Gewaltstatistik
Nach dem Asylbewerber-Angriff: Ist Aarau nachts eine sichere Stadt?

In Aarau wird eine Frau von einem Asylbewerber angegriffen. Seither stellt sich die Frage: Ist Aarau nachts noch sicher? Exakte Zahlen sind nicht eruierbar. Doch was heisst das schon?

Sabine Kuster
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Eine Frau wird nachts auf dem Heimweg überfallen, in Aarau, ennet der Kettenbrücke. Rahel K. schilderte ihren Fall ausführlich in den Medien. Eine Debatte über die Betreuung renitenter Asylbewerber entstand und darüber, dass sich Opfer ihre Hilfe selber suchen müssen.

Der Fall liegt inzwischen vier Wochen zurück. Geblieben ist ein diffuses Gefühl: Ist Aarau am Ende gar keine sichere Stadt? Muss man sich nachts in den Strassen tatsächlich fürchten? Rahel K. und alle, die schon einmal bedroht wurden, werden sich nachts in Aarau noch lange unsicher fühlen. Andere gehen weiter unbeschwert durch die dunklen Strassen.

Caroline Imrek, 17, Effingen «Manchmal am Abend nach der Schule ist es unheimlich mit diesen Gruppen von Leuten, die herumlungern. Man liest auch in den Zeitungen, dass Aarau gefährlich ist, und da bin ich schon lieber zu zweit unterwegs.»
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Nicole Wernli, 40, Oberentfelden «Ich finde, Aarau ist sicher. Ich bin zwar nicht oft mitten in der Nacht unterwegs, aber bis jetzt habe ich noch nichts Unheimliches erlebt, und passiert ist mir selber auch nichts.«
Anja Pinter, 21, Aarau, Dave Zollinger, 22, Erlinsbach «Wir fühlen uns sehr sicher. Ich als Frau finde es nicht gefährlich. Ich laufe oft alleine vom Ausgang nach Hause und habe noch nie eine unheimliche Situation erlebt.»
Carola Maier, 19, Schöftland Jana Pafumi, 18, Buchs «Bei Spielen des FC Aarau fühlen wir uns nicht sicher, weil es dann oft Krawalle gibt. Auch in der menschenleeren Stadt in der Nacht sind wir lieber zu zweit unterwegs, das gibt uns Sicherheit.»
Sara Knecht, 22, Aarau Rohr «Ich fühle mich eigentlich sicher. Ich komme oft mit dem Velo nach Aarau und kann so den Bahnhof umgehen, wo es vielleicht noch am gefährlichsten ist. Im Ausgang bin ich sowieso meistens in der Gruppe unterwegs.»

Caroline Imrek, 17, Effingen «Manchmal am Abend nach der Schule ist es unheimlich mit diesen Gruppen von Leuten, die herumlungern. Man liest auch in den Zeitungen, dass Aarau gefährlich ist, und da bin ich schon lieber zu zweit unterwegs.»

Aargauer Zeitung

159 Gewaltdelikte im letzten Jahr

Was sagen also die Zahlen zur Sicherheit in der Stadt Aarau? Die Kantonspolizei Aargau hat sich die Mühe genommen und die Straftaten auf Aarau heruntergebrochen. Das Resultat: In den letzten fünf Jahren schwankten die Zahlen der Straftaten in Aarau relativ stark, eine Tendenz zur Ab- oder Zunahme ist nicht auszumachen. Der Durchschnitt liegt bei 2401 Straftaten pro Jahr. Darin enthalten ist aber alles Strafbare, egal ob Verkehrsdelikte, Vermögensdelikte, häusliche Gewalt oder eben Gewalt- oder Raubdelikte.

Im letzten Jahr waren von diesen Straftaten laut der polizeilichen Kriminalstatistik 159 Gewaltstraftaten. Ein Jahr davor, 2012, gab es in Aarau 240 Gewaltstraftaten. Doch auch dies sind nicht unbedingt Überfälle auf offener Strasse. Unter Gewaltstraftaten fallen alle Straftaten (begangene und angedrohte) gegen Leib und Leben wie Tötungsdelikte, Körperverletzungen, Raub, Nötigungen, Drohungen, Erpressungen etc. «Dies unabhängig davon, ob sie im Umfeld der Familie, an Veranstaltungen oder auf der Strasse verübt worden sind», sagt Roland Pfister von der Kantonspolizei Aargau.

Die exakten Zahlen nur für Übergriffe auf den Strassen Aaraus kennt auch der Aarauer Polizeichef Daniel Ringier nicht. «Darüber führen wir nicht Buch», sagt Ringier. «Aber einen Fall wie jenen von Rahel K. hatten wir schon länger nicht mehr. Die meisten Gewaltdelikte geschehen im Bekanntenkreis.» Bei den Gewaltstraftaten auf offener Strasse liegt der letzte Vorfall, der medial für grössere Aufmerksamkeit gesorgt hat, sieben Jahre zurück: 2007 war eine 38-jährige Suhrerin auf dem Heimweg vom Club KBA zum Bahnhof von drei jungen Männern zuerst belästigt und dann, als sie sich wehrte, verprügelt worden. Dabei wurden der Frau Rippen gebrochen.

Frauen trifft es auffallend oft

Der Einzelfall – so tragisch, wie er ist – lasse sich nicht immer vermeiden, sagt Polizeichef Ringier. «Mit der aktuellen Situation in Aarau bin ich jedoch zufrieden. Es zeigt, dass mehr uniformierte Präsenz in der Stadt positive Auswirkungen hat.» Ringier verweist darauf, dass bei Gewaltdelikten auf offener Strasse die Täter in den allermeisten Fällen immerhin innert Minuten gefasst werden.

Der Blick ins Archiv der Aargauer Zeitung zeigt jährlich 0 bis 4 Meldungen von Gewalttaten in Aaraus Strassen, aber dies lässt keine sicheren Rückschlüsse auf die tatsächlichen Fallzahlen zu. Eines wird daraus dennoch klar: Die Opfer sind meistens Frauen, und zu Gewalt kommt es in fast allen Fällen, weil der Täter der Frau die Handtasche oder andere Wertgegenstände rauben will.