Aarau
Mozarts Unvollendete im Totenmonat November

Das Collegium Vocale Lenzburg singt an drei Aufführungen Mozarts Requiem, auch Totenmesse genannt.

Daniel Willi
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Das Collegium Vocale Lenzburg beweist unter der Leitung von Thomas Baldinger professionelles Niveau.

Das Collegium Vocale Lenzburg beweist unter der Leitung von Thomas Baldinger professionelles Niveau.

Romeo Basler

Auf den Monat genau vor 35 Jahren hat Professor Thomas Baldinger seinen Kammerchor Collegium Vocale Lenzburg (CVL) gegründet und bis heute ist er auch der einzige Dirigent. Das CVL probt zwar wöchentlich in Lenzburg, versteht sich aber als überregionale Aargauer Formation, die mittlerweile zu den besten des Kantons gehört. Mit seiner immensen Erfahrung und Kenntnis der einschlägigen Chormusik ist Baldinger mit dem CVL immer abseits der ausgetretenen Pfade marschiert und hat manche Trouvaille an die Oberfläche gebracht.

Eine nicht projektbezogene, sondern regelmässig-beharrliche Probenarbeit und konsequente Stimmbildung machen sich nun bezahlt: Das Ensemble besteht zwar vorwiegend aus Amateuren, erreicht aber manchmal durchaus professionelles Niveau. Die bedeutendsten Werke der Literatur – wie Händels «Messiah», die Oratorien Haydns oder die beiden Passionen Bachs – hat Baldinger in den vergangenen Jahren mit dem Chor einstudiert. Drei Aufführungen von Mozarts Requiem im Totenmonat November setzen nun einen weiteren Glanzpunkt in der Geschichte des CVL.

Um Mozarts einzige und unvollendet hinterlassene Vertonung der lateinischen «Missa pro defunctis» – auch Totenmesse oder Requiem genannt – ranken sich seit seiner Entstehungszeit im Herbst 1791 eine grosse Zahl von Mutmassungen und Legenden. Mozart lebte in seinem Todesjahr 1791 in Wien und schuf letzte, hoch bedeutende Werke wie die beiden Opern «La clemenza di Tito» und die «Zauberflöte».

Auf dem Sterbebett

Zu dieser Zeit arbeitete Mozart schon am Requiem, das ihm ein «grauer Bothe» – ein Gesandter des niederösterreichischen Grafen Franz von Walsegg – in Auftrag gegeben hatte. Am 20. November wurde Mozart bettlägerig und arbeitete ab diesem Datum nicht mehr am Requiem. Am 5. Dezember 1791 starb er an einer Niereninsuffizienz im Alter von knapp 36 Jahren.

Die Musikhistoriker interessieren sich vorab für die Weiterbearbeitung von Mozarts Requiem-Manuskript durch fremde Hände, anderseits für die genauen Umstände seiner Entstehung. Zur Legendenbildung trug insbesondere der Film «Amadeus» von 1984 von Miloš Forman und Peter Shaffer bei (Schaffer orientierte sich seinerseits am Drama «Mozart und Salieri» von Alexander Puschkin von 1830). Die Verschwörung des Wiener Hofkapellmeisters Salieri und die Szene, bei der Mozart auf dem Sterbebett Salieri das Requiem in die Feder diktiert, gehören indes definitiv in das Land der Erfindungen.

Zentraler ist hingegen die Frage um die überlieferte Werkgestalt des Requiems. Nach Mozarts Tod liess seine Witwe Constanze zwei seiner Schüler – Joseph von Eybler und Franz Xaver Süssmayr – das Requiem vollenden, um das dringend benötigte Honorar beim «grauen Bothen» einfordern zu können. Der Anteil dieser Schüler und die Frage, ob sie sich bei der Arbeit auf mündliche Anweisungen oder schriftliche Skizzen Mozarts stützen konnten, beschäftigt die Musikologen seither.

Heute kursieren bei den namhaften Musikverlagen verschiedene Vollendungsversuche des Requiems KV 626. Die meisten stützen sich dabei auf die Fassung Süssmayrs. So auch diejenige des deutschen Wissenschaftlers Franz Beyer, welche in den drei Konzerten des CVL erklingt.

Hoch spezialisiert

Ein hoch spezialisiertes Orchester – das Aargauer Capriccio Barockorchester – begleitet den Chor in einer sich an der Entstehungszeit orientierenden, «historisch informierten» Aufführungspraxis. Musiziert wird mit nachgebildeten Instrumenten aus Mozarts Zeit. Die Solopartien übernehmen Letizia Scherrer, Sopran, Barbara Erni, Alt, der Aargauer Tenor Valentin Johannes Gloor und der österreichische Bass-Bariton Matthias Helm.

Mozarts Requiem dauert auch in vollendeter Fassung nur knappe 50 Minuten. So stellt sich jedem Dirigenten die Frage nach einem passenden zusätzlichen Werk, welches das Requiem weder dominiert noch neben ihm erblasst. Mozarts motivisch-thematische Bezüge zu eigenen oder Stücken seiner Vorgänger und Zeitgenossen legen einige Werke nahe. Baldinger hat sich für das 25-minütige «Vesperae solennes de Confessore» KV 339 von 1780 entschieden, welches fast die gleiche Orchesterbesetzung aufweist und im Satz «Laudate pueri» in Tonart und Thematik die Kyrie-Fuge aus dem Requiem vorwegzunehmen scheint. Ein Glanzstück der Vesper ist die berühmte Sopranarie «Laudate dominum», welche Letizia Scherrer interpretieren wird.

Aufführungen: Samstag, 1. 11., 20 Uhr, Stadtkirche Aarau. Weitere Aufführungen in der kath. Kirche Villmergen (Sonntag, 2. 11., 17 Uhr) und in der Stadtkirche Brugg (Samstag, 8. 11., 20 Uhr).