Wo erreichen wir Sie?

Reinhold Messner: In Hannover.

Für Ihre Vorträge reisen Sie von Stadt zu Stadt, vermissen Sie die Berge?

Ja, deshalb bin ich jeweils nur vier bis fünf Tage am Stück unterwegs, bevor ich wieder in die Berge zurückkehre.

Vermissen Sie das Bergsteigen?

Nein. Ich muss nicht mehr auf die höchsten Gipfel oder in die steilsten Wände. Ich habe im Filmen von Bergwelten eine neue Herausforderung gefunden.

In den Alpen hat es so viel Schnee wie seit Jahren nicht mehr. Überrascht es Sie, dass es angesichts der Klimaerwärmung immer noch zu so harten Wintern kommt?

Nein, gar nicht. Das Klima ist eine komplexe Angelegenheit, wie eine Sinuskurve, die wir aber weder zu 100 Prozent voraussagen noch beeinflussen können. Doch es besteht kein Zweifel daran, dass eine globale Erwärmung im Gang ist und dass der Mensch etwas damit zu tun hat.

Durch die Schneemassen besteht in vielen Gebieten hohe Lawinengefahr. Sind Sie auch schon einmal in eine Lawine geraten?

Nein. Aber ich war mal am Piz Palü, als wir von den Ausläufern einer Lawine berührt wurden. Das war ein Schreck. Die Gewalt einer Lawine kann sich niemand vorstellen, der sie nicht selber erlebt hat.

Sie haben über 50 Bücher geschrieben und unzählige Vorträge gehalten. Was haben Sie jetzt Neues zu erzählen?

Neu ist, dass ich die gesamte alpine Geschichte aufrolle. Von 1786 – der Erstbesteigung des Mont Blancs – bis heute zeige ich die Mythologie des Alpinismus.

Wie funktioniert diese Mythologie?

Der Alpinismus hat sich anhand der Frage «Ist es möglich oder unmöglich?» entwickelt. In meinem Buch zeige ich Bilder von 13 Bergen, die nie zuvor jemand so gesehen hat. Unter anderem das Matterhorn oder den Mont Blanc. Mit diesen Bergen erzähle ich den Alpinismus. Ich bin ein Storyteller. Ein Politiker zum Beispiel ist ein Mensch, der sein Land in die Zukunft erzählt. So mache ich es mit den Bergen. Mein Alpinismus ist ein kultureller, der weitergeführt wird.

Welches ist Ihr Lieblingsberg?

Der Machapuchare im Himalaja hat mich auf sonderbare Weise berührt. Ein gedrehter Berg, wie das Matterhorn, das in der Geschichte des Alpinismus eine besondere Rolle spielt. Mit seiner speziellen Erstbesteigungsgeschichte hat sich das Matterhorn selber zum Symbolberg gemacht.

Sie haben 14 Achttausender ohne Sauerstoff bestiegen, nun nutzen Sie Bilder, die aus dem All gemacht wurden, für Ihr neustes Buch?

Die Technik, die mir hier zur Verfügung stand, gab es früher nicht einmal in meiner Vorstellung. Ich hätte ganz andere, neue Routen geplant, wenn ich diese Bilder in jungen Jahren zur Verfügung gehabt hätte. Es gibt nun Hunderte von neuen Möglichkeiten, auf Berge zu steigen.

Mit den Satellitenbildern kann eine Route schon vor dem Besteigen im Detail betrachtet werden. Ist das Bergesteigen dadurch sicherer geworden?

Nein. Der Tod von Ueli Steck ist ein Beweis, dass es auch die Allerbesten treffen kann.

Sie sind eifersüchtig auf diejenigen, die die neuen Routen besteigen und Unmögliches möglich machen?

Nein, ich bin zufrieden mit dem, was ich machen durfte und mit dem, was ich jetzt tue.

Die Auseinandersetzung mit dem Berg beginnt lange vor der Besteigung. Wie ist das Vorgehen?

Ich bestimme von vornherein, wie und wo ich auf den Berg steigen will. Ich suche eine Route, die noch nie jemand gemacht hat. Das heisst, sie gilt als unmöglich. Falls es Vorläufer gibt, überlege ich, was sie falsch gemacht haben. Ich entwickle eine Strategie, bereite mich vor und starte einen Versuch. Ich bin auch schon vier Mal für eine Route gestartet. Das gehört alles dazu. Manchmal erreicht man den Gipfel trotzdem nicht.

Das heisst, es gibt trotz der immer besser werdenden Vorbereitung immer noch unmögliche Routen?

Ja. Das Ziel ist und bleibt: Dorthin zu kommen, wo ich umkommen könnte, um nicht umzukommen.