Klein und bei weitem nicht so wohlorganisiert wie heute war die Suhrer Musig in ihren Anfängen. Das weiss man aus den erhalten gebliebenen Protokollbüchern. Als 1902 neue Vereinsstatuten geschaffen wurden, zählte die damalige Feldmusikgesellschaft Suhr gerade mal neun Musiker, gleich viele wie bei ihrer Gründung 1865. Den Kunstsinn der Mitglieder zu fördern und gesellschaftliche Unterhaltung zu pflegen – so lautete der Zweckartikel in den Statuten. Die erste von bisher fünf Uniformen wurde erst 1914 angeschafft, nachdem die Musik 1908 mit Glanz und Gloria erstmals in Möriken an einem Mittelaargauischen Musikfest teilgenommen hatte.

Die Suhrer Musig 1935 beim 70-Jahr-Jubiläum.

Die Suhrer Musig 1935 beim 70-Jahr-Jubiläum.

Die Musiker waren lustige und manchmal wilde, undisziplinierte Gesellen. Die Protokollbücher vom Anfang des 20. Jahrhunderts zeigen, dass bisweilen munter drauflos gezecht wurde. Wegen schlechter Aufführung in Wirtshäusern wurden auch mal Musiker aus dem Verein ausgestossen. Der Kassier beschwerte sich regelmässig über das Ausbleiben von Mitgliederbeiträgen und der Dirigent über dasjenige von Musikanten bei Proben und öffentlichen Anlässen. 1913 stellte sich heraus, dass Dirigent Kuhn seinerseits nicht mehr zu den Proben erschienen war, weil er die «Säuornig», die seiner Meinung nach in der Gesellschaft herrschte, nicht mehr aushielt. Im gleichen Jahr konnte die Kassenrevision nicht termingerecht durchgeführt werden, «da der Kassier Gebel an den abgemachten Terminen nicht zu Hause war». Mit gutem Grund: Er hatte der Gesellschaft nämlich 500 bis 600 Franken unterschlagen.

Die Suhrer Musig überlebte all die «struben» Zeiten, sodass die zahlreichen Streitereien heute eher zum Schmunzeln Anlass geben. «Im Verein hatte man früher viel mehr Probleme als heute», bestätigt Präsident Peter Dietiker. Wiederholt sei es zu Händeln gekommen, die der Vereinsvorstand schlichten musste. In den letzten 40 Jahren sei das hingegen kaum mehr vorgekommen.

Kampf – um Mitglieder und Geld

Aus den Protokollbüchern, sagt Dietiker, gehe hervor, «dass es immer ein Kampf war – einerseits um Mitglieder, andererseits um Geld. Das waren die beiden prägnanten Themen.» Beides habe gefehlt. «Das zieht sich wie ein roter Faden durch die ganze Geschichte der Musik hindurch.» Vom Hörensagen wisse man auch, dass die Musik in den ersten 40 Jahren ihres Bestehens zu gewissen Zeiten gar nicht aktiv war. «Das Ganze war wohl eine ganz lockere Angelegenheit.» Das liessen auch die Mitgliederzahlen erkennen, fügt Dietiker an. Bis etwa 1940 lag der Bestand bei zehn bis 20 Mitgliedern. Dann wuchs die Mitgliederzahl stetig, bis zwischen 1970 und 1990 der Spitzenwert erreicht wurde. «Da hatten wir zirka 50 Mitglieder», sagt Dietiker. Seither ist wieder ein leichter Rückgang festzustellen.»

Ein wichtiges Element im Vereinsleben, das zeigen die Protokollbücher, war, vor allem früher, das Reisen. «Bis und mit Sechzigerjahre», sagt Beat Koch, Ehrenmitglied und Gestalter der Jubiläumsausstellung, «war es natürlich ein Ereignis, wenn die Musikgesellschaft gemeinsam irgendwo hinging – mit der Uniform und den Instrumenten. Das hatte einen ganz andern Stellenwert als heute. Das Reisen ist heute etwas Alltägliches.» Wenn eine Musikgesellschaft heute reist, dann meistens an einen Musiktag. Gerade ums Reisen, sagt Präsident Dietiker, sei viel gestritten worden, auch weil man dafür das Geld gebraucht habe. Oftmals begleitete man eine andere Reisegruppe als mitfahrendes Orchester. Ein wichtiger Partner war nach Dietikers Worten Coop. «Wir haben wiederholt Coop-Genossenschafter in mehreren Cars begleitet und kamen dabei in der halben Schweiz herum.»

Politisch neutral

Ein spezielles Reiseprojekt, das offenbar nicht zustande kam, war die von der Musik gesuchte Begleitung der Arbeiterunion Bern auf ihrer viertägigen Reise nach Marseille im Jahre 1929. Die Frage liegt nahe, ob es denn in diesem Fall keine politischen Berührungsängste gab. Solche wären nicht ungewöhnlich gewesen: Im Februar 1929 antwortete Präsident Zehnder dem Arbeitermännerchor Suhr, der ein gemeinsames Konzert angeregt hatte, dass die Musikgesellschaft aus Mitgliedern aller Parteien bestehe und ihre bisherige neutrale Stellung unbedingt halten müsse.

Kommunisten einen Korb erteilt

Beim Sichten des Quellenmaterials hat Beat Koch eine andere politische Rosine gefunden: In den 40er-Jahren plante die kommunistische Partei der Arbeit einen Anlass in Suhr und schrieb auf dem Plakat, die MG Suhr würde an diesem aufspielen – ohne die Musikgesellschaft zu fragen. «Das weckte im Verein unglaublichen Widerstand», sagt Koch. «Genau aus politischen Gründen hat man gesagt: ‹Das wollen wir nicht.›» Der Anlass der PdA fand dann statt – aber ohne Musik.

Als Verein habe sich die MG Suhr bemüht, politisch neutral zu sein. Aber unter den Mitgliedern habe es natürlich immer «Richtungen und Tendenzen» gegeben, sagt Koch. «Das Musikleben hört ja nicht um 22 Uhr auf, wenn die Probe fertig ist.» Das Politisieren nachher am Wirtshaustisch sei ebenfalls ein gewichtiges Bestandteil des Vereinslebens. Koch weiss: «Es existieren sogar Fotos der Suhrer Musik, auf denen ein Velo mit einem Hakenkreuz drauf zu sehen ist – Zeichen der Zeit halt, die bei Einzelnen gewisse Sympathien genossen.» Und die Suhrer Musig bildete eben stets das ganze gesellschaftliche und politische Spektrum ab.