösungen auf separate Blätter, was eigentlich nicht vorgesehen, aber gängige Praxis ist. Am Schluss bat sie den Schulleiter um einen Bostitch, um das Ganze wieder zusammenzuheften.

Mathematiklehrer: «Das ist nicht meine Prüfung»

Zum Zivilprozess kam es, weil die Schule das Ausbildungsverhältnis mit der Studentin kündigte. Gegen den Schulausschluss setzte sich Xenia mit einer Zivilklage zur Wehr und nahm sich einen Anwalt. Die Schule hatte argumentiert, Xenia habe bei der Nachprüfung im April 2018 gemauschelt. Als nämlich ihr Teilzeit-Mathematiklehrer – nennen wir ihn Bernoulli – die abgegebene Prüfung zu Gesicht bekam, rief er den Schulleiter an und wollte wissen, was da passiert sei.

Denn eines sei ihm schnell klargeworden: «Das ist nicht meine Prüfung!» Offenbar handelte es sich um eine Übungsprüfung, die ein anderer Teilzeit-Mathematiklehrer – wir nennen ihn hier Euler – zwei Klassenchefs zugestellt hatte. Als «reale Vordiplomprüfung» zur Vorbereitung auf die Prüfung. Dafür, sagte der Zeuge Euler, verwende er jeweils ein paar Aufgaben aus früheren Prüfungen. Euler sagte vor Gericht zunächst, er habe die Übungsprüfung als Word-Datei verschickt, korrigierte sich dann aber, als man ihm das PDF vorlegte.

Prüfung ist nicht auf dem Server zu finden

Wie die für die Prüfungsadministration zuständige Sekretärin aussagte, werden alle Prüfungen auf dem hauseigenen Laserdrucker ausgedruckt und als PDF auf dem Server der Schule gespeichert. Falls nötig, würden Word-Dokumente in PDF umgewandelt. Und auf dem Server, erklärte der Schulleiter bei der Parteienbefragung, habe sich die von Xenia abgegebene Prüfung, die im Übrigen gar nie korrigiert wurde, nicht finden lassen.

In der Beziehung Xenias zur Schule war auch sonst der Wurm drin. So musste die Sekretärin einräumen, dass in Xenias Zeugnis bei einem Fach eine falsche Note eingetragen wurde: eine 3 – trotz eines Notendurchschnitts von 4,8. Die Noten, erklärte der Schulleiter, würden vom Computer eben automatisch «mitgeschleppt». Bei Repetenten müssten sie aber manuell korrigiert werden. Und das habe die zuständige Mitarbeiterin in Xenias Fall vergessen.

«Ein PDF lässt sich nicht abändern»

Xenia wirkte vor Gericht schüchtern, antwortete aber ruhig und bestimmt auf die Fragen von Gerichtspräsidentin Patricia Berger. Sie schilderte den Ablauf der Prüfung präzis und sagte, sie habe die Prüfungsaufgaben nicht gekannt. Natürlich aber habe sie früher ähnliche Aufgaben gelöst. Ihr Anwalt erklärte, ein Urkundenbeweis sei unbestechlich. Und in Form der von Euler als PDF an zwei Klassenchefs gemailten Übungsprüfungsdatei liege ein solcher Urkundenbeweis vor. Er sei zwar nur Rechtsanwalt, aber eines wisse auch er: Ein PDF sei nicht abänderbar.

Und da in Eulers gemailter Übungsprüfung eine Grafik weit grösser dargestellt sei als in der von Xenia abgegebenen Prüfung, sei das, was man seiner Mandantin vorwerfe, unmöglich. «Selbst wenn sie sich die Übungsprüfung unter den Nagel gerissen und kopiert hätte – wie wäre dann die kleinere Grafik entstanden?» Zudem seien in der abgegebenen Fassung die Titel mit einer Schraffur hinterlegt, in Eulers gemailtem PDF aber nicht. Xenia könne kein PDF abgeändert haben. «Und wo es passiert ist, müssen wir nicht beweisen.» Xenias Klage sei deshalb gutzuheissen.

Das Problem mit der Grafik

Der Anwalt der Schule widersprach: Euler habe nicht gesagt, er habe die Prüfung mit der grossen Grafik gemailt. Er habe das Ganze im Word erstellt und es dann als PDF verschickt. Bei der Konvertierung in ein PDF könne es Probleme geben, sodass eine im Word korrekt dargestellte Grafik im PDF dann kleiner erscheine. Die Xenia ausgehändigte Prüfung sei vom Fachgruppenleiter gecheckt worden. «Und dem», so der Anwalt der Schule, «müsste doch aufgefallen sein, was alles nicht stimmte.»

Die richtige Prüfung habe aus einem einzigen Dokument bestanden. Was Xenia abgeliefert habe, setze sich jedoch aus drei Quellen zusammen: erstens aus dem gestochen scharfen Deckblatt der für sie von Bernoulli aufgesetzten Prüfung. Zweitens aus den Aufgabenblättern, denen man ansehe, dass es sich um Kopien handle – Kopien der von Euler zusammengestellten Übungsprüfung. Und drittens aus den separaten Blättern mit Xenias Lösungen.

Das Gesamtgericht wies die Klage der Studentin ab und auferlegte dieser die Gerichtskosten in der Höhe von 2380 Franken. Der Schule muss sie eine Parteienentschädigung von 8446 Franken bezahlen. Xenia kann sich damit ausrechnen, dass sie der Gang ans Gericht 10826 Franken gekostet hat – ihre eigenen Anwaltskosten nicht eingerechnet.

Autor

Ueli Wild

Ueli Wild

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