Nach 40 Jahren
Aaraus ältester Schuhmacher hört auf: «Jetzt ist fertig, ich muss es akzeptieren»

Als Zehnjähriger fing Domenico Zarra in Neapel an, das Handwerk des Schuhmachers zu erlernen. In der Schweiz arbeitete er für Fretz Men und Bally, bevor er vor 47 Jahren er sein erstes Geschäft in Aarau eröffnete. Jetzt, mit 78 Jahren, muss er aufhören.

Cynthia Mira
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Domenico Zarra hört nach über 40 Jahren in Aarau gesundheitsbedingt auf.

Domenico Zarra hört nach über 40 Jahren in Aarau gesundheitsbedingt auf.

Sandra Ardizzone

Seit 1974 führte Domenico Zarra in Aarau sein eigenes Geschäft als Schuhmacher. Zuerst am Rain, bevor er 1994 sein Lokal in der Oberen Vorstadt eröffnete. Heute ist er aus dieser Strasse kaum wegzudenken. Steht er am Strassenrand, rufen ihm die Leute zu, es wird gehupt und Autoscheiben werden runtergekurbelt. «Das ist normal, wenn man so lange an einem Ort ist», sagt er.

Er ist der Aarauer Schuhmacher, der nun nach über 60 Jahren aufhört. Es fällt ihm nicht leicht. Auch seine Kundschaft und seine Arbeitskollegen fragen ihn nach wie vor an, ob er nicht den einen oder anderen Schuh noch bearbeiten könne. Aber die Gesundheit des 78-Jährigen lässt es nicht mehr zu.

Das angesammelte Material geht nach Bern

Im vergangenen Jahr verbrachte Zarra drei Monate, von Januar bis März, wegen einer schwerwiegenden Infektion der Herzklappen im Spital. Schuld war nicht das Coronavirus. Er habe dem Tod entgegengeblickt und nur knapp überlebt. «Die Familie hatte eigentlich schon Abschied genommen.» Es gehe ihm nun besser, aber er wisse auch: «Jetzt ist fertig, ich muss es akzeptieren.»

Und dennoch: Ein eleganter heller Schuh steckt noch immer in einem seiner Spannwerkzeuge. Ein schwarzes Exemplar aus Leder hält er in der Hand. «Das ist mein Letzter», sagt er und schmunzelt, so als ob er sich selbst den Satz nicht ganz glaubt.

Ob das tatsächlich das letzte Paar Schuhe sein wird?

Ob das tatsächlich das letzte Paar Schuhe sein wird?

Sandra Ardizzone

Die Geräte im Hinterhof des Hauses an der Oberen Vorstadt 22 sind über 80 Jahre alt. Die Maschinen wirken wie Museumsstücke, sind aber noch immer in Betrieb. Zarra ist auch der Abwart des gesamten Hauses. Wohin seine Ware kommt, sei noch offen. «Ein Teil des Materials geht eventuell zu einem Schuhmacher nach Bern.»

Zu Beginn verdiente er noch 2.70 Franken pro Stunde

Als zehnjähriger Junge begann Zarra in Neapel den Beruf zu erlernen. Mit 17 Jahren kam er in die Schweiz. Er erinnert sich noch genau: «Das war am 21. April 1960.» Nach seiner Ankunft verbrachte er kurze Zeit in Chur, bevor er in Aarau Wurzeln schlug; seine Heimat, wie er heute sagt.

In der ersten Zeit verdiente er noch 2.70 Franken pro Stunde. Dann erhielt er eine Stelle bei der Traditionsfirma Fretz Men, später arbeitete er viele Jahre für die Schuhfabrik Bally in Schönenwerd.

Bis spät abends flickte er in seinem Laden bis zu 30 Schuhe pro Tag. Dann kamen der Fussball, das Kartenspiel und die Treffen mit Freunden, seine weiteren Leidenschaften. «Das ist mein Leben», sagt er. «Die Familie, der Schuhladen und Fussball.»

Seine zweite Leidenschaft

Wenn er über den Fussball spricht, dann schwärmt er. Seit fast einem halben Jahrhundert präsidiert er den Verein U.S Olympia Inter Schönenwerd. Dieser Leidenschaft geht er immer noch nach. Die Fussballmannschaft wurde 2011 zwar aufgelöst, aber das Clublokal existiert noch. Er habe Transfers organisiert, wöchentliche Sitzungen abgehalten und war im Training aktiv.

Seine beiden Töchter habe er kaum gesehen als sie klein waren. Er sei immer weg gewesen und morgens früh aus dem Haus. «Ich muss sagen, ich habe auch eine liebe Frau», sagt er. Geheiratet habe er 1964. Heute bereite ihm sein 6-jähriger Enkel viel Freude.

Herrenanzüge statt Schuhmacherhandwerk

Mittlerweile ist in seinem Schuhgeschäft ein Geschäft für massgeschneiderte Herrenanzüge der Firma Nähatelier GmbH eingezogen. Es sei nicht möglich gewesen, eine Nachfolge zu finden. Zarra ist überzeugt: «Eine Person muss einen Schuh nur in die Hand nehmen und man sieht sofort, ob er oder sie das Handwerk beherrscht oder nicht.»