Bezirksgericht Aarau

Nach dem Tod des Partners: Frau von den Enkeln verklagt – es geht ums Geld

Nach dem Tod ihres Lebenspartners hob die Frau 10'000 Franken von seinem Konto ab, um die Beerdigungskosten zu begleichen. (Symbolbild)

Nach dem Tod ihres Lebenspartners hob die Frau 10'000 Franken von seinem Konto ab, um die Beerdigungskosten zu begleichen. (Symbolbild)

Über ein Jahr nach dem Tod ihres Lebenspartners sieht sich eine Seniorin mit einer Anzeige der (Stief-)Enkel konfrontiert. Das Aarauer Bezirksgericht spricht sie und ihren Sohn von den happigen Vorwürfen frei.

Nach 30 Jahren gemeinsamen Lebens ist 2016 der Partner der heute 78-jährigen Beschuldigten verstorben. Am Montag musste sie sich vor dem Bezirksgericht Aarau verantworten, weil sie am Tag nach dem Todesfall mit einer Bankvollmacht 10'000 Franken von seinem Konto abgehoben hatte, um die durch den Tod entstehenden Kosten zu decken. Knapp 4600 Franken gab sie aus und hob den übrigen Betrag mit den Quittungen auf.

Einen Monat später entschied sie ausserdem in Absprache mit ihrem Sohn, das Auto ihres verstorbenen Partners zu verkaufen: «Bevor es Standschäden nimmt», erklärte sie vor Gericht. Weil das Auto Teil der Erbmasse ist, erkundigte sich der Sohn bei der Gemeinde. Diese segnete den Verkauf ab. Das Auto wurde vom lokalen Händler im Suhrental zurückgekauft, für 12'500 Franken. Auch diesen Betrag bewahrte die Beschuldigte auf, ohne sich dabei viel zu denken. Bis ein Jahr später die zwei (Stief-)Enkel des Verstorbenen von dem verkauften Auto erfahren.

Sie erstatten Anzeige, worauf die Staatsanwaltschaft der Partnerin des Verstorbenen und ihrem Sohn zwei Strafbefehle zukommen liess. Insgesamt sollen sie 3050.25 Franken an Bussen und Gebühren bezahlen, dazu kommt je eine bedingte Geldstrafe. Das happige Urteil der Staatsanwaltschaft: Betrug (der Barbezug) und unrechtmässige Aneignung (das Auto).

«Lächerliche Vorwürfe»

Gegen die Vorwürfe wehrten sich Mutter und Sohn mit einem gemeinsamen Verteidiger. Die Staatsanwaltschaft wie auch die beiden Kläger blieben der Verhandlung fern.

Im Strafbefehl wirft die Staatsanwältin der Beschuldigten vor, die Bank betrogen zu haben, als sie in der Bankfiliale eine vermeintlich ungültige Bankvollmacht vorwies und den Tod ihres Partners verschwieg. Beidem widerspricht allerdings die einzige Zeugin. Es ist die damalige Bankangestellte, die die Transaktion erledigt hat. Sie sagt: «Die Bankvollmachten meines damaligen Arbeitgebers bleiben über den Tod hinaus gültig.» Und in einer früheren Einvernahme sagte sie aus, es sei durchaus möglich, dass die Beschuldigte den Tod ihres Partners erwähnt habe – so, wie diese es stets beteuerte. Die Zeugin kann sich mittlerweile kaum erinnern, für sie war die Transaktion lange nur ein Alltags­geschäft von vielen.

Der Verteidiger lässt kein gutes Haar am Strafbefehl. «Nach 30 Jahren gemeinsamen Lebens muss davon ausgegangen werden, dass sich die Beschuldigte nichts weiter dabei dachte, als sie das für die Beerdigung nötige Geld abhob.» Daraus einen Betrug zu machen, sei lächerlich. Ebenfalls zurückzuweisen sei der Vorwurf der unrechtmässigen Aneignung im Zusammenhang mit dem Verkauf des Autos des Verstorbenen. Zum einen, weil die Gemeinde diesen bewilligt hat. Zum andern, weil die Hinterbliebene zu diesem Zeitpunkt glaubte, Eigentümerin, also Erbin dieser Vermögenswerte zu sein. Denn offenbar unterlief ihr und ihrem verstorbenen Partner ein folgenschwerer Irrtum: Laut ihrer Aussage ging er zeitlebens davon aus, dass sie seine Vermögenswerte erben wird – «was offenbar nicht der Fall war», wie Gerichtspräsidentin Karin Von der Weid ergänzte. Konkubinatspartner werden vom Erbrecht nicht berücksichtigt.

Der Verteidiger forderte für beide Beschuldigten einen Freispruch. Und das Gericht folgte seinen Anträgen in allen Punkten: Beide Angeklagten sind freigesprochen, die Prozesskosten gehen zu Lasten der Staatskasse und die Anwaltskosten der Angeklagten übernimmt der Kanton. «Eine arglistige Täuschung ist nicht gegeben», hielt die Gerichtspräsidentin in Bezug auf die Aussagen der Zeugin fest. Auch das Motiv der Bereicherung fehle, weil mit der Abhebung einzig die Kosten des Verstorbenen beglichen worden sind. Und den Autoverkauf hat die Gemeinde schriftlich bewilligt. In ihrem Schlusswort vor dem Urteil sagte die Angeklagte: «Nach dem Tod meines Partners hoffe ich einfach nur, meinen übrigen Lebensabend noch mit etwas anderem verbringen zu können, als hiermit.» Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, allfällige Zivilforderungen werden auf den Zivilweg verwiesen.

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