Aarau
Museumsleiterin: «Jetzt fängt die Arbeit erst richtig an»

Museumsleiterin Kaba Rössler möchte, dass die Aarauer einen neuen, liebevollen Blick auf ihre Stadt werfen.

Katja Schlegel und Hubert Keller
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Kaba Rössler im Panorama-Zimmer.

Kaba Rössler im Panorama-Zimmer.

Chris Iseli/AZ

Frau Rössler, in einem Interview 2007 antworteten Sie auf die Frage, worauf Sie bei Ihrer Arbeit am ehesten verzichten könnten, mit «Überstunden». In den letzten Wochen und Monaten haben Sie wie wild gearbeitet. Wie ist es Ihnen ergangen?

Kaba Rössler: (Lacht) Es war tatsächlich eine unglaublich intensive Zeit für das gesamte Team. Von Januar bis jetzt haben allein die fünf Festangestellten 2000 Überstunden geleistet.

Das tönt nach Ferien.

Das ist leider nicht möglich. All die Ausstellungen, Veranstaltungen und Vermittlungsangebote erledigen sich nicht von alleine. Jetzt fängt die Arbeit erst richtig an.

Mit welchem Gefühl sind Sie am Vorabend der Eröffnung durch das Museum spaziert?

Kaba Rössler macht Geschichte

Seit neun Jahren leitet Kaba Rössler (55) das Aarauer Stadtmuseum und kümmert sich seither um den Um- und Erweiterungsbau. Sie hat Geschichte, Filmwissenschaft und Kunstgeschichte studiert und vor der Stelle in Aarau als Kuratorin und stellvertretende Leiterin des Forums Schweizer Geschichte in Schwyz gearbeitet. (az)

Wir haben bis morgens um 1 Uhr gearbeitet, haben ausgeleuchtet, aufgeräumt und zum Schluss noch den Staubsauger in die Hand genommen. Aber es herrscht eine grosse Freude. Wir haben Freude am Gebäude, an der Verzahnung von Altem und Neuem, aber natürlich auch an den Inszenierungen der Ausstellungen «Demokratie!» und «100xAarau».

Mit dem Öffnen der Museumstüren ist es nicht getan, jetzt müssen Sie die Leute ins Museum holen.

Die Bevölkerung hat ermöglicht, dass der Um- und Erweiterungsbau realisiert werden konnte. Dafür bedanken wir uns mit einem Volksfest. Wir hoffen, dass Aarau dieses Haus annimmt.

Dafür braucht es aber eine starke Vermittlung. Das «Schlössli» war einfach da, das hat man besucht oder eben auch nicht.

Wir müssen das Haus mit Zusammenarbeiten füllen. Für uns allein, mit den Ressourcen von fünf Festangestellten, ist es ein grosses Haus und auch eine Hypothek. Allein schon die 20 Räume im Altbau sind eine Herausforderung. Man hat erst überlegt, keine Dauerausstellung zu machen. Aber diese 20 Räume immer wieder neu zu bespielen, schaffen wir nicht. Ausserdem wäre es viel zu teuer. Deshalb suchen wir auch die Zusammenarbeit, beispielsweise mit dem Ringier Bildarchiv.

Was heisst das?

Das Volksmusikfest wird hier beispielsweise einen Standort haben und auch der Gigathlon wird hier vorbeikommen. Wir haben ausserdem Partnerschaften mit dem Kanton und arbeiten mit den Institutionen vor Ort zusammen, beispielsweise dem ZDA, mit dem Kunsthaus und dem Forum Schlossplatz.

Mit dem Kunsthaus und dem Naturama ist das Museumsangebot schon gross. Ist das keine Überbeanspruchung des Publikums?

Nein. Wir haben ganz verschiedene Ausrichtungen. Das Naturama arbeitet mit Natur und Naturvermittlung, das Kunsthaus hat auch einen ganz anderen Fokus. Wir thematisieren kulturhistorische Themen.

Das Museum soll identitätsstiftend sein. Wie erreichen Sie das?

