Vor 50 Jahren wurde das Hübscher-Haus in einer bis dato schweizweit einzigartigen Aktion um 54 Meter verschoben. Dem Bauunternehmen, der Horta Generalunternehmung AG, das am Graben anstelle einer in die Jahre gekommenen Häuserzeile ein modernes Warenhaus bauen wollte, war der denkmalgeschützte Bau im Weg. Also wurde er verschoben.

Vor 50 Jahren wurde das Aarauer Hübscher-Haus verschoben und abgedreht:

Nach der Verschiebung schenkte das Bauunternehmen der Stadt das Haus zur freien Verfügung. Und der Stadtrat musste nicht lange überlegen, was aus dem Haus werden sollte: die neue Stadtbibliothek. Und damit wurde, was für die einen das Wegschaffen eines alten Übels war, für die anderen zu einem Neubeginn. So wie für Karl Ernst (83). Er wurde vor 50 Jahren zum Bibliothekar gewählt.

Anstehen und aussuchen

Zuletzt befand sich die Stadtbibliothek in der «Alten Post» an der Metzgergasse, dem Gebäude, wo sich heute das Tourismusbüro aarau info befindet. Da im ersten Stock standen die Bücher in langen Regalen, streng sortiert, die meisten in schwarzes Teerpapier eingebunden. Kein freundlicher Raum, erinnert sich Ernst. «Ausserdem hatten die Besucher keinen freien Zugang zu den Büchern.» Die Leute stellten sich vielmehr vor einem Pult in die Schlange und suchten aus einem Verzeichnis das gewünschte Buch aus, das ihnen dann die Bibliotheksmitarbeiter aus dem Regal holten. Ein umständliches Prozedere, das viele Besucher abschreckte.

In Mode kamen in den Sechzigerjahren die sogenannten Freihandbibliotheken, in denen sich der Besucher selbstständig das gewünschte Buch aussuchen konnte – oder sich durch das «Schnöiggen» inspirieren lassen konnte. «Eine Art Bibliothek, wie sie die Badener damals schon seit zwei, drei Jahren hatten», sagt Ernst und lacht. Das habe stark dazu beigetragen, dass Aarau da nachziehen wollte.

Mit der Art der Bibliothek sollte sich auch der Bestand verändern. Die 360 Laufmeter Regale, die in der neuen Stadtbibliothek im Hübscher-Haus warteten, mussten gefüllt werden. Für Karl Ernst, seine Frau Trudi und das ganze Team bedeutete das viel Arbeit: Die alten Bestände wurden sortiert und aufgearbeitet, Altes ausgemistet. Und natürlich musste Neues gekauft werden: 800 Kinder- und Bilderbücher zum Beispiel, ein Genre, das es in der alten Bibliothek nicht gegeben hatte. Dazu kamen 1300 neue Sachbücher, 800 Stück Belletristik, 1600 neue Jugendbücher, zum Schluss insgesamt 260 Bücher in Französisch, Englisch und Italienisch. Insgesamt vergrösserte sich der Bestand von 7340 auf 11 500 Bücher.

Zum Glück gescheitert

«Rund 11'500 Bücher, alle neu in Klarsichtfolie gebunden, für jedermann zugänglich in einer Freihandbibliothek, befreit gar von Benutzergebühren für alle Einwohner der Region Aarau, ist das nicht ein wahrlich schönes Präsent unter dem Weihnachtsbaum der Öffentlichkeit», schrieb Karl Ernst selbst in einem Beitrag in den Aarauer Neujahrsblättern 1970.

Vor der Eröffnung plagten Ernst Sorgen, wie die Aarauer auf den Umzug in den alten Bau reagieren würden, ganz abgesehen vom neuen Konzept. «Bevor das Haus verschoben wurde, waren die Leute sehr skeptisch. Man hat damit nicht viel anfangen können.» Doch er hatte sich umsonst gesorgt: Die Aarauer hätten sich bei der Eröffnung im November 1969 vom Fleck weg in das frisch renovierte Hübscher-Haus und die neue Stadtbibliothek verliebt, sagt Karl Ernst. «Als es dann dastand, das Haus, in seiner ganzen Pracht, ging drinnen sofort intensiver Betrieb los.» Nicht nur das Haus, auch die Art des Bücher-Aussuchens habe die Besucher begeistert.

27 Jahre lang hat Karl Ernst die Stadtbibliothek geleitet. «Ich habe mich total mit der Bibliothek identifiziert», sagt er. «Das war nicht nur ein Arbeitsplatz, das war unsere Bibliothek, die meiner Frau und mir.» Noch heute halte er die Stadtbibliothek für eine ganz wunderbare Einrichtung, noch heute gehe er regelmässig vorbei. Und noch heute ist er froh, dass die Pläne Anfang der Neunzigerjahre, die Stadtbibliothek in einen Neubau auf dem Färberplatz oder in das «Winterthur»-Gebäude in der Laurenzenvorstadt zu verlegen, glorios gescheitert sind. Denn an seiner Meinung von vor 50 Jahren hat sich bis heute nichts geändert: «Es gab nie einen besseren Standort für die Stadtbibliothek als den heutigen.»