Kolumne
«Nach dem Säuli-Rennen»: Was Zschokke mit Frauenstreik zu tun hat

Anja Kaufmann (38) ist juristische Mitarbeiterin beim Kanton Aargau und SP-Einwohnerrätin.

Anja Kaufmann
Anja Kaufmann
Merken
Drucken
Teilen
Heinrich Zschokke.

Heinrich Zschokke.

Mario Heller

Betty – ich glaube, das war ihr Name – hatte die Schnauze vorne bis zur letzten Kurve. Doch dann war sie kurz abgelenkt. Ob es der Löwenzahn auf der gegenüberliegenden Wiese war, konnte im Nachhinein nicht mehr eruiert werden. Der Ausgang eines Säulirennens im Casinopark letztes Jahr nahm aber durch Bettys Zögern eine unerwartete Wendung. Sie verlor und trottete erst dann gemächlich zum bereitstehenden Futtertrog, als alle anderen Säuli mit ihren Schnauzen schon genüsslich darin herumwühlten.

Nein, Betty. Wir hatten so auf dich gesetzt und dich während des ganzen Rennens angefeuert! Für Kinder kann es durchaus sehr dramatisch sein, wenn etwas Erhofftes nicht eintritt. Darum war die Enttäuschung gross, als Betty nicht Siegerin wurde. Alle Erklärungen und Tröstungsversuche nützten nichts. Zuletzt half nur noch Ablenkung, nämlich hin zur grossen Bronzeplastik gleich hinter der Säulirennbahn. Kindern kommt diese übermächtig vor. Dabei hat sich ungefähr folgendes Gespräch entwickelt:

Der trägt einen Rock! Ist er eine Frau?

Nein, das ist ein Mann im Gehrock, so eine Art Mantel. Er hiess Herr Zschokke.

Ah, ein Schotte? Die tragen doch auch Röcke!

Nein, ein Deutscher und später wurde er auch ein Schweizer. Er hat in Aarau gelebt und viel für den Kanton und für das ganze Land gemacht. Darum haben sie ihm ein Denkmal aufgestellt. Er hat unter anderem mit weiteren Männern eine Gruppe mit dem Namen «Kulturgesellschaft» gegründet. Später hat man ihr dann «Aargauische Gemeinnützige Gesellschaft» gesagt. Diese hat viel für die ärmeren Leute getan und dafür, dass die Menschen die Welt besser verstehen lernten. Und als Politiker im Grossen Rat hat er mitgeholfen, dass ihr zur Schule könnt. Da war der Aargau schon früh recht fortschrittlich. So wurden zum Beispiel 1835 bezirksübergreifende Schulen gegründet, welche 30 Jahre später auch von Mädchen besucht werden durften.

Und wo gingen die Mädchen vorher zur Schule?

Sie durften davor nicht in die Bezirksschulen. Frauen durften in der Schweiz auch erst über 120 Jahre später wählen und abstimmen gehen als die Männer.

Warum war das so?

Das weiss ich nicht. Ich finde, es gibt keinen vernünftigen Grund dafür. Stellt euch vor, es dauerte auch fast 400 Jahre, seit ein gewisser Mathis Kaufman, euer frühester bekannter Stammvater aus dem unteren Wynental, 1634 seine Margret Döbeli heiratete, bis ich als erste Frau in unserer Familie den Nachnamen an meine Kinder weitergeben konnte. Und weil es manchmal so unmöglich lange dauert, bis Männer und Frauen das Gleiche tun dürfen oder für dasselbe gleich behandelt werden, wollen die Frauen bald wieder einmal streiken.
Aber was machen dann die Männer, wenn die Frauen streiken?
Die Männer? Die machen selbstverständlich mit. Also ich erinnere mich noch gut an den letzten Frauenstreik, da war ich etwas älter, als ihr heute seid. Euer Nonno hatte damals alle Hände voll zu tun. Er ging mit anderen Männern für die streikenden Frauen kochen!