Eine Verbindung kann man nicht verordnen, eine Verbindung muss aufgebaut werden. Wir arbeiten sehr partizipativ, indem wir mit Bevölkerungsgruppen zusammen etwas entwickeln, beispielsweise mit den rund 200 Vereinen, die Aarau hat. Wir sind überzeugt, dass man mit den Leuten und den Gruppen vor Ort arbeiten muss. Dann wächst die Verbindung. Aber es ist eine Arbeit, die Zeit braucht. Die Leute müssen beispielsweise erst merken, dass dieses Foyer für sie da ist, dass man hier ein Konzert, eine Lesung oder ein Konzert veranstalten kann – solange es etwas mit uns zu tun hat.

Ein Museum soll helfen, sich im Hinblick auf die Zukunft an der Vergangenheit zu orientieren. Wie schaffen Sie das?

Die Ausstellung «100xAarau» greift Vergangenheit und Zukunft sehr gut auf. Sie entstand aus dem Fundus mit knapp 60 000 Objekten, der um 1900 aus einem bürgerlichen Antrieb angelegt wurde. Man wollte sich und das, was die Schweiz damals zusammengehalten hat, mit Geschichte und Geschichtsbildern repräsentiert haben. Heute orientiert man sich wieder in der Geschichte. Man muss sich wieder fragen, was uns eint, damit wir trotz unterschiedlicher Sprachen, Religionen, Ethnien und Auffassungen ein Gemeinwesen bilden, das zusammenhält.

Haben Sie ein Beispiel?

Ein schönes Beispiel ist Helmut Zschokke: Eigentlich Kommunist, wurde er des Landesverrats angeklagt und musste vor Abschluss seiner Dissertation als Germanist gegen seine Berufung das Optikergeschäft seines Vaters übernehmen. Seine Tochter fragte ihn um 1940, was Krieg sei. Und Zschokke begann Holzköpfe zu schnitzen, um seiner Tochter den Krieg zu erklären. Diese Köpfe zeigen wir in der Ausstellung und probieren so, Antworten zu geben, die über die Tagesaktualität hinausgehen. Denn Fragen wie die, was Krieg ist, stellen Kinder auch heute.

In diesem Jahr wird die Schweizer Geschichte sehr ideologisch vereinnahmt und interpretiert. Besteht diese Gefahr auch für eine Stadt?

Diese Gefahr besteht immer, selbstverständlich. Deshalb bezeichnen wir uns als Ort mit Geschichtsbewusstsein und Geschichtskultur. Jede Zeit hat ihre Art, die Vergangenheit anzuschauen. Es gibt immer verschiedene Blicke auf die Geschichte. Und die Geschichte wird natürlich immer wieder instrumentalisiert und missbraucht. Da ist es wichtig, einen faktentreuen Umgang zu haben. Der Erkenntnisstand, den wir haben, ist immer ein vorläufiger. In 20 Jahren sieht alles anders aus und in 200 Jahren sowieso. Dieser Relativität muss man sich bewusst sein. Da haben wir als Museum auch die Verantwortung, einen aktuellen Stand von Geschichte und Wissenschaft zu transportieren und mit einer sorgfältigen Herangehensweise zu präsentieren.

Wir sitzen hier im Panorama-Raum, einem Ihrer Lieblingsräume. Warum mögen Sie ihn?

Dieser Raum mit rund 350 Bildern, Grafiken, Plänen, Fotografien und Stichen zeigt ganz viele Seiten von Aarau. Die Präsentation dieser Stadtansichten ist ungewöhnlich. Diese Anordnung gibt einen ganz neuen Blick auf die Stadt. Und das verkörpert unsere Absicht, einen neuen, liebevollen Blick auf die Stadt zu werfen. Aarau ist eine wunderbare Stadt, ein wichtiger Ort, die Hauptstadt des Kantons. Gleichzeitig verkörpert Aarau auch den Schweizer Durchschnitt, ist «typisch Mittelland». Das meine ich nicht abwertend. Darüber nachzudenken, was das bedeutet, finde ich wichtig.

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