Sie hebt die Arme in die Höhe und lächelt. Doch wenige Meter nach der Zieldurchfahrt schüttelt Esther Süss ein wenig den Kopf. «Ich muss wieder lernen, Velo zu fahren», sagt die Küttigerin als Erstes im Ziel. Was ist passiert? Wie schon beim letzten Weltcup-Rennen in Offenburg ist die Lehrerin für textiles Handwerken auch in Gränichen gestürzt. In der zweiten Runde passiert das Malheur, der Lenker verbiegt sich. Sie muss die ehemalige russische Weltmeisterin Irina Kalentiewa ziehen lassen. Bis zum Schluss wird sie noch 1:25 Minuten auf die Siegerin verlieren und als Zweite einfahren.

Im Ziel wird Esther Süss für die leise Enttäuschung entschädigt. «Bravo Esther». «Gratuliere Esther». Die Frau ist umschwärmt wie ein Rockstar. Kein Wunder. Sie fährt für den veranstaltenden Verein, den RC Gränichen. Die Lokalmatadorin hat also auch nach dem Rennen alle Hände voll zu tun. Sie schwärmt trotz des schwierigen Rennverlaufs von der Strecke. Den steilen Aufstieg bei der Kiesgrube hebt sie speziell hervor. «Wenn mich dort nicht so viele Leute angefeuert hätten, wäre ich wohl vom Velo gestiegen und hätte es raufgestossen», sagt sie und schmunzelt.

Das Pech klebt Süss an den Pneus

Irgendwie klebt Süss in dieser Saison das Pech an den Pneus. Beim zweiten Weltcup-Rennen der Saison in Dalby Forest bremst sie ein platter Reifen. Eine Woche später in Offenburg stürzt sie und auch in Gränichen muss sie erneut zu Boden. «Wenn man ans Limit geht, sind solche Sachen ganz schnell passiert», sagt die 37-Jährige. Verzweifeln tue sie deswegen nicht. «Ich baue mich an den guten Sachen auf. Ich bin hier in Gränichen toll gestartet und habe gegen Schluss meinen Rhythmus wieder gefunden.» In zwei Wochen will die Küttigerin in Italien ihren Marathon-Weltmeistertitel verteidigen. Aber der Fokus gilt ganz klar dem Cross Country. Hauptziel in dieser Saison ist die Heim-WM in Champéry. «Die Dichte ist im Moment sehr gross. An einem guten Tag kann ich dort auch aufs Podest fahren.» Und immer wieder kommen während des Interviews Gratulanten. Jeder will mit der Spitzenfahrerin einen Schwatz halten. Esther Süss, ein Rockstar für einen Tag.