Aarau

Nach Grossbrand: Es schmöckt in der Altstadt und ein Stück Himmel ist schwarz

Das Feuer hat zu Ende gewütet, die Katastrophe wurde abgewandt. Doch zwei Tage nach dem Inferno bleiben Fragen zurück: Wie viel Schaden haben Feuer und Löschwasser an den Giebeln der beiden historischen Häuser angerichtet?

Da ist noch immer dieser Geruch in den Altstadtgassen, dieser säuerlich-herbe, unverwechselbare. Der Geruch nach nassem, verkohltem Holz. Der Geruch, der einen an das Feuer von Dienstagabend erinnert.

Er und das Augenfällige. Die beiden Häuser an der Rathausgasse mit den feuerzerfressenen Dachstöcken, vor denen Väter und Grossmütter mit ihren Kindern und Enkeln stehen, die Köpfe in den Nacken, und erklären. Erklären, was da passiert ist. Ein Brand, ein Feuer auf einer Baustelle, zum Glück ohne Personenschaden. Aber da ist noch mehr passiert.

«Aarau, die Stadt der schönen Giebel»

Das Feuer hat etwas zerstört: die gutgehütete Vollständigkeit der Altstadt, dieses Gewirrs aus Dächern, Mauern, Vorsprüngen und Terrassen. Noch ist nicht klar, wie es um die beiden bald 500 Jahre alten Häuser steht. Was Feuer und Löschwasser angerichtet haben. Aber eine Rathausgasse ohne sie, das will man sich gar nicht vorstellen.

Nicht ohne sie, und schon gar nicht ohne die Giebel und ihre bemalten Unterseiten. Auch wenn sie nicht spektakulär sind und längst nicht so alt wie die Gebäude selbst. Aber die Giebel sind der Stolz der Hauptstädter, ein Zeichen von Wohlstand, eine Sache der Identität; dafür haben die Werber in den Fünfzigerjahren gesorgt. «Aarau, die Stadt der schönen Giebel.» Das prägt, das ging ins Ohr, landauf, landab.

Geschichte des Motivs liegt im Dunkeln

Von wann die Bemalungen der Häuser «zum Schwert» (Hausnummer 8) und «zum Schlüssel» (Hausnummer 6) stammen, ist nicht bekannt. Beim «Schwert» ist noch nicht einmal bekannt, wer das Rankenmotiv in Grau- und Gelbtönen und das Schwert in der Mitte gemalt hat.

Beim «Schlüssel» weiss man, dass Guido Fischer das Rankenmotiv, ebenfalls in blassen Grau- und Gelbtönen, sowie den Schriftzug «zum Schlüssel» im August 1958 restauriert hat. Guido Fischer war unter anderem Leiter des Aargauer Kunsthauses und Konservator der Aargauischen Kunstsammlung sowie Fachberater in Fragen der Aarauer Altstadtgestaltung.

Dass über die Entstehung der farbenfrohen Giebel-Malereien kaum Informationen vorliegen, trifft für die allermeisten Altstadthäuser zu. Trotz gross angelegten Recherchen von Agnes Henz von aarau info und Danilo Marra von der Abteilung Kulturgüterschutz der Zivilschutzorganisation Aare Region, angeregt durch die von Architekt Philipp Husistein initiierte Giebelbroschüre, liegt vieles im Dunkeln. Viele Motive sind verblasst oder übermalt. Und mit ihnen sind ihre Geschichten verschwunden.

Inferno in der Aarauer Altstadt: Dieses Video zeigt die Flammen in der Rathausgasse aus nächster Nähe

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Einst waren die Aarauer Himmel grau

Klar ist, dass der Bau der Dachvorsprünge dem Schutz der Waren diente, die mit Seilwinden in die Estriche hochgezogen wurden. Klar ist auch: Ursprünglich waren die Dachhimmel grau. «Grisaille» nennt sich diese Technik, in der nur in Grau, Weiss und Schwarz gemalt wird. Grisaille – bezeichnenderweise französisch für Eintönigkeit. Doch wer sich als Hausbesitzer eine solche Malerei leisten konnte, war en vogue. Und nicht nur das: Er war vor allem reich.

«Die Giebelmalereien waren eindeutig ein Zeichen von Wohlstand», sagt denn auch Agnes Henz, die unter anderem die «Giebelführung» bei aarau info durchführt. Und weil es immer noch schöner, noch üppiger und – vor allem – noch farbiger ging, überboten sich die Hausbesitzer und liessen sich Familienwappen, Fantasiemotive, Gestirne, religiöse Motive, Tierkreiszeichen oder Hinweise zum Beruf auf die Dachhimmel malen.

Doch Mode, Geschmack, Hausbesitzer oder Nutzung ändern, und so veränderten sich auch die Bemalungen laufend. Heute stammen die meisten Motive aus der Mitte des letzten Jahrhunderts, die neusten Motive sind erst wenige Jahre alt.

Das Feuer in der Altstadt von Aarau (3. September 2019)

Aus der Vogelperspektive: Das Feuer in der Altstadt von Aarau

Der «Schwert»-Giebel hat arg gelitten

Was wird wohl mit den Giebeln an der Rathausgasse passieren? Während die Bemalung beim «Schlüssel» auf den ersten Blick relativ unversehrt aussieht, hat die vom «Schwert» arg gelitten. Das Feuer hat sich in den Bogen des Dachhimmels gefressen, die Bemalung ist grösstenteils verkohlt. «Es ist leider noch viel zu früh, um eine Aussage machen zu können», sagt Alexandra Grundmann, Mitglied der Geschäftsleitung der Suhrer Grundmann Immobilien AG, der Hauseigentümerin, erwartungsgemäss.

Ennet der Gasse übrigens, bei Haus Nummer 13, findet sich ein spannender Giebel: Um 1933 bemalt mit Familienwappen und dem Stadtwappen, umrankt von grünen Ranken. Das Stadtwappen wurde als Dank für einen Zustupf der Stadt an die Bemalung aufgenommen. Der Grund für die Neubemalung: ein Brand.

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