Der Freie Schiessverein Aarau hat sich per Ende 2011 aufgelöst und den aktiven Schützenbetrieb eingestellt. Diesen Beschluss fassten die zehn verbliebenen Mitglieder an einer ausserordentlichen Generalversammlung einstimmig. Damit geht ein weiteres Kapitel der Aarauer Vereinsgeschichte zu Ende, es dürfte nicht das letzte gewesen sein.

Es zeigte sich in den letzten Jahren immer deutlicher, dass der Schiessbetrieb im Freien Schiessverein Aarau «nur noch auf minimaler Flamme» wahrgenommen wurde. «Es war an den offiziellen Trainingstagen selten mehr als ein Mitglied anwesend, welches sich auf die Matte legte und einige Schüsse abgab», resümiert der letzte Schützenmeister, Eduard Hürzeler, die prekäre Situation des Freien Schiessvereins.

Eine aktive Teilnahme an Schiessanlässen war seit längerem wegen Unterbestandes nicht mehr möglich. «Immer mehr Mitglieder starben weg, der Nachwuchs blieb aus, der Verein war letztlich überaltert», stellt Josef Eng fest, der seit 1979 als Kassier fungiert hat. Bereits seit 1977 im Amt war der Küttiger Willi Blattner als Präsident.

In der Bierbrauerei aus der Taufe gehoben

Aus der Taufe gehoben wurde der Freie Schiessverein Aarau am 27. Februar 1876 in der Bierbrauerei Holzach an der Bahnhofstrasse. Geschossen wurde anfänglich auf offenem Feld in den Goldern oder im Binzenhof, das Scheiben- und Zeigermaterial musste für die Übungen jeweils mit Handkarren vor Ort gebracht werden. Ziel war es, auch jenen Schützen, die «einer grossen Gesellschaft nicht beitreten wollten», eine Ausbildungsgelegenheit zu bieten, damit sie, «wenn Not an den Mann kommt, das Vaterland mit sicherer Hand schützen können», wie es in den ersten Statuten festgehalten war. Es waren vor allem junge Schützenfreunde aus dem Mittelstand und der Arbeiterschaft, die im Freien Schiessverein eine Alternative zur traditionsreichen Schützengesellschaft Aarau suchten und auch fanden.

Daneben pflegten die Mitglieder nach der Sitte der Zeit auch die Kameradschaft, vor allem am Stammtisch im Restaurant Salmen. Auch wenn es im Schützenstand nicht immer rund lief, etwa am «Kantonalen» in Lenzburg 1880, als der Aktuar im Nachgang lapidar festhielt: «Der Verein ist so arg weggekommen, dass es zweckmässig erscheint, herüber ganz zu schweigen, um der Nachwelt keine Veranlassung zu bösen Gedanken zu geben.» Zu den gesellschaftlichen Höhepunkten zählte die Fahnenweihe 1956, an der der damalige Stadtpfarrer Fritz Oser eine patriotische Festansprache hielt.

Bestandesprobleme anfangs der 90er-Jahre

Doch anfangs der 90er-Jahre machten sich Bestandesprobleme bemerkbar, die auch mit der Fusion mit der Schiess-Sektion des Artillerievereins Aarau nicht aufgehalten werden konnten. 1997 musste die Pistolen-Sektion aufgelöst werden, «weil wegen schlechter Beteiligung die Unkosten schier ins Unermessliche wuchsen», wie der Chronist Max Brugger in der Festschrift zum 125-jährigen Bestehen des Freien Schiessvereins anno 2001 festhielt.

Dies trifft auch heute beim Entscheid, den Verein aufzulösen, zu. Das ehemalige Vereinsleben soll aber nicht ganz verloren gehen, wollen sich doch die zehn «letzten Mohikaner» laut Eduard Hürzeler, der rund vier Jahrzehnte dem Freien Schiessverein gedient hat, «hin und wieder zu einem Bier oder einmal pro Jahr zur traditionellen Metzgete oder zum Weihnachtsapéro treffen».