Aarau/Ueken
Musiker Niño geniesst die neue Inspiration in Ueken: «Hier wird es nur hell und dunkel»

Benno Ernst alias Niño hat Aarau den Rücken gekehrt. In Ueken lebt er losgelöst von jeglicher Struktur und sieht beispielsweise niemanden zur Arbeit rennen. Das hatte wesentlichen Einfluss auf sein neues Album.

Katja Schlegel (Text) und Sandra Ardizzone (Fotos)
Drucken
Teilen
Benno Ernst alias Niño in seinem eigenen Tonstudio, genannt «Schall Eh».

Benno Ernst alias Niño in seinem eigenen Tonstudio, genannt «Schall Eh».

Sandra Ardizzone

Früher hat Benno Ernst Hausmauern gesehen, wenn er aus dem Fenster geschaut hat. Heute ist es blühender Löwenzahn. Etwas weiter hinten auf einer Weide sieht man Pferde, die träge mit dem Schweif zucken. Und Löwenzahn. Wer übers Tal blickt, sieht die sanften Wellen des Juras. Und Löwenzahn. «Das ist noch ein Landleben wie aus dem Bilderbuch», sagt Ernst und lacht.

Der einst eingefleischte Aarauer ist nur noch Heimweh-Aarauer. Seit gut einem Jahr wohnen Ernst und seine Frau Laura nicht mehr im tristen Aarauer Industriequartier Torfeld Süd, sondern in Ueken in einem Chalet, neben einer Pferdepension. So weit ab vom Schuss, dass die Spatzen verdattert auf der Strasse sitzen bleiben, wenn ein Auto naht.

Werk schwimmt im Whiskey

Im Keller ihres Häuschens und mit Blick ins gelbgetupfte Grüne, hat sich der Profi-Musiker endlich seinen Traum vom eigenen Tonstudio verwirklicht. Hier hat er sich im Winter verschanzt, hat seine zehn Bandprojekte verschoben und sich einzig auf sein Soloprojekt als Niño konzentriert. Hat getüftelt und gezupft, gewerkt und geklimpert, geschuftet und gezweifelt, manchmal die ganze Nacht hindurch. Immer im Auge, aufgehängt über dem Klavier: die Gradmesser, Ernsts bisherige drei Alben und die EP, die er als Niño veröffentlicht hat. Die Originale quasi, die getauften. Etwas gewellt und aufgequollen vom Whiskey, in dem sie getränkt wurden, aber geschmacksneutral.

Über dem Klavier baumeln die fünf in Whiskey getauften Werke.

Über dem Klavier baumeln die fünf in Whiskey getauften Werke.

Sandra Ardizzone

Jetzt baumelt über dem Klavier sein fünftes Werk, «No Dress Code». Eine Ode an das Bauchgefühl, den Moment, die Intuition und Kreation, so beschreibt es Ernst. Mal Folk, mal Blues, mal Rock oder Jazz. Gewohnt verspielt und überraschend – und doch ist es minimalistischer als früher. «Ich breche die Stücke herab auf ihre Essenz. Einfachere Mittel sind unmittelbarer. Die Aussage wird bloss verwaschen, wenn man zu viel in das Stück hineinbuttert.» Das brauche Mut, das Reduzieren. «Aber ein einfacher, schöner Song macht mir mehr Eindruck als ein abgefahrenes Gitarrensolo.»

Wenn Ernst bei der Musik auf Reduktion, auf Einfachheit setzt, so macht er das Abgefahrene mit seinen Texten wett: In den Tracks geht es mal um einen Posaunisten, der vor dem Sprung in den Abgrund sein letztes Solo spielt. Um einen verdurstenden Cowboy mitten im Niemandsland. Und mal um auf brennenden Feldern trainierten Pferden. «Meine Texte sind selten, eins zu eins zu nehmen», sagt Ernst. Es störe ihn auch nicht, wenn die Zuhörer dabei nicht das verstehen, was er gemeint habe. Warum besingt er nicht einfach klassische Themen? Liebe zum Beispiel? Ernst winkt ab, was über Liebe gesungen werde, könne doch keiner ernst nehmen. «Ich schreibe lieber von inneren Welten, von meinen Werten.» Von Selbstfindung und der Wichtigkeit, sich nicht fremdsteuern zu lassen. Vom guten Solo, dem Moment. Von Qualität statt Quantität.

Gewöhnungsbedürftige Freiheit

Beeinflussen lässt sich Benno Ernst für seine Musik von allem, was ist. «Auch vom Wechsel hier hoch», sagt er. «Ich musste mich erst an die Freiheit gewöhnen – und an die gleichzeitige Isolation. Wenn man so lebt, muss man sich dafür entscheiden, auszugehen.» Gleichzeitig sei das Zeitgefühl ein ganz anderes. «Hier sehe ich niemanden zur Arbeit rennen, hier wird es nur hell und dunkel, losgelöst von jeglicher Struktur.» Das habe ihm bei der Arbeit an seinem Album geholfen. Und natürlich die Freiheit, morgens um drei ans Schlagzeug zu sitzen und los zu trommeln, wenn es ihm grad drum ist. «Hier stört das keinen.»

Bei aller Begeisterung für das neue Daheim fehlen ihm hier zwei Dinge: Beizen und Wasser. «Aber wenn es mir kurzspitz doch zu abgeschieden wird, dann sind Aarau und die Aare nah.» Dann knattert Benno Ernst mit seiner alten Vespa über die stotzige Staffelegg. Ganz gemütlich, vorbei am blühenden Löwenzahn.

Konzert Samstag, 18. Juni, 21 Uhr, Utopia Club in Aarau. www.ninomusic.ch