Wanderung
Müllers Wanderlust hält ganze 19 100 Kilometer

Fünf Jahre lang erwanderte Heinz Müller aus Suhr alle Wanderwege und sämtliche Strassen im ganzen Kanton. Und welch ein Wunder: In all den Jahren fing der 70-Jährige keine einzige Blase ein.

Hans Lüthi
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Wanderer Heinz Müller gestern um 12 Uhr: Ankunft nach den letzten Kilometern bei der Linner Linde.

Wanderer Heinz Müller gestern um 12 Uhr: Ankunft nach den letzten Kilometern bei der Linner Linde.

Annika Bütschi

Kein Mensch auf dem Planeten hat vom Aargau mehr gesehen als er, der Rekordwanderer Heinz Müller aus Suhr. Fünf Jahre lang war er auf Schusters Rappen unterwegs, auf allen Wanderwegen, allen Quartierstrassen, allen Gemeindestrassen, allen Kantonsstrassen. «Nur die Autobahnen habe ich ausgelassen, und die Umfahrung Döttingen-Klingnau war mir zu gefährlich», erzählt Müller in seiner heimeligen Stube im mittleren Wohnblock Helgenfeld. «Das war wie zur Arbeit gehen», erklärt der Pensionierte, «jeden Morgen bin ich um sechs Uhr aufgestanden und um acht Uhr irgendwo im Aargau losmarschiert». Immer vier Stunden lang, zügig, 16 bis 18 Kilometer pro Etappe. Bei jedem Wetter – «ausser, wenn es Katzen hagelte» – , bei Hitze im Sommer, bei minus 15 Grad im Winter.

Sechs Tage pro Woche wanderte Heinz Müller (Name nicht geändert) getreu dem Motto «Das Wandern ist des Müllers Lust». Nur am Donnerstag war der wanderfreie Tag, Zeit für den Haushalt und für Einkäufe. Seit dem Krebstod seiner Frau vor acht Jahren lebt er allein hier. Letzte Woche hatte er erstmals Wanderferien, präziser Ferien vom Wandern. Denn das Ziel lag in Griffnähe: Die letzten 15 von genau 19100 Kilometern zu Fuss führten Heinz Müller am 12. Mai 2012 kurz nach 12 Uhr zur Linner Linde.

Die Wanderfreunde Annie und Pius Deiss aus Herznach, Kollegen und Familienangehörige bereiteten einen kleinen, herzlichen Empfang, um die einmalige Leistung zu würdigen. Eigentlich wollte Müller seine Tour nach genau fünf Jahren schon zum 70. Geburtstag im März abschliessen. Aber ein paar Tage mehr spielen nach der halben Erdumrundung auf 1500 Wanderungen auch keine grosse Rolle – zwei ungeplante Operationen waren die Ursache für die Verspätung.

Wanderung brauchte viel Disziplin

Die unglaubliche Wanderwut wird dem Besucher erst in einem Nebenzimmer bewusst: Auf einer riesigen Aargauer Karte, aus 18 Sätzen im Massstab 1:25000 zusammengefügt, sind alle abgeschrittenen Wege, Weglein, Strässchen und Strassen rot eingetragen. Die Dichtheit des Netzes übersteigt jedes Vorstellungsvermögen, in der Nähe von Städten und Agglomerationen sieht der Betrachter (fast) nur noch rote Linien. Jeder andere hätte vor dieser Herkulesaufgabe irgendwann kapituliert, «es braucht schon Disziplin, bei jedem Gedanken ans Aufhören habe ich im Kopf sofort umgeschaltet», verrät Müller sein Durchhalterezept. «Über den Erfolg entscheiden nicht die Beine, das spielt sich nur im Kopf ab». Apropos Füsse: In all den Jahren «gab es keine einzige Blase, dank guter Pflege mit Salben nach den Wanderungen».

Auslöser war ein Herzinfarkt, vor 19 Jahren, nach einem Raubbau-Leben ohne Sport, ausser Fussball und Skifahren am Fernseher sowie drei Päckchen Zigaretten pro Tag. «Zur Rehabilitation wollte ich nicht, versprach aber, täglich Fussmärsche zu machen», erinnert sich Heinz Müller. Als er dann einen neuen Bekannten in Suhr besuchen wollte, fand er trotz Adresse die Wohnung nicht. Das stachelte die Neugier des heute gesunden Mannes an: Er kaufte sich eine Landkarte und erwanderte alle Wege und Strassen in Suhr. Von hier aus zogen sich die Kreise immer weiter, bis ihn das Projekt Kantonswanderung packte.

Zukunft noch offen

Wie geht es weiter, mit dem fast endlos gehenden Müller? «Zuerst müssen jetzt diese fünf Wanderjahre verdaut sein», sagt der Mann, den Freunde und Bekannte mitunter schon für leicht verrückt eingestuft haben. Sicher will er künftig gemütlicher und weniger zielstrebig unterwegs sein, an sehenswerte Orte zurückkehren, die er zu wenig geniessen konnte. «Der Weg der Schweiz um den Urnersee reizt mich besonders», antwortet er zu künftigen Projekten. Im Hinterkopf spüre er einen versteckten Reiz, einen Teil des berühmten Jakobswegs zurücklegen zu wollen.

Vom heiteren Himmel ist der Dauerwanderer nicht gefallen, schon im Winter 2004/05 gab es, quasi als Vorlauf, die Grenztour Aargau. Auf etwa 350 Kilometern möglichst genau der Kantonsgrenze folgend. «Nur auf der Lägern musste ich wegen eines steilen Felsens ausweichen, die 70 Kilometer von Kaiserstuhl nach Kaiseraugst bin ich dem Rheinufer gefolgt», präzisiert Heinz Müller — denn die Landesgrenze zu Deutschland verläuft ja mitten im Fluss. Krank war er nie, Unfällen und Gefahren ist er erfolgreich ausgewichen, indem er gefährliche Kantonsstrassen wie jene auf der Todesstrecke von Lenzburg nach Muri am Sonntag früh bei wenig Verkehr und ohne Lastwagen beging.

Der schönste Ort im Aargau, wo liegt er nun genau? Auf diese Frage hat er gewartet, «aber ich kann sie nicht beantworten. Der Aargau ist überall schön und hat fantastische Landschaften». Heinz Müller liebt diesen Mikrokosmos über alles, grosse Reisen in die Welt mag er nicht, «mir gefällt es einfach hier», meint der Wanderer bescheiden.

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