Theater
Mundart-Theater rollt mit Liebesgeschichte ins Stadtmuseum

Mit «Marie und Robert» inszeniert das Theater Marie ein hundertjähriges Gesellschaftsstück. Das Stück gilt als die stärkste Liebesgeschichte in der Schweizer Dramatik.

Corina Gall
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Robert (Andrin Schenardi) und Marie (Barbara Heyn): Heute Abend ist Premiere im Stadtmuseum Aarau.

Robert (Andrin Schenardi) und Marie (Barbara Heyn): Heute Abend ist Premiere im Stadtmuseum Aarau.

HO

Im Jahre 1917 wurde das Aargauer Mundartstück «Marie und Robert» von Paul Haller in Aarau uraufgeführt. Exakt hundert Jahre später und unmittelbar neben dem Ort der ersten Stunde, da wo heute das Kultur und Kongresshaus steht, zeigt das Theater Marie das grossartige Werk in seiner originalen Fassung. Heute Abend feiert das Stück Premiere im Stadtmuseum Aarau.

Robert ist erwachsen, wohnt aber noch bei seiner Mutter im Elternhaus, weil diese es sonst verkaufen müsste. Die verheiratete Marie ist seine alte Liebe und sprengt sein konservatives Familienbild, die unterdrückte Liebe kommt immer mehr zum Vorschein. Das Stück handelt von einem traditionellen, ländlichen Schweizer Familienalltag, unter Druck der Moderne und den aufkommenden Arbeiteraufständen. Ein gesellschaftliches und mit Geschichte beladenes Stück, das alte Zeiten aufleben lässt, aber auch Parallelen zu heutigen Familien aufzeigt. «Die Familie ist heute ein Politikum. Rechte Parteien pachten sie zum Beispiel als Kernzelle, die funktionieren muss, damit der Staat funktioniert. Solche eindimensionale Ansichten wollen wir relativieren», so Olivier Keller, Regisseur der Inszenierung. Eine Thematik, die genau ins Interessensfeld des Teams passt: «Wenn wir auf der Suche nach einem neuen Stück sind, geht es meistens um Dinge, die uns alle im Alltag beschäftigen», so Patric Bachmann, Dramaturg des Marie-Teams.

Kopfhörer für die Zuschauer

Eine hundertjährige Geschichte, die das Theater Marie in einen hellen und offenen Raum integriert. Das Foyer des Stadtmuseums, mit direktem Blick auf die Stätte der Uraufführung. Auch für die Bühne hat sich das Team etwas sehr Besonderes einfallen lassen: Sie besteht aus einem weissen Auto-Anhänger, der hinter der grossen Glasfront des Museums steht. «Der Wagen ist anfangs zu, die Zuschauer bekommen durch Kopfhörer mit, was drinnen passiert. Sie können jedoch nichts sehen», erläutert Keller. Es ist ein Jubiläum eines grossartigen Stücks und für das Team des Theater Marie ein besonders ereignisreiches Jahr. Anfang dieses Jahres wurden sie mit dem 2016 aufgeführten Stück «Zersplittert» an das 4. Schweizer Theatertreffen nach Lugano eingeladen.

Das Stück entstand in Koproduktion mit dem Theater Tuchlaube Aarau und dem Theater im Kornhaus Baden. Dramaturg des Theaters, Patric Bachmann, meint dazu: «Die Einladung bedeutet unglaublich viel. Es ist eine Auszeichnung für unsere bisherige Arbeit aber auch ein gutes Zeichen für die Zukunft.» Dabei sollten aber jene nicht vergessen werden, die das Theater seit Jahren unterstützen: «Es ist etwas Besonderes, wie gut wir vom Kuratorium und der Stadt Aarau unterstützt werden. Es ist auch eine Bestätigung, dass sich diese Unterstützung gelohnt hat», sind sich Bachmann und Keller einig. An das Theatertreffen, das vom 24. bis 28. Mai stattfindet, wurden insgesamt neun Schweizer Theaterproduktionen eingeladen.

Zeitreise für das Publikum

Ein Erfolg, der auch verpflichtet. «Es ist mehr als eine Auszeichnung für das Stück. Diese Auszeichnung hilft der schweizweiten Vernetzung», so Keller. «Das Interesse von Theaterschaffenden steigt, das erhöht auch ein wenig den Druck. Dem wir uns gerne stellen.»
Mit der Inszenierung von «Marie und Robert» scheinen sie diese Erwartungen problemlos erfüllen zu können. Das Marie-Team hat bei der Umsetzung das Stück in seiner ursprünglichen Blüte gelassen. Das gilt auch für die wunderschöne Mundart-Sprache. Zusammen mit den Kostümen und Requisiten aus dem Jahr 1917 nimmt das Stück die Zuschauer mit auf eine Zeitreise. «Wir haben das Stück nicht an die heutige Zeit angepasst, sondern stellen es in einen modernen Raum», so Keller. «Die Problematik zwischen Marie und Robert ist zeitlos. Es ist, als ob man ein altes Foto betrachtet, dass sich zu bewegen beginnt.»

Ein Theater, das im Museum stattfindet. Eine spannende Kombination, die Rebecca Etter in Form einer Installation noch reibungsloser gestaltet. Zu den Museumsöffnungszeiten können die Besucher Videos von verschiedenen Familien und ihrem zu Hause betrachten, die Etter interviewten. Ein bisschen Voyeurismus, der die Besucher aber ideal auf die Thematik des Stücks einstimmt.
«Marie und Robert», 2., 3., 4. sowie 10., 11., 12. Mai, jeweils um 20.15 Uhr, Stadtmuseum Aarau.